Eine deutsche Studie erweitert das Verständnis politischer Wirksamkeit um die Frage, wie Menschen die politische Berücksichtigung ihrer eigenen gesellschaftlichen Gruppe erleben.

Einleitung

Wie politisch wirksam sich ein Mensch fühlt, hängt offenbar von mehr ab als von der Frage, ob er Politik versteht oder glaubt, mit seiner Stimme etwas bewirken zu können.

Eine 2026 veröffentlichte deutsche Studie zeigt, dass Menschen zwischen verschiedenen Formen politischer Wirksamkeit unterscheiden. Sie können sich selbst durchaus für politisch kompetent halten und gleichzeitig glauben, dass Menschen mit ihrem gesellschaftlichen Hintergrund politisch weniger Gehör finden.

Die Forscher schlagen deshalb vor, neben der persönlichen und der allgemeinen politischen Wirksamkeit eine dritte Dimension zu unterscheiden: die gruppenpolitische Wirksamkeit.

Die Studie

Politikwissenschaftler unterscheiden traditionell zwei Formen politischer Wirksamkeit.

Die interne politische Wirksamkeit beschreibt die eigene Einschätzung: Verstehe ich politische Zusammenhänge? Traue ich mir zu, politische Fragen zu beurteilen und mich politisch einzubringen?

Die externe politische Wirksamkeit richtet den Blick auf das politische System: Reagiert Politik grundsätzlich auf die Anliegen der Bürger? Haben Menschen Möglichkeiten, politischen Einfluss auszuüben?

Susanne Garritzmann, Sigrid Roßteutscher, Birgit Becker und Max P. Jansen von der Goethe-Universität Frankfurt ergänzen dieses Modell nun um eine dritte Ebene: die gruppenpolitische Wirksamkeit. Gemeint ist die Wahrnehmung, wie stark das politische System auf Menschen reagiert, die einen ähnlichen gesellschaftlichen Hintergrund haben wie man selbst.

Vereinfacht lassen sich die drei Ebenen so unterscheiden:

„Ich verstehe Politik und kann mich einbringen.“
Das entspricht der internen politischen Wirksamkeit.

„Das politische System reagiert grundsätzlich auf die Bürger.“
Das entspricht der externen politischen Wirksamkeit.

„Menschen mit meinem gesellschaftlichen Hintergrund werden politisch gehört.“
Das beschreibt die gruppenpolitische Wirksamkeit.

Gerade diese dritte Ebene ist interessant. Denn die drei Einschätzungen können bei derselben Person unterschiedlich ausfallen.

Jemand kann beispielsweise politisch interessiert sein, sich ein eigenes Urteil zutrauen und das politische System grundsätzlich für zugänglich halten. Gleichzeitig kann er den Eindruck haben, dass Menschen mit seinem Bildungsniveau, seiner wirtschaftlichen Situation oder seinem Migrationshintergrund weniger Einfluss besitzen.

Wie wurde untersucht?

Die Forscher verwendeten zwei große, registerbasierte Onlinebefragungen in Deutschland. Eine richtete sich an Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die andere an Erwachsene. Die Befragungen fanden zwischen November 2023 und Februar 2024 statt. Für die zentralen statistischen Analysen standen Daten von 3.914 Jugendlichen und 4.933 Erwachsenen zur Verfügung.

Bei den Jugendlichen wurde besonders deutlich erklärt, worauf sich der gesellschaftliche Hintergrund beziehen sollte: auf Herkunft, Bildungsabschlüsse und die wirtschaftliche Situation der Familie. Bei den Erwachsenen bezogen sich entsprechende Fragen auf den eigenen Hintergrund.

Die Forscher untersuchten anschließend, ob sich die Antworten tatsächlich besser durch zwei oder durch drei unterschiedliche Formen politischer Wirksamkeit erklären lassen.

Zentrale Ergebnisse

Das zentrale Ergebnis fällt deutlich aus: Das Drei-Komponenten-Modell passte zu den erhobenen Daten besser als Modelle, die politische Wirksamkeit lediglich als eine oder zwei Dimensionen betrachteten.

Die Menschen unterschieden also tatsächlich zwischen ihrer eigenen politischen Kompetenz, der allgemeinen Reaktionsfähigkeit des politischen Systems und der politischen Berücksichtigung ihrer gesellschaftlichen Gruppe. Dieses Muster zeigte sich sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.

Besonders interessant wird das Ergebnis beim Blick auf unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe.

Menschen aus wirtschaftlich besser gestellten Verhältnissen berichteten im Durchschnitt eine höhere gruppenpolitische Wirksamkeit. Ähnliche Unterschiede zeigten sich beim Bildungsniveau. Menschen aus gesellschaftlich weniger privilegierten Verhältnissen nahmen ihre eigene Gruppe häufiger als politisch weniger wirksam wahr.

Besonders deutlich zeigte sich die Unterscheidung beim Migrationshintergrund. Personen mit Migrationshintergrund konnten durchaus der Ansicht sein, dass das politische System grundsätzlich auf Bürger reagiert, gleichzeitig jedoch die politische Wirksamkeit der eigenen gesellschaftlichen Gruppe deutlich niedriger einschätzen.

Die Forscher fanden zudem, dass viele Menschen externe und gruppenpolitische Wirksamkeit keineswegs identisch bewerten.

Bei 64 Prozent der Erwachsenen unterschieden sich beide Einschätzungen. Bei den Jugendlichen waren es sogar mehr als 85 Prozent.

Damit wird ein wichtiger psychologischer Unterschied sichtbar:

Ein Mensch kann Vertrauen in die grundsätzliche Funktionsweise eines politischen Systems besitzen und trotzdem davon überzeugt sein, dass Menschen wie er innerhalb dieses Systems weniger Gehör finden.

Warum „Menschen wie ich“ problematisch sein kann

Die Studie beschäftigt sich zugleich mit einem methodischen Problem bisheriger Untersuchungen.

In politischen Befragungen werden Menschen häufig mit Aussagen konfrontiert wie:

„Menschen wie ich haben Einfluss auf politische Entscheidungen.“

Doch wer sind eigentlich „Menschen wie ich“?

Für einen Menschen kann damit seine Einkommensgruppe gemeint sein. Ein anderer denkt an seinen Beruf. Ein Dritter an seine Herkunft, sein Alter, seine Bildung oder sein Geschlecht.

Welche Gruppe gerade besonders wichtig erscheint, kann zudem von aktuellen Erfahrungen, politischen Konflikten oder Medienberichten beeinflusst werden. Die Forscher argumentieren deshalb, dass solche allgemeinen Formulierungen unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander vermischen können.

Ihre Konsequenz lautet: Soll die allgemeine Reaktionsfähigkeit des politischen Systems gemessen werden, sollte die Frage keinen Gruppenbezug enthalten. Soll dagegen die gruppenpolitische Wirksamkeit untersucht werden, sollte konkret benannt werden, auf welche Gruppe sich die Frage bezieht.

Bedeutung der Ergebnisse

Die Studie erweitert unser Verständnis politischer Wahrnehmung um eine wichtige Ebene.

Politisches Vertrauen lässt sich offenbar schwer mit einer einzigen Frage erfassen. Ein Mensch kann sein politisches System grundsätzlich akzeptieren und dennoch eine deutliche Distanz zwischen diesem System und seiner eigenen gesellschaftlichen Gruppe wahrnehmen.

Damit rückt ein Faktor in den Mittelpunkt, der für gesellschaftliche Entwicklungen erheblich sein könnte: die wahrgenommene politische Zugehörigkeit.

Entscheidend ist dabei zunächst weniger, ob eine gesellschaftliche Gruppe objektiv tatsächlich zu wenig Einfluss besitzt. Für das Verhalten eines Menschen kann bereits seine Wahrnehmung bedeutsam sein.

Wer über längere Zeit den Eindruck gewinnt, dass „Menschen wie ich“ politisch kaum zählen, erlebt Politik aus einer anderen Perspektive als jemand, der seine eigene gesellschaftliche Gruppe als einflussreich wahrnimmt.

Genau hier liegt zugleich eine wichtige Grenze der Studie. Sie untersucht diese Wahrnehmungen und ihre Zusammenhänge mit gesellschaftlichem Hintergrund. Sie weist jedoch noch nicht nach, welche politischen Verhaltensweisen daraus entstehen.

Die Autoren nennen diese Frage ausdrücklich als Aufgabe zukünftiger Forschung. Denkbar wäre beispielsweise, dass allgemeine politische Wirksamkeit stärker mit klassischen Formen politischer Beteiligung zusammenhängt, während gruppenpolitische Wirksamkeit für Protestbewegungen oder andere gruppenbezogene Formen politischer Mobilisierung eine größere Rolle spielen könnte. Dies ist bislang eine theoretische Überlegung und kein Ergebnis dieser Studie.

Eigene Einordnung zu: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit

Aus psychologischer Sicht berührt die Studie eine grundlegende Frage: Wie groß erlebt ein Mensch seinen eigenen Handlungsspielraum innerhalb einer Gesellschaft?

Selbstbestimmtheit hängt nicht allein davon ab, welche Möglichkeiten objektiv vorhanden sind. Entscheidend ist ebenfalls, welche Möglichkeiten ein Mensch wahrnimmt.

Dabei lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

Ein Mensch kann sich selbst als handlungsfähig erleben. Er kann ein gesellschaftliches System grundsätzlich als beeinflussbar betrachten. Und er kann zugleich glauben, dass die gesellschaftliche Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, innerhalb dieses Systems wenig Gewicht besitzt.

Gerade die dritte Wahrnehmung kann für das Selbstverständnis bedeutsam werden. Denn Menschen erleben sich nicht ausschließlich als Individuen. Sie ordnen sich sozialen Gruppen zu: nach Herkunft, Bildung, Beruf, Einkommen, Generation, sozialem Milieu oder anderen Merkmalen.

Aus der Wahrnehmung „Meine Stimme zählt wenig“ kann die weiterreichende Überzeugung entstehen: „Menschen wie ich zählen wenig.“

Gruppenzugehörigkeit kann jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung wirken. Ein Mensch kann zu der Überzeugung gelangen: „Menschen wie ich stehen auf der richtigen Seite – deshalb sollte unsere Stimme besonderes Gewicht haben.“

Damit verbindet sich politische Wirksamkeit mit moralischer Selbstaufwertung. Die eigene Gruppe wird dann nicht nur als politischer Zusammenschluss erlebt, sondern möglicherweise als Vertreter von Gerechtigkeit, Vernunft oder gesellschaftlichem Fortschritt.

Problematisch wird diese Entwicklung dort, wo aus einer politischen Überzeugung eine moralische Rangordnung entsteht. Andersdenkende erscheinen dann nicht mehr lediglich als Menschen mit anderen Interessen oder Vorstellungen, sondern als Menschen, die auf der „falschen Seite“ stehen.

Gerade ideologische Bewegungen können eine solche Dynamik verstärken. Dies gilt auch für sozialistische Vorstellungen, wenn sich ihre Anhänger als Vertreter einer moralisch überlegenen gesellschaftlichen Ordnung verstehen. Das psychologische Grundmuster reicht allerdings über einzelne Ideologien hinaus: Je stärker politische Zugehörigkeit mit moralischer Identität verschmilzt, desto leichter kann aus politischer Überzeugung ein Anspruch auf besondere gesellschaftliche Deutungshoheit entstehen.

Damit verschiebt sich eine individuelle Erfahrung auf eine Gruppenebene.

Für Selbstbestimmtheit ist deshalb eine weitere Unterscheidung wichtig: das subjektive Gefühl politischen Einflusses und die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten politischer Einflussnahme sind zwei verschiedene Dinge.

Eine geringe wahrgenommene Wirksamkeit kann reale Erfahrungen widerspiegeln. Sie kann ebenso durch Erwartungen, soziale Vergleiche, Gruppenzugehörigkeit, wiederholte Erzählungen oder politische Kommunikation verstärkt werden.

Selbstbestimmtheit beginnt an dieser Stelle mit einer Frage:

Welche Möglichkeiten habe ich tatsächlich – und welche Grenzen habe ich bereits als gegeben übernommen?

Gerade deshalb ist die Untersuchung gruppenpolitischer Wirksamkeit interessant. Sie zeigt, dass Menschen Politik nicht lediglich danach beurteilen, ob „das System funktioniert“. Sie beobachten zugleich ihren wahrgenommenen Platz innerhalb dieses Systems.

Diese Perspektive lässt sich auch mit dem Beitrag „Psychologische Kipppunkte – Warum Sozialismus wieder attraktiv werden kann“ verbinden. Wer den Eindruck entwickelt, dass die eigene gesellschaftliche Gruppe innerhalb bestehender Strukturen dauerhaft wenig Einfluss besitzt, wird empfänglicher für politische Angebote, die stärkere Gleichheit, Umverteilung oder eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse versprechen.

Die vorliegende Studie weist einen solchen Zusammenhang mit sozialistischen Einstellungen allerdings nicht nach. Sie liefert vielmehr einen möglichen psychologischen Baustein, mit dem sich künftig besser untersuchen lässt, warum bestimmte politische Veränderungsangebote für manche gesellschaftlichen Gruppen attraktiver erscheinen als für andere.

Studieninformationen

Infobox zur Studie

Forschungsfeld: Politische Psychologie / politische Verhaltensforschung
Journal: Political Behavior
Veröffentlichung: 27. April 2026
Studientyp: Zwei registerbasierte repräsentative Onlinebefragungen mit statistischer

Teilnehmerzahl: 3.914 Jugendliche und 4.933 Erwachsene in den zentralen Analysen
Autoren: Susanne Garritzmann, Sigrid Roßteutscher, Birgit Becker und Max P. Jansen
Originalstudie: „People like me“? Introducing Group Political Efficacy
DOI: 10.1007/s11109-026-10137-8
Studie: Open Access in Political Behavior