Experimente zur Wahlblindheit zeigen, wie leicht Menschen ein vertauschtes Ergebnis übernehmen – und anschließend überzeugende Gründe dafür finden.
Eine Entscheidung, die Du nie getroffen hast
Stell Dir vor, vor Dir liegen zwei Fotografien. Zwei Gesichter, zwei Menschen, zwei unterschiedliche Eindrücke. Deine Aufgabe ist einfach: Welches Gesicht findest Du attraktiver?
Du entscheidest Dich.
Kurz darauf hältst Du das vermeintlich gewählte Foto in der Hand. Der Versuchsleiter fragt Dich, warum Du Dich gerade für diese Person entschieden hast.
Vielleicht gefallen Dir die Augen. Vielleicht wirkt der Gesichtsausdruck sympathischer. Vielleicht erscheint Dir das Gesicht offener oder interessanter. Du findest eine Erklärung – und sie klingt plausibel.
Nur gibt es ein Problem: Das Foto in Deiner Hand zeigt gar nicht die Person, die Du gewählt hast.
Der Versuchsleiter hat die Karten vertauscht.
Genau diese Versuchsanordnung verwendeten Petter Johansson, Lars Hall, Sverker Sikström und Andreas Olsson in einem 2005 in Science veröffentlichten Experiment. Die Teilnehmer sahen jeweils zwei Fotografien weiblicher Gesichter und sollten das für sie attraktivere Gesicht auswählen. Bei bestimmten Durchgängen tauschten die Forscher mithilfe eines Kartentricks unbemerkt das gewählte gegen das abgelehnte Foto aus. Anschließend sollten die Teilnehmer erklären, weshalb sie sich für dieses Gesicht entschieden hatten.
Viele bemerkten die Vertauschung nicht.
Bemerkenswert ist jedoch vor allem, was danach geschah: Die Teilnehmer konnten Eigenschaften des präsentierten Gesichts nennen und damit eine Entscheidung begründen, die sie in dieser Form gar nicht getroffen hatten.
Für dieses Phänomen prägten die Forscher den Begriff Choice Blindness – Wahlblindheit.
Das Erstaunliche besteht also weniger darin, dass uns ein geschickter Kartentrick täuschen kann. Unserer Wahrnehmung entgeht ständig etwas. Interessanter ist die zweite Ebene: Wir können offenbar eine überzeugende Begründung für eine Entscheidung entwickeln, obwohl der Ausgangspunkt dieser Begründung verändert wurde.
Das wirft eine Frage auf, die weit über ein Experiment mit Gesichtern hinausführt:
Wie gut kennen wir eigentlich die Gründe unserer eigenen Entscheidungen?
Das Beitragsbild greift genau diese Frage auf. Links stehen Menschen stellvertretend für den Entscheidenden. Rechts führen die verschiedenen Szenen vom Gesichterexperiment über Geschmack bis hin zu politischen Urteilen. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Zusammenstellung wirkt, folgt einer gemeinsamen Spur: Überall geht es um die Lücke zwischen dem, was wir ursprünglich gewählt haben, dem, was uns anschließend als unsere Wahl präsentiert wird – und dem, was wir danach darüber erzählen.
Wahlblindheit – wenn Entscheidung und Ergebnis auseinanderfallen
Wahlblindheit bezeichnet zunächst eine erstaunlich einfache Beobachtung: Menschen können unter bestimmten Bedingungen eine Abweichung zwischen ihrer ursprünglichen Entscheidung und dem anschließend präsentierten Ergebnis übersehen.
Doch das Phänomen besitzt zwei Ebenen, die voneinander unterschieden werden sollten.
Die erste lautet:
Die Veränderung wird nicht bemerkt.
Die zweite geht deutlich weiter:
Das veränderte Ergebnis wird als eigene Wahl akzeptiert und anschließend begründet.
Gerade diese zweite Ebene macht Wahlblindheit für die Beschäftigung mit Persönlichkeit so interessant.
Denn eine Begründung erleben wir gewöhnlich als Ausdruck innerer Kenntnis. Wenn ich erklären kann, warum ich mich entschieden habe, scheint damit zugleich geklärt zu sein, was mich zu dieser Entscheidung geführt hat.
Die Experimente stellen diese Selbstverständlichkeit infrage.
Eine Begründung kann schlüssig klingen. Sie kann differenziert sein. Sie kann sogar vollkommen ehrlich gemeint sein – und trotzdem muss sie den ursprünglichen Entscheidungsprozess nicht zuverlässig abbilden.
Eine überzeugende Begründung beweist noch nicht, dass sie die tatsächliche Ursache einer Entscheidung beschreibt.
Das bedeutet keineswegs, dass unsere Entscheidungen grundsätzlich zufällig sind oder wir keinerlei Zugang zu unseren Motiven besitzen. Wahlblindheit zeigt vielmehr eine Grenze unserer Selbstbeobachtung: Zwischen Entscheidung, Erinnerung und nachträglicher Erklärung kann sich mehr verändern, als unser subjektives Erleben vermuten lässt.
Wie weit diese Möglichkeit reicht, zeigte sich einige Jahre später an einem Ort, an dem Entscheidungen noch unmittelbarer erscheinen: beim eigenen Geschmack.
Wenn Grapefruit plötzlich besser schmeckt als Apfel-Zimt
2010 verlegten Lars Hall, Petter Johansson und Kollegen das Experiment aus dem Labor in einen Supermarkt.
Passanten probierten jeweils zwei verschiedene Marmeladen oder zwei Teesorten und sollten anschließend angeben, welche Variante sie bevorzugten. Unmittelbar danach bekamen sie vermeintlich ihre ausgewählte Probe erneut gereicht und sollten erklären, warum sie gerade diese gewählt hatten.
Tatsächlich hatten die Forscher in bestimmten Durchgängen den Inhalt ausgetauscht. Die Teilnehmer probierten also das Produkt, für das sie sich zuvor nicht entschieden hatten.
Auch hier blieb ein erheblicher Teil der Manipulationen unentdeckt. Insgesamt wurde höchstens etwa ein Drittel der vertauschten Durchgänge erkannt. Selbst bei deutlich unterschiedlichen Varianten – beispielsweise Zimt-Apfel gegenüber bitterer Grapefruit oder beim Geruch von Mango gegenüber Pernod – wurde höchstens ungefähr die Hälfte der Vertauschungen bemerkt.
Gerade das macht dieses Experiment so anschaulich.
Über Schönheit lässt sich bekanntlich streiten. Vielleicht denken wir deshalb noch: Attraktivität ist eben schwer greifbar.
Geschmack dagegen erscheint uns ausgesprochen unmittelbar.
Wir schmecken etwas.
Wir mögen es oder wir mögen es weniger.
Und trotzdem konnte sich bei vielen Versuchsteilnehmern innerhalb weniger Augenblicke das Objekt ihrer vermeintlichen Präferenz verändern.
Dabei geschah wiederum mehr als bloß eine Verwechslung. Die Teilnehmer beschrieben Eigenschaften der vertauschten Probe und erklärten, warum diese ihnen besser gefalle.
Das lässt sich leicht in den Alltag übertragen.
Wir kaufen einen Wein und erklären später, weshalb uns gerade seine besondere Note gefällt. Wir entscheiden uns für eine bestimmte Kaffeesorte, ein Smartphone, ein Auto oder eine Marke und können dafür gute Gründe nennen. Viele dieser Gründe mögen zutreffen. Doch allein die Tatsache, dass sie plausibel klingen, verrät noch wenig darüber, welchen Anteil sie tatsächlich an der ursprünglichen Entscheidung hatten.
Vielleicht wirkt eine Marke vertraut. Vielleicht hat uns eine Verpackung angesprochen. Vielleicht spielte eine Empfehlung eine Rolle. Vielleicht entstand eine spontane Präferenz, für die unser Denken erst später eine passende Erklärung fand.
Die Wahlblindheitsforschung liefert dafür keinen Beweis im Einzelfall. Sie zeigt jedoch, dass wir zumindest vorsichtiger mit der Gleichung umgehen sollten:
Ich kann meine Entscheidung erklären – also kenne ich ihre Ursache.
Noch bemerkenswerter wird das Phänomen, wenn wir die Welt von Geschmack und Attraktivität verlassen.
Denn eine Marmelade gehört kaum zu unserem innersten Selbstbild.
Eine moralische Überzeugung schon eher.
Aus Geschmack wird Überzeugung
2012 untersuchten Lars Hall, Petter Johansson und Thomas Strandberg, ob sich Wahlblindheit auch bei moralischen Einstellungen beobachten lässt.
Die Teilnehmer beantworteten einen Fragebogen zu moralischen Prinzipien und gesellschaftlich diskutierten Fragen. Mithilfe einer präparierten Papierkonstruktion wurden bestimmte Antworten anschließend unbemerkt in ihr Gegenteil verwandelt. Eine ursprünglich zustimmende Position erschien beispielsweise später als ablehnende Haltung – oder umgekehrt.
Danach sollten die Teilnehmer ihre vermeintliche Antwort erläutern.
Das Ergebnis war bemerkenswert: 69 Prozent der Teilnehmer bemerkten mindestens eine von zwei vorgenommenen Veränderungen nicht. Darüber hinaus entwickelten sie teilweise kohärente Argumente für Positionen, die ihrer wenige Minuten zuvor abgegebenen Antwort widersprachen.
Damit verändert sich die Bedeutung des Phänomens.
Bei Gesichtern ging es um:
Was gefällt mir?
Bei Tee und Marmelade um:
Was schmeckt mir?
Bei moralischen Fragen geht es plötzlich um:
Was halte ich für richtig?
Und damit rückt Wahlblindheit deutlich näher an die Persönlichkeit heran.
Moralische Überzeugungen erleben wir häufig als Ausdruck dessen, wer wir sind. Wir verbinden sie mit unseren Werten, unserem Selbstverständnis und manchmal sogar mit unserer Identität. Umso erstaunlicher ist die Beobachtung, dass auch solche Positionen unter bestimmten experimentellen Bedingungen verändert werden können, ohne dass die Veränderung sofort bemerkt wird.
Das bedeutet keineswegs, dass moralische Überzeugungen beliebig wären. Es zeigt vielmehr etwas Subtileres:
Was wir als feste innere Position erleben, kann beweglicher sein, als unser Gefühl von Gewissheit vermuten lässt.
An diesem Punkt verlässt Wahlblindheit endgültig den Bereich eines kuriosen psychologischen Experiments.
Denn wenn Menschen nicht nur ein anderes Gesicht oder einen anderen Geschmack als ihre eigene Wahl akzeptieren können, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar veränderte moralische Positionen begründen – dann stellt sich eine wesentlich grundsätzlichere Frage:
Was geschieht, wenn aus einer persönlichen Überzeugung eine politische Entscheidung wird?
Wenn eine fremde politische Position zur eigenen wird
Politische Überzeugungen berühren unser Selbstbild oft noch stärker als Geschmacksurteile oder einzelne moralische Fragen. Wer sich politisch positioniert, entscheidet schließlich nicht nur zwischen verschiedenen Sachargumenten. Häufig verbindet sich damit auch eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft funktionieren sollte, was gerecht ist, wem man vertraut und welcher Gruppe man sich näher fühlt.
Gerade deshalb erscheint eine politische Haltung meist erstaunlich stabil.
Doch auch hier zeigt die Wahlblindheitsforschung, dass diese Stabilität Grenzen besitzt.
2013 untersuchten Lars Hall, Petter Johansson und Kollegen das Phänomen während einer schwedischen Parlamentswahl. Die Teilnehmer beantworteten Fragen zu politischen Themen und ordneten ihre Positionen verschiedenen Parteien beziehungsweise politischen Lagern zu. Anschließend wurden einzelne Antworten manipuliert und ihnen als ihre eigenen zurückgegeben.
Viele bemerkten die Veränderung nicht.
Bei den manipulierten Einzelantworten lag die Entdeckungsrate je nach Auswertung bei höchstens rund 22 Prozent. Noch bemerkenswerter war, dass die große Mehrheit auch eine dadurch veränderte politische Gesamteinordnung akzeptierte. Die Teilnehmer konnten anschließend Argumente formulieren, die zu dieser vermeintlich eigenen Position passten.
Damit erreichte Wahlblindheit eine neue Ebene.
Es ging nun weder um Attraktivität noch um Geschmack. Es ging auch nicht mehr um eine isolierte moralische Aussage. Es ging um politische Einstellungen – also um Überzeugungen, die häufig eng mit Identität, Gruppenzugehörigkeit und Weltbild verbunden sind.
Das bedeutet allerdings nicht, dass politische Einstellungen beliebig wären oder sich Menschen problemlos von einer Position in ihr Gegenteil bewegen ließen. Eine solche Schlussfolgerung würde die Befunde überdehnen. Die Experimente zeigen vielmehr, dass zumindest einzelne politische Urteile beweglicher sein können, als es sich aus der Innenperspektive anfühlt.
Gerade darin liegt ihre Bedeutung.
Wir erleben eine politische Überzeugung häufig als etwas, das bereits vorhanden war und anschließend nur noch ausgesprochen wurde. Wahlblindheit eröffnet eine andere Möglichkeit: Ein Teil der vermeintlichen Stabilität könnte auch dadurch entstehen, dass wir eine Position im Nachhinein begründen, verteidigen und dadurch weiter festigen.
Wie stark dies politische Wahlentscheidungen beeinflussen kann, habe ich im Beitrag „Instabile politische Wahlentscheidungen“ ausführlicher betrachtet. Hier wird die Studie aus 2013 genauer betrachtet. Für die Frage nach Persönlichkeit ist jedoch ein anderer Aspekt entscheidend:
Wenn Menschen eine untergeschobene Position mit guten Argumenten verteidigen können, wie verlässlich ist dann unser Gefühl, die Ursachen unserer eigenen Überzeugungen zu kennen?
Vielleicht kennen wir unsere Gründe weniger gut, als wir glauben
Wir besitzen ein bemerkenswert starkes Vertrauen in unseren Zugang zu uns selbst.
Wenn uns jemand fragt, warum wir etwas getan haben, entsteht häufig innerhalb weniger Sekunden eine Antwort.
Warum hast Du diesen Beruf gewählt?
Warum hast Du Dich für dieses Auto entschieden?
Warum bist Du mit diesem Menschen zusammen?
Warum vertrittst Du diese politische Position?
Wir erleben die Antworten darauf meist nicht als Vermutungen. Sie fühlen sich wie Erinnerungen an unsere Motive an.
Doch genau hier wird es psychologisch interessant.
Unser Bewusstsein besitzt keinen vollständigen inneren Mitschnitt aller Prozesse, die einer Entscheidung vorausgehen. Wahrnehmungen, Emotionen, frühere Erfahrungen, Erwartungen, soziale Einflüsse und spontane Bewertungen wirken teilweise gleichzeitig auf uns ein. Vieles davon erreicht unser bewusstes Erleben nur ausschnittsweise.
Trotzdem entsteht im Nachhinein häufig eine verständliche Geschichte.
Das ist zunächst etwas ausgesprochen Nützliches. Wir brauchen solche Geschichten, um unser Verhalten einzuordnen, Erfahrungen miteinander zu verbinden und uns selbst als zusammenhängende Person zu erleben.
Schwierig wird es erst, wenn wir die Geschichte mit dem vollständigen Entstehungsprozess verwechseln.
Nehmen wir eine alltägliche Kaufentscheidung.
Du kaufst ein bestimmtes Auto und erklärst später:
Es war zuverlässig.
Der Verbrauch war günstig.
Das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugte Dich.
Vielleicht stimmt all das.
Vielleicht spielte aber auch eine Erinnerung an das Auto Deines Vaters eine Rolle. Vielleicht gefiel Dir die Marke schon lange. Vielleicht hat ein Bekannter begeistert davon gesprochen. Vielleicht vermittelte Dir das Design ein Gefühl von Sicherheit oder Status.
Diese Einflüsse schließen die sachlichen Gründe keineswegs aus. Sie können nebeneinander existieren.
Der entscheidende Punkt lautet daher nicht: Unsere Erklärungen sind falsch.
Die spannendere Frage lautet:
Wie vollständig sind sie?
Introspektion ist keine Kamera
Unter Introspektion versteht man die Beobachtung eigener Gedanken, Gefühle und innerer Vorgänge. Im Alltag behandeln wir diese Selbstbeobachtung häufig so, als könnten wir nach innen schauen und dort die Ursachen unseres Handelns unmittelbar entdecken.
Doch Introspektion funktioniert eher wie eine Rekonstruktion als wie eine Videoaufnahme.
Wir nehmen wahr, was wir getan haben. Wir kennen einen Teil unserer Gedanken und Gefühle. Wir berücksichtigen die Situation. Daraus entsteht eine Erklärung, die zu dem passt, was wir über uns selbst wissen.
Gerade deshalb kann sie ausgesprochen überzeugend sein.
Wahlblindheit macht diesen Mechanismus sichtbar, weil das Experiment einen Teil der Ausgangslage künstlich verändert. Der Teilnehmer glaubt, er habe ein bestimmtes Gesicht, einen Geschmack oder eine Position gewählt. Auf dieser Grundlage sucht sein Denken nach einer Erklärung.
Und es findet eine.
Das Erstaunliche daran liegt weniger in einer vermeintlichen Schwäche menschlicher Vernunft. Vielmehr zeigt sich hier ihre enorme Fähigkeit zur Sinnbildung. Unser Denken kann aus dem vorhandenen Material schnell eine kohärente Geschichte formen.
Nur besitzt Kohärenz eine Eigenschaft, die leicht übersehen wird:
Eine Geschichte kann stimmig sein, ohne die tatsächliche Ursache vollständig abzubilden.
Plausibilität und Ursächlichkeit sind daher zwei verschiedene Dinge.
Eine Begründung beantwortet die Frage:
„Wie lässt sich meine Entscheidung sinnvoll erklären?“
Die Ursachenfrage lautet dagegen:
„Welche Prozesse haben tatsächlich dazu geführt, dass diese Entscheidung entstanden ist?“
Beides kann übereinstimmen. Beides kann sich teilweise überschneiden. Und manchmal kann zwischen beidem eine erstaunliche Lücke liegen.
Genau an dieser Stelle führt Wahlblindheit von der Entscheidungspsychologie zur Persönlichkeit.
Denn wenn wir unsere Entscheidungen nachträglich deuten, dann erzählen wir damit zugleich etwas darüber, wer wir sind.
Aus einer Entscheidung wird eine Erklärung.
Aus wiederholten Erklärungen entsteht ein Selbstbild.
Und dieses Selbstbild kann wiederum beeinflussen, wie wir in Zukunft entscheiden.
Damit beginnt eine noch grundsätzlichere Frage: Entdecken wir unsere Persönlichkeit lediglich – oder tragen wir durch unsere eigenen Erklärungen fortwährend dazu bei, sie zu erschaffen?
Der Mensch als Erzähler seiner selbst
Persönlichkeit erleben wir häufig als etwas, das in uns vorhanden ist. Wir sprechen davon, jemand sei hilfsbereit, ehrgeizig, konfliktscheu, mutig, vorsichtig, spontan oder zuverlässig. Solche Begriffe wirken wie Eigenschaften, die wir an uns entdecken.
Doch Persönlichkeit besteht nicht nur aus Verhalten. Sie besteht auch aus Deutungen.
Wir beobachten, was wir tun. Wir erinnern uns an Situationen. Wir vergleichen unser Verhalten mit früheren Erfahrungen. Und daraus entsteht nach und nach eine Vorstellung davon, wer wir sind.
Jemand hilft Freunden regelmäßig, wenn sie Unterstützung brauchen. Irgendwann lautet die Selbstbeschreibung:
„Ich bin ein hilfsbereiter Mensch.“
Jemand vermeidet Auseinandersetzungen und versucht, Spannungen möglichst schnell aufzulösen. Daraus kann entstehen:
„Ich bin friedliebend.“
Jemand entscheidet häufig spontan:
„Ich bin eben ein Bauchmensch.“
Solche Aussagen können durchaus zutreffen. Gleichzeitig enthalten sie bereits eine Interpretation.
Denn dass jemand anderen hilft, kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht empfindet er echte Freude daran. Vielleicht möchte er gebraucht werden. Vielleicht fällt es ihm schwer, Erwartungen anderer zu enttäuschen. Vielleicht verbindet er Hilfsbereitschaft mit moralischem Wert. Vielleicht wirken mehrere Motive gleichzeitig.
Auch Konfliktvermeidung lässt unterschiedliche Deutungen zu. Sie kann Ausdruck von Gelassenheit sein. Sie kann aus Angst vor Ablehnung entstehen. Sie kann strategisch klug sein oder aus Unsicherheit hervorgehen.
Dasselbe Verhalten erzählt also nicht automatisch dieselbe Geschichte.
Und trotzdem entwickeln wir aus solchen Erfahrungen ein zusammenhängendes Bild von uns selbst.
Wir erleben unsere Persönlichkeit nicht nur. Wir erzählen sie uns auch.
Diese Erzählung erfüllt eine wichtige Funktion. Sie schafft Kontinuität. Der Mensch von gestern, heute und morgen erscheint dadurch als dieselbe Person. Einzelne Entscheidungen, Erlebnisse und Verhaltensweisen werden miteinander verbunden.
Aus vielen verstreuten Momenten entsteht eine Biografie.
Wenn das „Warum“ rückwirkend entsteht
Wahlblindheit macht sichtbar, wie schnell eine solche Deutung entstehen kann.
Ein Ergebnis wird präsentiert.
Das Ergebnis gilt als eigene Entscheidung.
Dann entsteht eine Erklärung.
Diese Erklärung passt sich an das an, was in diesem Moment als Tatsache erlebt wird.
Auf Persönlichkeit übertragen lässt sich daraus ein einfaches Muster ableiten:
Ergebnis → Erklärung → Selbstbild → zukünftige Erwartung
Ein Mensch erlebt beispielsweise wiederholt, dass er in Gruppen wenig sagt. Dafür kann er unterschiedliche Erklärungen entwickeln.
Vielleicht denkt er:
„Ich bin eben introvertiert.“
Diese Selbstbeschreibung kann zutreffen. Sie kann aber auch andere Möglichkeiten verdecken. Vielleicht fühlt er sich in dieser speziellen Gruppe unsicher. Vielleicht möchte er Konflikte vermeiden. Vielleicht hat er gelernt, dass seine Meinung wenig zählt. Vielleicht braucht er schlicht länger, um Gedanken zu formulieren.
Wird aus einer situativen Beobachtung jedoch eine feste Identitätsaussage, verändert sich die Bedeutung.
Aus: „In solchen Situationen sage ich wenig.“
wird: „So bin ich.“
Und genau hier beginnt das Selbstbild, zukünftiges Verhalten mitzugestalten.
Wer sich als zurückhaltend versteht, erwartet von sich Zurückhaltung. Wer sich als konfliktscheu erlebt, rechnet damit, Konflikte zu vermeiden. Wer sich als jemand beschreibt, „der mit Technik nichts anfangen kann“, begegnet technischen Herausforderungen bereits mit einer entsprechenden Erwartung.
So können Erklärungen zu Orientierung werden.
Und Orientierung kann zu Verhalten werden.
Persönlichkeit entsteht damit nicht nur durch das, was uns widerfährt, sondern auch durch die Bedeutungen, die wir diesen Erfahrungen geben.
Persönlichkeit als Entdeckung und Konstruktion
An dieser Stelle wäre es zu einfach zu sagen, Persönlichkeit sei lediglich eine Geschichte.
Menschen unterscheiden sich tatsächlich in Temperament, emotionaler Reaktivität, Gewohnheiten, Interessen, Fähigkeiten und relativ stabilen Verhaltensmustern. Biologische Voraussetzungen, frühe Erfahrungen, soziale Beziehungen und kulturelle Einflüsse prägen uns.
Persönlichkeit besitzt also eine reale Kontinuität.
Gleichzeitig ist sie keine starre Substanz.
Wir beobachten uns, interpretieren unser Verhalten und ordnen Erfahrungen in bereits vorhandene Vorstellungen ein. Dadurch entsteht eine Wechselwirkung:
Wir handeln aus unserem Selbstbild heraus – und unser Selbstbild verändert sich durch das, was wir erleben und wie wir es deuten.
Genau deshalb erscheint die Unterscheidung zwischen Entdeckung und Konstruktion so hilfreich.
Ein Teil unserer Persönlichkeit wird entdeckt.
Ein anderer Teil wird gedeutet.
Ein weiterer Teil wird durch Wiederholung stabilisiert.
Und manches, was wir lange für eine feste Eigenschaft hielten, zeigt sich später vielleicht als erlernte Reaktion auf bestimmte Bedingungen.
Diese Offenheit ist kein Mangel an Identität.
Sie gehört vielmehr zu einer lebendigen Persönlichkeit.
Rationalisierung ist mehr als eine Ausrede
Der Begriff Rationalisierung klingt im Alltag häufig abwertend. Jemand sucht angeblich nur nach einer Ausrede.
Doch psychologisch ist der Vorgang interessanter.
Rationalisierung bezeichnet vereinfacht die nachträgliche Entwicklung einer vernünftig klingenden Erklärung für ein Verhalten, dessen tatsächliche Ursachen teilweise anders gelagert sein können.
Dabei muss keine bewusste Täuschung stattfinden.
Gerade die Wahlblindheitsexperimente zeigen das eindrucksvoll. Die Teilnehmer wollten den Versuchsleiter nicht täuschen. Sie wussten schlicht nicht, dass die Ausgangssituation verändert worden war.
Sie erklärten das, was sie für ihre eigene Wahl hielten.
Das Denken stellte also Kohärenz her.
Diese Fähigkeit ist keineswegs nutzlos. Im Gegenteil.
Menschen brauchen Zusammenhänge.
Wir wollen verstehen, warum etwas geschehen ist. Wir wollen unser Verhalten einordnen. Wir wollen erklären können, warum wir heute anders denken als früher oder warum wir in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren.
Ohne solche Deutungen würden einzelne Erlebnisse, Entscheidungen und Reaktionen unverbunden nebeneinanderstehen.
Rationalisierung ist deshalb zunächst ein Versuch, Ordnung herzustellen.
Problematisch wird sie dort, wo Ordnung mit Wahrheit verwechselt wird.
Eine Erklärung kann psychologisch nützlich sein und dennoch unvollständig bleiben.
Wenn du dich beispielsweise häufig als hilfsbereit, verständnisvoll oder besonders rücksichtsvoll erlebst, könnte dahinter auch People Pleasing stehen – also die Tendenz, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen und Konflikte oder Ablehnung möglichst zu vermeiden. Mehr dazu findest du auf meiner Coaching-Seite: https://selbstbestimmt-coach.de/people-pleasing/
Die Stärke und die Gefahr innerer Stimmigkeit
Innere Stimmigkeit besitzt eine enorme psychologische Kraft. Wenn eine Erklärung zu unserem Selbstbild passt, fühlt sie sich vertraut an. Sie wirkt plausibel. Sie lässt sich leichter erinnern und mit anderen Erfahrungen verbinden.
Das kann stabilisieren.
Wer sich als verlässlich erlebt, handelt häufig auch künftig verlässlich.
Wer sich als lernfähig versteht, begegnet Fehlern anders als jemand, der aus ihnen sofort den Schluss zieht, ungeeignet zu sein.
Selbstbilder können Orientierung geben. Doch dieselbe Stabilität kann auch zur Begrenzung werden.
Ein Mensch, der sich seit Jahren erzählt: „Ich kann einfach nicht Nein sagen.“
beschreibt damit vielleicht eine reale Schwierigkeit.
Gleichzeitig wird aus einem veränderbaren Verhaltensmuster schnell eine Identitätsaussage.
Oder jemand sagt: „Ich gerate eben immer an die falschen Menschen.“
Auch hier steckt möglicherweise eine zutreffende Beobachtung darin. Doch die Formulierung lenkt den Blick vor allem auf die anderen. Eigene Auswahlmuster, Erwartungen, Warnsignale oder Beziehungsvorstellungen geraten leicht aus dem Blick.
Das Selbstbild ordnet Erfahrung.
Und gerade deshalb filtert es auch Erfahrung.
Was dazu passt, wird leichter erkannt.
Was widerspricht, braucht mehr Aufmerksamkeit.
Wenn aus Erklärung Erwartung wird
Die Verbindung zwischen Wahlblindheit und Persönlichkeit liegt damit tiefer, als es zunächst scheint. Beim Experiment wird ein Ergebnis übernommen und danach begründet.
Im Alltag kann ein ähnlicher Prozess über längere Zeiträume stattfinden.
Eine Erfahrung wird gedeutet.
Die Deutung wird wiederholt.
Aus Wiederholung entsteht eine Selbstbeschreibung.
Aus der Selbstbeschreibung entsteht Erwartung.
Und Erwartungen beeinflussen wiederum Wahrnehmung und Verhalten.
Ein möglicher Kreislauf lautet:
Erfahrung → Deutung → Selbstbild → Erwartung → Verhalten → neue Erfahrung
Damit kann sich Persönlichkeit stabilisieren.
Nicht, weil sie unveränderlich wäre, sondern weil wir unsere bisherigen Erfahrungen immer wieder durch dieselbe Deutungsbrille betrachten.
Gerade deshalb ist Selbstkenntnis anspruchsvoller als das bloße Benennen eigener Eigenschaften.
Zu wissen, dass man sich für hilfsbereit, vorsichtig, ehrgeizig oder konfliktscheu hält, ist erst der Anfang.
Interessanter wird die Frage:
Wie ist diese Beschreibung entstanden?
Welche Erfahrungen haben sie geprägt?
Welche Situationen bestätigen sie?
Welche widersprechen ihr?
Und welche Verhaltensweisen wurden möglicherweise erst dadurch wahrscheinlicher, dass die Selbstbeschreibung bereits vorhanden war?
Persönlichkeit zeigt sich nicht nur darin, wie wir handeln. Sie zeigt sich auch darin, wie wir unser Handeln erklären – und welche Zukunft diese Erklärungen anschließend möglich erscheinen lassen.
Damit bekommt Wahlblindheit eine überraschend konstruktive Bedeutung.
Wenn unsere Deutungen nicht vollkommen identisch mit den tatsächlichen Ursachen unseres Handelns sind, dann bedeutet das nämlich auch: Manche Selbstbeschreibungen besitzen weniger Endgültigkeit, als wir ihnen zuschreiben.
Und genau dort öffnet sich der Weg zur letzten Frage dieses Beitrags:
Wenn ein Teil unseres Selbstbildes beweglicher ist, als wir glauben – liegt darin vielleicht nicht nur Unsicherheit, sondern auch Freiheit?
Die paradoxe Stärke der Wahlblindheit
Auf den ersten Blick wirkt Wahlblindheit wie eine Schwäche. Wenn Menschen eine vertauschte Entscheidung nicht erkennen und anschließend sogar Gründe für eine Wahl nennen können, die sie nie getroffen haben, scheint dies wenig schmeichelhaft für unser Bild vom selbstbestimmten Menschen zu sein.
Doch man kann die Befunde auch aus einer anderen Perspektive betrachten.
Wenn unsere Präferenzen, Überzeugungen und Selbstdeutungen weniger starr sind, als sie sich anfühlen, dann bedeutet das zugleich, dass sie veränderbar sind. Was zunächst wie eine Begrenzung erscheint, verweist damit auf eine Fähigkeit, ohne die Persönlichkeitsentwicklung kaum denkbar wäre: Menschen können ihre Deutungen verändern.
Wir erleben viele Vorstellungen über uns selbst mit erstaunlicher Endgültigkeit. „Ich bin eben so“, gehört vermutlich zu den wirksamsten Sätzen, mit denen Menschen ihre eigene Entwicklung begrenzen können. Darin steckt häufig die Vorstellung, eine bestimmte Reaktion, ein wiederkehrendes Verhalten oder eine gewohnte Denkweise sei Ausdruck eines unveränderlichen Wesenskerns.
Doch wenn Persönlichkeit auch aus Deutungen entsteht, verliert dieser Satz einen Teil seiner Absolutheit.
Vielleicht beschreibt „So bin ich“ manchmal tatsächlich eine relativ stabile Eigenschaft. Vielleicht beschreibt er aber ebenso eine Gewohnheit, eine erlernte Reaktion oder ein Selbstbild, das über Jahre hinweg immer wieder bestätigt wurde.
Wahlblindheit beantwortet diese Frage nicht. Sie erinnert uns jedoch daran, wie vorsichtig wir mit der Gewissheit umgehen sollten, die wir unseren eigenen Erklärungen verleihen.
Die interessante Botschaft der Wahlblindheit liegt weniger darin, dass wir uns täuschen können.
Sie liegt darin, dass manches in uns beweglicher ist, als wir glauben.
Gerade diese Beweglichkeit eröffnet einen Raum zwischen dem, was bisher war, und dem, was künftig möglich sein könnte.
Selbstbestimmtheit beginnt mit einer Unsicherheit
Selbstbestimmtheit verbinden wir leicht mit Sicherheit. Wer selbstbestimmt handelt, so die intuitive Vorstellung, weiß, was er will, kennt seine Gründe und trifft daraus eine klare Entscheidung.
Doch Selbstbestimmtheit beginnt an einer anderen Stelle.
Nicht bei vollkommener Gewissheit, sondern bei der Bereitschaft, die eigene Gewissheit zu prüfen.
Zwischen den beiden Aussagen
„Ich kann erklären, warum ich so entschieden habe.“
und
„Ich kenne die tatsächlichen Ursachen meiner Entscheidung.“
liegt ein erheblicher Unterschied.
Der erste Satz beschreibt eine Deutung. Der zweite erhebt den Anspruch, den Entstehungsprozess zu kennen.
Gerade bei wichtigen Lebensentscheidungen wirken jedoch häufig viele Ebenen zusammen. Erfahrungen aus der Vergangenheit, Erwartungen anderer Menschen, soziale Normen, Ängste, Bedürfnisse, spontane Gefühle und bewusste Überlegungen können sich überlagern. Manches davon nehmen wir klar wahr, anderes bleibt eher im Hintergrund.
Selbstkenntnis könnte deshalb weniger bedeuten, für jede Handlung sofort eine endgültige Erklärung zu besitzen. Sie könnte vielmehr darin bestehen, die eigenen Erklärungen als etwas zu betrachten, das überprüft, ergänzt und manchmal auch verändert werden kann.
Das verändert die Frage.
Statt nur zu fragen: „Warum habe ich das getan?“
öffnet sich eine größere Perspektive: „Wie bin ich zu der Erklärung gekommen, die ich mir heute dafür gebe?“
Diese zweite Frage richtet den Blick nicht nur auf die Entscheidung, sondern auch auf die eigene Deutung der Entscheidung. Und genau dort entsteht ein Stück innerer Freiheit. Denn was als Deutung erkannt wird, kann erneut betrachtet werden.
Was Wahlblindheit nicht bedeutet
Bei aller Faszination für die Experimente ist eine Grenze wichtig. Wahlblindheit bedeutet keineswegs, dass Menschen überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Ebenso wenig zeigt sie, dass jede Präferenz, moralische Überzeugung oder politische Haltung beliebig austauschbar wäre.
Viele Manipulationen wurden in den Experimenten durchaus erkannt. Menschen besitzen stabile Vorlieben und Überzeugungen. Manche Einstellungen sind tief verankert und über lange Zeiträume erstaunlich beständig.
Wahlblindheit zeigt vielmehr, dass Stabilität und Beweglichkeit gleichzeitig existieren können.
Auch eine nachträgliche Begründung ist deshalb nicht automatisch falsch. Wenn jemand erklärt, weshalb ihm ein bestimmtes Gesicht gefällt oder warum er eine politische Position überzeugend findet, können die genannten Gründe durchaus zu seinen tatsächlichen Präferenzen passen. Die Experimente erlauben lediglich einen wichtigen Schluss:
Die Plausibilität einer Begründung reicht allein nicht aus, um sicher zu wissen, wie eine Entscheidung entstanden ist.
Diese Unterscheidung bewahrt das Thema vor einer ebenso verführerischen wie falschen Übertreibung. Der Mensch ist weder vollständig Herr über alle Prozesse seines Denkens noch ein willenloses Wesen, dessen Überzeugungen sich beliebig austauschen lassen.
Gerade zwischen diesen beiden Extremen liegt die interessante Wirklichkeit.
Wir besitzen Orientierung und bleiben beeinflussbar. Wir entwickeln stabile Selbstbilder und können sie verändern. Wir treffen bewusste Entscheidungen und werden zugleich von Prozessen geprägt, die uns nur teilweise bewusst sind.
Vielleicht besteht Selbstbestimmtheit deshalb weniger darin, diese Ambivalenz aufzulösen, als darin, sie wahrzunehmen.
Wie sicher können wir uns unserer eigenen Gründe sein?
Am Ende können wir noch einmal zu dem Experiment zurückkehren, mit dem alles begann.
Vor Dir liegen zwei Gesichter. Du wählst eines davon.
Wenig später hältst Du ein Foto in der Hand und erklärst, warum gerade dieses Gesicht Deine Wahl war. Deine Begründung klingt schlüssig. Vielleicht erwähnst Du die Augen, den Ausdruck oder eine bestimmte Ausstrahlung.
Doch das Gesicht in Deiner Hand ist ein anderes.
Die Entscheidung wurde vertauscht.
Was im Labor innerhalb weniger Sekunden geschieht, führt zu einer weit größeren Frage über unser Leben. Denn auch außerhalb eines Experiments erklären wir fortwährend, warum wir Menschen mögen, Berufe wählen, Beziehungen eingehen, Produkte kaufen, politische Positionen vertreten oder in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich handeln.
Aus diesen Erklärungen entsteht mit der Zeit eine Geschichte.
Eine Geschichte darüber, wer wir sind.
Diese Geschichte ist keineswegs bedeutungslos. Sie gibt Orientierung, verbindet Erfahrungen und schafft Identität. Doch vielleicht lohnt es sich, sie weniger als fertige Biografie und mehr als fortlaufenden Entwurf zu betrachten.
Denn manche Kapitel beruhen auf Erfahrungen, andere auf Deutungen. Manche Selbstbeschreibungen haben sich bewährt. Andere wurden vielleicht so oft wiederholt, dass ihre Entstehung kaum noch sichtbar ist.
Persönlichkeitsentwicklung könnte deshalb auch bedeuten, gelegentlich zwischen der Erfahrung und ihrer Erklärung einen kleinen Zwischenraum entstehen zu lassen.
Keinen Raum des permanenten Zweifels.
Eher einen Raum der Neugier.
Einen Raum, in dem aus dem vertrauten Satz „So bin ich eben“ wieder eine Frage werden kann:
„Warum glaube ich eigentlich, dass ich so bin?“
Vielleicht beginnt Selbstbestimmtheit genau dort: nicht mit absoluter Sicherheit über uns selbst, sondern mit der Fähigkeit, unsere eigenen Erklärungen betrachten zu können, ohne sie sofort mit unserer Identität gleichzusetzen.
Wie viele Deiner Erklärungen über Dich selbst beschreiben tatsächlich die Ursachen Deines Handelns – und wie viele geben Deinem Handeln erst im Nachhinein eine stimmige Geschichte?