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	<title>Psychologische Studien Archive - Selbstbestimmtheit Buch</title>
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	<title>Psychologische Studien Archive - Selbstbestimmtheit Buch</title>
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		<title>Die stellvertretende Falle: Wenn andere unser Gewissen entlasten</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/10/20/die-stellvertretende-falle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Oct 2026 07:34:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Eigenverantwortung]]></category>
		<category><![CDATA[moralische Lizenzierung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbild]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstentlastung]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Einflüsse]]></category>
		<category><![CDATA[Stellvertretende Falle]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltpsychologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/10/20/die-stellvertretende-falle/">Die stellvertretende Falle: Wenn andere unser Gewissen entlasten</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Eine Studie über Umweltentscheidungen untersucht, wie Familie und enge Freunde unseren eigenen Einsatz beeinflussen. Ihre Ergebnisse geben Anlass, auch auf Partnerschaft, Familienleben, Arbeitswelt und gesellschaftliches Engagement zu blicken.</strong></p>
<p>Ein zuverlässiger Kollege hält den Betrieb am Laufen, der Partner kümmert sich um Konflikte, andere engagieren sich für eine gemeinsame Sache. Das kann den Gedanken begünstigen, der eigene Beitrag sei weniger dringend. Umgekehrt lässt sich auch fremde Nachlässigkeit als Entlastung heranziehen: Wenn die anderen sich wenig bemühen, erscheint der eigene Rückzug vertretbar. Eine neue Studie untersucht eine solche „stellvertretende Falle“ bei Umweltentscheidungen – und liefert damit einen interessanten Ausgangspunkt, um über Verantwortung im persönlichen Umfeld nachzudenken.</p>
<h2>Die Studie: Wie fremdes Verhalten eigene Entscheidungen beeinflusst</h2>
<p>Die Forscher Xiao Xiao, Youlong Zhan und Yiping Zhong wollten herausfinden, wann das Verhalten nahestehender Menschen den eigenen Umwelteinsatz schwächt und was diesen Einfluss begrenzen kann. Ihre Untersuchung erschien im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift <em>BMC Psychology</em>. Sie umfasst vier Teilstudien mit insgesamt 523 chinesischen Studenten.</p>
<p>Die Teilnehmer erinnerten sich an eine konkrete umweltfreundliche, umweltschädliche oder umweltneutrale Handlung. Je nach Teilstudie stand dabei das Verhalten eines engen Freundes, eines Familienmitglieds oder das eigene Verhalten im Mittelpunkt. Anschließend bearbeiteten sie unter anderem eine Entscheidungsaufgabe: Sie konnten zwischen einem finanziellen Vorteil, der mit CO₂-Ausstoß verbunden war, und einer Alternative ohne Geldgewinn und ohne entsprechende Emissionen wählen. Damit untersuchten die Forscher Entscheidungen in einer vorgegebenen Aufgabe. Zusätzlich erfragten sie Einstellungen oder Verhaltensabsichten.</p>
<p>Hinter dem Versuchsaufbau stehen zwei Erklärungen. Bei der <strong>stellvertretenden moralischen Lizenzierung</strong> wird eine gute Handlung des anderen gewissermaßen dem eigenen moralischen Guthaben zugerechnet: „Er hat schon etwas beigetragen, deshalb kann ich nachlassen.“ Bei der <strong>stellvertretenden Identifikation</strong> erscheint problematisches Verhalten durch die Nähe zum anderen akzeptabler: „Wenn er so handelt, kann ich das auch.“ Diese Sätze veranschaulichen die theoretischen Mechanismen; sie sind keine wörtlichen Aussagen der Teilnehmer.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Zentrale Ergebnisse: Zwei Wege zur gleichen Entlastung</h2>
<p>In der ersten Teilstudie entschieden sich die Teilnehmer nach der Erinnerung an umweltbezogenes Verhalten enger Freunde seltener für die emissionsfreie Alternative als nach einer neutralen Erinnerung. Das galt sowohl für umweltfreundliche als auch für umweltschädliche Handlungen. Die beiden gegensätzlichen Erinnerungen führten somit in dieselbe Richtung: Der eigene Einsatz fiel geringer aus.</p>
<p>Für Familienmitglieder zeigte sich dieser Effekt in der ersten Teilstudie hingegen nicht. Die Autoren vermuten, dass enge Freunde für die untersuchten jungen Erwachsenen als unmittelbare soziale Bezugspersonen besonders wichtig waren. Daraus lässt sich keine allgemeine Aussage über den Einfluss von Familien ableiten. Auch bei den erfragten Verhaltensabsichten fand sich in dieser Teilstudie kein entsprechender Effekt. Was Menschen zu tun beabsichtigen und wie sie in einer konkreten Situation entscheiden, verdient deshalb eine getrennte Betrachtung.</p>
<p>Die weiteren Experimente untersuchten zwei mögliche Schutzfaktoren. Wurde die Erinnerung an das Verhalten des Freundes öffentlich statt anonym behandelt, blieb die Verringerung der umweltfreundlichen Entscheidungen aus. Die eigenen anschließenden Entscheidungen waren weiterhin privat. Nach Ansicht der Autoren könnte die öffentliche Behandlung gemeinsame Maßstäbe stärker ins Bewusstsein gerückt haben. Welche psychologischen Prozesse dafür ausschlaggebend waren, bleibt weiter zu untersuchen.</p>
<p>Auch das Selbstbild spielte eine Rolle. Bei Teilnehmern, für die umweltbewusstes Handeln stark zur eigenen Identität gehörte, zeigte sich der nachteilige Einfluss der Freundeserinnerung nicht. Für diesen Vergleich hatten die Forscher gezielt Studenten mit besonders hohen und besonders niedrigen Ausprägungen ausgewählt. Über Menschen im mittleren Bereich sagt das Ergebnis daher weniger aus.</p>
<p>Die vierte Teilstudie prüfte eine gezielte Förderung der umweltbezogenen Identität und begleitete die Teilnehmer mit einem 30-tägigen Tagebuch. Sie lieferte erste Hinweise auf einen günstigen Einfluss. Wegen der kleinen Stichprobe bewerten die Autoren diese Ergebnisse ausdrücklich als vorläufig.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bedeutung der Ergebnisse: Vorbilder können unterschiedlich wirken</h2>
<p>Die Untersuchung stellt eine naheliegende Erwartung infrage: Das gute Beispiel eines nahestehenden Menschen führt offenbar unter bestimmten Bedingungen zu weniger eigenem Einsatz. Die Autoren deuten dies als geteiltes moralisches Guthaben. Beim schlechten Beispiel könnte dagegen die wahrgenommene Akzeptanz des Verhaltens entscheidend sein. Die beobachteten Entscheidungen passen zu diesen Erklärungen; sie machen die inneren Begründungen jedes einzelnen Teilnehmers jedoch nicht unmittelbar sichtbar.</p>
<p>Die Reichweite bleibt begrenzt. Untersucht wurden chinesische Studenten und überwiegend Entscheidungen in einer Versuchssituation. Eine umfassende Erfassung des Alltagsverhaltens oder ein Nachweis für Partnerschaft und Arbeitsleben ergibt sich daraus nicht. Die Ergebnisse eröffnen vielmehr eine begründete Frage: <strong>Unter welchen Bedingungen wird das Verhalten anderer zum Anlass, den eigenen Beitrag geringer zu gewichten?</strong></p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung zu Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h2>
<p>Die folgenden Beispiele übertragen die Fragestellung auf andere Lebensbereiche. Sie sind weiterführende Überlegungen und keine zusätzlichen Ergebnisse der Untersuchung.</p>
<p><strong>In einer Partnerschaft</strong> kann der Einsatz eines Partners den anderen entlasten: Einer spricht Konflikte an, sucht nach Lösungen und vereinbart vielleicht einen Beratungstermin. Der andere gewinnt den Eindruck, an der Beziehung werde bereits ausreichend gearbeitet. Die umgekehrte Begründung lautet: „Solange mein Partner sein Verhalten beibehält, sehe ich für mich ebenfalls wenig Anlass zur Veränderung.“ In beiden Fällen kann der Blick auf den eigenen Beitrag in den Hintergrund treten.</p>
<p><strong>Im Familienleben</strong> wäre eine ähnliche Deutung denkbar, wenn ein Angehöriger zuverlässig den Kontakt hält oder die Betreuung eines hilfsbedürftigen Familienmitglieds organisiert. Dessen Einsatz kann als ausreichende Versorgung verstanden werden, obwohl die Belastung zunehmend einseitig wird. Hier ist die Abgrenzung zum Studienbefund besonders wichtig: Diese Alltagssituation illustriert eine mögliche Entlastungslogik; ein entsprechender Familieneffekt wurde in der ersten Teilstudie nicht nachgewiesen.</p>
<p><strong>Im Arbeitsleben</strong> hält ein engagierter Kollege Abläufe zuverlässig aufrecht. Andere könnten daraus ableiten, dass ihr zusätzlicher Einsatz entbehrlich sei. Ebenso kann Nachlässigkeit zum Maßstab werden: „Wenn die anderen ihre Aufgaben so erledigen, reicht mein Beitrag ebenfalls.“ Die sachliche Frage, was die Aufgabe erfordert, weicht dann einem Vergleich mit dem Umfeld.</p>
<p><strong>Beim gesellschaftlichen Engagement</strong> können „Andere kümmern sich bereits darum“ und „Die anderen tragen ohnehin nichts bei“ beide den eigenen Rückzug begründen. Dabei verdienen begrenzte Kräfte und realistische Einflussmöglichkeiten Berücksichtigung. Eine sinnvolle Arbeitsteilung darf entlasten. Problematisch wird es, wenn Verantwortung ungeklärt bleibt und wechselnde Beobachtungen stets dieselbe Rechtfertigung liefern.</p>
<p>Hier entsteht eine Verbindung zur <strong>selbstexkulpierenden Problemwahrnehmung</strong>. Mit diesem Begriff beschreibe ich eine Wahrnehmungs- und Deutungsweise, bei der der eigene Anteil an einem Problem oder seiner Veränderung in den Hintergrund tritt. Die stellvertretende Falle wäre ein möglicher Entlastungsweg innerhalb dieses Zusammenhangs: Das fremde Verhalten liefert die Begründung dafür, den eigenen Handlungsspielraum geringer zu gewichten.</p>
<p>Für Selbstbestimmtheit stellt sich deshalb die Frage: <strong>Welchen Beitrag halte ich nach eigener Prüfung für angemessen – und wie stark mache ich ihn vom Verhalten anderer abhängig?</strong> Eine solche Prüfung berücksichtigt Verantwortung, Kräfte und berechtigte Grenzen. Auch ein positives Selbstbild gewinnt dadurch Substanz: Die Überzeugung, verantwortungsbewusst zu sein, bleibt mit der Bereitschaft verbunden, das eigene Handeln und seine Folgen aufmerksam zu betrachten.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infobox zur Studie</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld: </strong>Umweltpsychologie, Sozialpsychologie, moralische Selbstregulation</p>
<p><strong>Autoren:</strong> Xiao Xiao, Youlong Zhan und Yiping Zhong</p>
<p><strong>Journal:</strong> <em>BMC Psychology</em>, Band 14, Artikel 1449</p>
<p><strong>Veröffentlichung:</strong> 2. Oktober 2026</p>
<p><strong>Studientyp: </strong>Vier Teilstudien mit experimentellen Aufgaben; ergänzend Identitätsförderung und 30-tägige Tagebucherhebung</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl:</strong> Insgesamt 523 rekrutierte Teilnehmer: 97, 180, 180 und 66; teilweise kleinere Auswertungsstichproben</p>
<p><strong>Originalstudie:</strong><em> Breaking the vicarious trap: two buffers against close others’ environmental influence</em> <em><o:p></o:p></em></p>
<p><strong>Link zur Studie: </strong><a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s40359-026-05363-" target="_blank" rel="noopener"><em>https://link.springer.com/article/10.1186/s40359-026-05363-y</em></a></p></div>
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<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/10/20/die-stellvertretende-falle/">Die stellvertretende Falle: Wenn andere unser Gewissen entlasten</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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		<item>
		<title>Zählt meine Stimme? – Wie Menschen den politischen Einfluss ihrer gesellschaftlichen Gruppe einschätzen</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/10/05/poltische-wirksamkeit-gruppen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Oct 2026 08:06:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[gesellschaftliche Gruppen]]></category>
		<category><![CDATA[gruppenpolitische Wirksamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppenzugehörigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[politische Beteiligung]]></category>
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		<category><![CDATA[politische Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[politische Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[politische Wirksamkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/10/05/poltische-wirksamkeit-gruppen/">Zählt meine Stimme? – Wie Menschen den politischen Einfluss ihrer gesellschaftlichen Gruppe einschätzen</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><em>Eine deutsche Studie erweitert das Verständnis politischer Wirksamkeit um die Frage, wie Menschen die politische Berücksichtigung ihrer eigenen gesellschaftlichen Gruppe erleben.</em></p>
<h2>Einleitung</h2>
<p>Wie politisch wirksam sich ein Mensch fühlt, hängt offenbar von mehr ab als von der Frage, ob er Politik versteht oder glaubt, mit seiner Stimme etwas bewirken zu können.</p>
<p>Eine 2026 veröffentlichte deutsche Studie zeigt, dass Menschen zwischen verschiedenen Formen politischer Wirksamkeit unterscheiden. Sie können sich selbst durchaus für politisch kompetent halten und gleichzeitig glauben, dass Menschen mit ihrem gesellschaftlichen Hintergrund politisch weniger Gehör finden.</p>
<p>Die Forscher schlagen deshalb vor, neben der persönlichen und der allgemeinen politischen Wirksamkeit eine dritte Dimension zu unterscheiden: die <strong>gruppenpolitische Wirksamkeit</strong>.</p>
<h2>Die Studie</h2>
<p>Politikwissenschaftler unterscheiden traditionell zwei Formen politischer Wirksamkeit.</p>
<p>Die <strong>interne politische Wirksamkeit</strong> beschreibt die eigene Einschätzung: Verstehe ich politische Zusammenhänge? Traue ich mir zu, politische Fragen zu beurteilen und mich politisch einzubringen?</p>
<p>Die <strong>externe politische Wirksamkeit</strong> richtet den Blick auf das politische System: Reagiert Politik grundsätzlich auf die Anliegen der Bürger? Haben Menschen Möglichkeiten, politischen Einfluss auszuüben?</p>
<p>Susanne Garritzmann, Sigrid Roßteutscher, Birgit Becker und Max P. Jansen von der Goethe-Universität Frankfurt ergänzen dieses Modell nun um eine dritte Ebene: die <strong>gruppenpolitische Wirksamkeit</strong>. Gemeint ist die Wahrnehmung, wie stark das politische System auf Menschen reagiert, die einen ähnlichen gesellschaftlichen Hintergrund haben wie man selbst.</p>
<p>Vereinfacht lassen sich die drei Ebenen so unterscheiden:</p>
<p><strong>„Ich verstehe Politik und kann mich einbringen.“</strong><br />Das entspricht der internen politischen Wirksamkeit.</p>
<p><strong>„Das politische System reagiert grundsätzlich auf die Bürger.“</strong><br />Das entspricht der externen politischen Wirksamkeit.</p>
<p><strong>„Menschen mit meinem gesellschaftlichen Hintergrund werden politisch gehört.“</strong><br />Das beschreibt die gruppenpolitische Wirksamkeit.</p>
<p>Gerade diese dritte Ebene ist interessant. Denn die drei Einschätzungen können bei derselben Person unterschiedlich ausfallen.</p>
<p>Jemand kann beispielsweise politisch interessiert sein, sich ein eigenes Urteil zutrauen und das politische System grundsätzlich für zugänglich halten. Gleichzeitig kann er den Eindruck haben, dass Menschen mit seinem Bildungsniveau, seiner wirtschaftlichen Situation oder seinem Migrationshintergrund weniger Einfluss besitzen.</p>
<h3>Wie wurde untersucht?</h3>
<p>Die Forscher verwendeten zwei große, registerbasierte Onlinebefragungen in Deutschland. Eine richtete sich an Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die andere an Erwachsene. Die Befragungen fanden zwischen November 2023 und Februar 2024 statt. Für die zentralen statistischen Analysen standen Daten von <strong>3.914 Jugendlichen und 4.933 Erwachsenen</strong> zur Verfügung.</p>
<p>Bei den Jugendlichen wurde besonders deutlich erklärt, worauf sich der gesellschaftliche Hintergrund beziehen sollte: auf Herkunft, Bildungsabschlüsse und die wirtschaftliche Situation der Familie. Bei den Erwachsenen bezogen sich entsprechende Fragen auf den eigenen Hintergrund.</p>
<p>Die Forscher untersuchten anschließend, ob sich die Antworten tatsächlich besser durch zwei oder durch drei unterschiedliche Formen politischer Wirksamkeit erklären lassen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Zentrale Ergebnisse</h2>
<p>Das zentrale Ergebnis fällt deutlich aus: <strong>Das Drei-Komponenten-Modell passte zu den erhobenen Daten besser als Modelle, die politische Wirksamkeit lediglich als eine oder zwei Dimensionen betrachteten.</strong></p>
<p>Die Menschen unterschieden also tatsächlich zwischen ihrer eigenen politischen Kompetenz, der allgemeinen Reaktionsfähigkeit des politischen Systems und der politischen Berücksichtigung ihrer gesellschaftlichen Gruppe. Dieses Muster zeigte sich sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.</p>
<p>Besonders interessant wird das Ergebnis beim Blick auf unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe.</p>
<p>Menschen aus wirtschaftlich besser gestellten Verhältnissen berichteten im Durchschnitt eine höhere gruppenpolitische Wirksamkeit. Ähnliche Unterschiede zeigten sich beim Bildungsniveau. Menschen aus gesellschaftlich weniger privilegierten Verhältnissen nahmen ihre eigene Gruppe häufiger als politisch weniger wirksam wahr.</p>
<p>Besonders deutlich zeigte sich die Unterscheidung beim Migrationshintergrund. Personen mit Migrationshintergrund konnten durchaus der Ansicht sein, dass das politische System grundsätzlich auf Bürger reagiert, gleichzeitig jedoch die politische Wirksamkeit der eigenen gesellschaftlichen Gruppe deutlich niedriger einschätzen.</p>
<p>Die Forscher fanden zudem, dass viele Menschen externe und gruppenpolitische Wirksamkeit keineswegs identisch bewerten.</p>
<p>Bei <strong>64 Prozent der Erwachsenen</strong> unterschieden sich beide Einschätzungen. Bei den Jugendlichen waren es sogar <strong>mehr als 85 Prozent</strong>.</p>
<p>Damit wird ein wichtiger psychologischer Unterschied sichtbar:</p>
<p>Ein Mensch kann Vertrauen in die grundsätzliche Funktionsweise eines politischen Systems besitzen und trotzdem davon überzeugt sein, dass <strong>Menschen wie er innerhalb dieses Systems weniger Gehör finden</strong>.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_9  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Warum „Menschen wie ich“ problematisch sein kann</h2>
<p>Die Studie beschäftigt sich zugleich mit einem methodischen Problem bisheriger Untersuchungen.</p>
<p>In politischen Befragungen werden Menschen häufig mit Aussagen konfrontiert wie:</p>
<p>„Menschen wie ich haben Einfluss auf politische Entscheidungen.“</p>
<p>Doch wer sind eigentlich „Menschen wie ich“?</p>
<p>Für einen Menschen kann damit seine Einkommensgruppe gemeint sein. Ein anderer denkt an seinen Beruf. Ein Dritter an seine Herkunft, sein Alter, seine Bildung oder sein Geschlecht.</p>
<p>Welche Gruppe gerade besonders wichtig erscheint, kann zudem von aktuellen Erfahrungen, politischen Konflikten oder Medienberichten beeinflusst werden. Die Forscher argumentieren deshalb, dass solche allgemeinen Formulierungen unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander vermischen können.</p>
<p>Ihre Konsequenz lautet: Soll die allgemeine Reaktionsfähigkeit des politischen Systems gemessen werden, sollte die Frage keinen Gruppenbezug enthalten. Soll dagegen die gruppenpolitische Wirksamkeit untersucht werden, sollte konkret benannt werden, auf welche Gruppe sich die Frage bezieht.</p>
<h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Die Studie erweitert unser Verständnis politischer Wahrnehmung um eine wichtige Ebene.</p>
<p>Politisches Vertrauen lässt sich offenbar schwer mit einer einzigen Frage erfassen. Ein Mensch kann sein politisches System grundsätzlich akzeptieren und dennoch eine deutliche Distanz zwischen diesem System und seiner eigenen gesellschaftlichen Gruppe wahrnehmen.</p>
<p>Damit rückt ein Faktor in den Mittelpunkt, der für gesellschaftliche Entwicklungen erheblich sein könnte: <strong>die wahrgenommene politische Zugehörigkeit</strong>.</p>
<p>Entscheidend ist dabei zunächst weniger, ob eine gesellschaftliche Gruppe objektiv tatsächlich zu wenig Einfluss besitzt. Für das Verhalten eines Menschen kann bereits seine Wahrnehmung bedeutsam sein.</p>
<p>Wer über längere Zeit den Eindruck gewinnt, dass „Menschen wie ich“ politisch kaum zählen, erlebt Politik aus einer anderen Perspektive als jemand, der seine eigene gesellschaftliche Gruppe als einflussreich wahrnimmt.</p>
<p>Genau hier liegt zugleich eine wichtige Grenze der Studie. Sie untersucht diese Wahrnehmungen und ihre Zusammenhänge mit gesellschaftlichem Hintergrund. Sie weist jedoch noch nicht nach, welche politischen Verhaltensweisen daraus entstehen.</p>
<p>Die Autoren nennen diese Frage ausdrücklich als Aufgabe zukünftiger Forschung. Denkbar wäre beispielsweise, dass allgemeine politische Wirksamkeit stärker mit klassischen Formen politischer Beteiligung zusammenhängt, während gruppenpolitische Wirksamkeit für Protestbewegungen oder andere gruppenbezogene Formen politischer Mobilisierung eine größere Rolle spielen könnte. Dies ist bislang eine theoretische Überlegung und kein Ergebnis dieser Studie.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung zu: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h2>
<p>Aus psychologischer Sicht berührt die Studie eine grundlegende Frage: <strong>Wie groß erlebt ein Mensch seinen eigenen Handlungsspielraum innerhalb einer Gesellschaft?</strong></p>
<p>Selbstbestimmtheit hängt nicht allein davon ab, welche Möglichkeiten objektiv vorhanden sind. Entscheidend ist ebenfalls, welche Möglichkeiten ein Mensch wahrnimmt.</p>
<p>Dabei lassen sich drei Ebenen unterscheiden:</p>
<p>Ein Mensch kann sich selbst als handlungsfähig erleben. Er kann ein gesellschaftliches System grundsätzlich als beeinflussbar betrachten. Und er kann zugleich glauben, dass die gesellschaftliche Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, innerhalb dieses Systems wenig Gewicht besitzt.</p>
<p>Gerade die dritte Wahrnehmung kann für das Selbstverständnis bedeutsam werden. Denn Menschen erleben sich nicht ausschließlich als Individuen. Sie ordnen sich sozialen Gruppen zu: nach Herkunft, Bildung, Beruf, Einkommen, Generation, sozialem Milieu oder anderen Merkmalen.</p>
<p>Aus der Wahrnehmung <strong>„Meine Stimme zählt wenig“</strong> kann die weiterreichende Überzeugung entstehen: <strong>„Menschen wie ich zählen wenig.“</strong></p>
<p>Gruppenzugehörigkeit kann jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung wirken. Ein Mensch kann zu der Überzeugung gelangen: <strong>„Menschen wie ich stehen auf der richtigen Seite – deshalb sollte unsere Stimme besonderes Gewicht haben.“</strong></p>
<p>Damit verbindet sich politische Wirksamkeit mit moralischer Selbstaufwertung. Die eigene Gruppe wird dann nicht nur als politischer Zusammenschluss erlebt, sondern möglicherweise als Vertreter von Gerechtigkeit, Vernunft oder gesellschaftlichem Fortschritt.</p>
<p>Problematisch wird diese Entwicklung dort, wo aus einer politischen Überzeugung eine moralische Rangordnung entsteht. Andersdenkende erscheinen dann nicht mehr lediglich als Menschen mit anderen Interessen oder Vorstellungen, sondern als Menschen, die auf der „falschen Seite“ stehen.</p>
<p>Gerade ideologische Bewegungen können eine solche Dynamik verstärken. Dies gilt auch für sozialistische Vorstellungen, wenn sich ihre Anhänger als Vertreter einer moralisch überlegenen gesellschaftlichen Ordnung verstehen. Das psychologische Grundmuster reicht allerdings über einzelne Ideologien hinaus: Je stärker politische Zugehörigkeit mit moralischer Identität verschmilzt, desto leichter kann aus politischer Überzeugung ein Anspruch auf besondere gesellschaftliche Deutungshoheit entstehen.</p>
<p>Damit verschiebt sich eine individuelle Erfahrung auf eine Gruppenebene.</p>
<p>Für Selbstbestimmtheit ist deshalb eine weitere Unterscheidung wichtig: das subjektive Gefühl politischen Einflusses und die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten politischer Einflussnahme sind zwei verschiedene Dinge.</p>
<p>Eine geringe wahrgenommene Wirksamkeit kann reale Erfahrungen widerspiegeln. Sie kann ebenso durch Erwartungen, soziale Vergleiche, Gruppenzugehörigkeit, wiederholte Erzählungen oder politische Kommunikation verstärkt werden.</p>
<p>Selbstbestimmtheit beginnt an dieser Stelle mit einer Frage:</p>
<p><strong>Welche Möglichkeiten habe ich tatsächlich – und welche Grenzen habe ich bereits als gegeben übernommen?</strong></p>
<p>Gerade deshalb ist die Untersuchung gruppenpolitischer Wirksamkeit interessant. Sie zeigt, dass Menschen Politik nicht lediglich danach beurteilen, ob „das System funktioniert“. Sie beobachten zugleich ihren wahrgenommenen Platz innerhalb dieses Systems.</p>
<p>Diese Perspektive lässt sich auch mit dem Beitrag <strong>„<a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/29/psychologische-kipppunkte-sozialismus-attraktiv/" target="_blank" rel="noopener">Psychologische Kipppunkte – Warum Sozialismus wieder attraktiv werden kann</a>“</strong> verbinden. Wer den Eindruck entwickelt, dass die eigene gesellschaftliche Gruppe innerhalb bestehender Strukturen dauerhaft wenig Einfluss besitzt, wird empfänglicher für politische Angebote, die stärkere Gleichheit, Umverteilung oder eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse versprechen.</p>
<p>Die vorliegende Studie weist einen solchen Zusammenhang mit sozialistischen Einstellungen allerdings nicht nach. Sie liefert vielmehr einen möglichen psychologischen Baustein, mit dem sich künftig besser untersuchen lässt, warum bestimmte politische Veränderungsangebote für manche gesellschaftlichen Gruppen attraktiver erscheinen als für andere.</p></div>
			</div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infobox zur Studie</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong> Politische Psychologie / politische Verhaltensforschung<br /><strong>Journal:</strong> Political Behavior<br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 27. April 2026<br /><strong>Studientyp:</strong> Zwei registerbasierte repräsentative Onlinebefragungen mit statistischer</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl:</strong> 3.914 Jugendliche und 4.933 Erwachsene in den zentralen Analysen<br /><strong>Autoren:</strong> Susanne Garritzmann, Sigrid Roßteutscher, Birgit Becker und Max P. Jansen<br /><strong>Originalstudie:</strong> „People like me“? Introducing Group Political Efficacy<br /><strong>DOI:</strong> <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11109-026-10137-8?utm_source=chatgpt.com">10.1007/s11109-026-10137-8</a><br /><strong>Studie:</strong> Open Access in <em>Political Behavior</em></p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Wenn Kinder zwischen die Fronten ihrer Eltern geraten</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/kinder-zwischen-die-fronten-ihrer-eltern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Coach]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Sep 2026 08:45:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1941</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/kinder-zwischen-die-fronten-ihrer-eltern/">Wenn Kinder zwischen die Fronten ihrer Eltern geraten</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><em>Eine neue Studie zeigt, wie die Einbeziehung von Kindern in elterliche Konflikte mit psychischer Belastung bis ins Erwachsenenalter zusammenhängt.</em></p>
<h2>Wenn der Konflikt der Eltern zum Konflikt des Kindes wird</h2>
<p>Trennen sich Eltern oder geraten dauerhaft miteinander in Konflikt, betrifft das fast immer auch ihre Kinder. Entscheidend ist jedoch, welche Rolle das Kind dabei bekommt. Darf es zu beiden Eltern eine eigene Beziehung behalten? Oder wird es immer stärker in den Konflikt hineingezogen?</p>
<p>Eine neue britische Studie zeigt, dass solche Erfahrungen weit verbreitet sein können. Vor allem aber zeigt sie einen deutlichen Zusammenhang: Je stärker junge Erwachsene in ihrer Kindheit sogenannten <em>Parental Alienating Behaviors</em> ausgesetzt waren, desto häufiger berichteten sie später von depressiven Symptomen, posttraumatischer Belastung und weiteren psychischen Problemen.</p>
<p>Damit rückt eine wichtige Frage in den Mittelpunkt: Beginnt das Problem wirklich erst dann, wenn ein Kind einen Elternteil vollständig ablehnt? Oder kann bereits die fortgesetzte Einbeziehung in den elterlichen Konflikt Spuren hinterlassen?</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_15  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Studie</h2>
<p>Forscher um Benjamin A. Hine von der University of West London untersuchten 1.004 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren in Großbritannien. Die Teilnehmer wurden rückblickend danach gefragt, welche Erfahrungen sie während ihrer Kindheit mit Mutter und Vater gemacht hatten.</p>
<p>Im Mittelpunkt standen 30 sogenannte <strong>Parental Alienating Behaviors</strong>, kurz PABs. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, durch die ein Elternteil die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil beeinflussen oder schwächen kann. Die Teilnehmer bewerteten diese Verhaltensweisen jeweils getrennt für Mutter und Vater.</p>
<p>Ein Beispiel lautete sinngemäß: Ein Elternteil vermittelte dem Kind Schuldgefühle, wenn es beim anderen Elternteil eine schöne Zeit verbracht hatte. Ein anderes Beispiel bezog sich darauf, das Kind dazu zu bewegen, weniger Zeit mit dem anderen Elternteil zu verbringen. Insgesamt sollte damit ein breites Spektrum möglicher Verhaltensweisen erfasst werden.</p>
<p>Zusätzlich untersuchten die Forscher, wie die Teilnehmer die Beziehung zu ihren Eltern wahrnahmen. Dabei ging es unter anderem um Wärme und Zuneigung, Zurückweisung, Vernachlässigung und das Gefühl, von einem Elternteil wirklich gewollt und angenommen worden zu sein.</p>
<p>Schließlich wurden verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit erfasst. Dazu gehörten depressive Symptome, Symptome einer posttraumatischen Belastung sowie Gedanken an Suizid.</p>
<p>Wichtig ist eine begriffliche Unterscheidung: Die Studie untersuchte <strong>entfremdende Verhaltensweisen</strong>, nicht automatisch eine vollständige Eltern-Kind-Entfremdung.</p>
<p>Von <em>Parental Alienation</em> sprechen die Autoren erst dann, wenn ein Kind sich stark mit einem Elternteil verbündet und den anderen ohne ausreichenden sachlichen Grund zurückweist. PABs können zu einer solchen Entwicklung beitragen. Sie führen jedoch keineswegs zwangsläufig dazu.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_16  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Zentrale Ergebnisse</h2>
<p>Zunächst fällt auf, wie häufig die Teilnehmer von zumindest einzelnen der untersuchten Verhaltensweisen berichteten.</p>
<p>Wenn bereits die Antwort „manchmal“ als Auftreten gewertet wurde, berichteten 98,3 Prozent mindestens eine der abgefragten Verhaltensweisen. 58,5 Prozent nannten mindestens zehn und 25,9 Prozent mindestens zwanzig der insgesamt 30 Verhaltensweisen. Auch bei einer strengeren Auswertung, die nur „oft“ oder „meistens“ berücksichtigte, berichtete ein großer Teil der Teilnehmer von entsprechenden Erfahrungen.</p>
<p>Diese sehr hohen Zahlen sollten allerdings vorsichtig interpretiert werden. Nicht jedes einzelne Verhalten ist in jedem familiären Zusammenhang automatisch schädlich. Manche Handlungen können beispielsweise auch dem Schutz eines Kindes dienen. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Erwachsene rückblickend Verhaltensweisen als entfremdend wahrnehmen können, die in der konkreten Situation möglicherweise eine andere Funktion hatten.</p>
<p>Deutlich interessanter als die reine Häufigkeit ist deshalb der Zusammenhang mit der späteren psychischen Belastung.</p>
<p>Je häufiger die Teilnehmer von PABs berichteten, desto geringer war im Durchschnitt die wahrgenommene elterliche Akzeptanz. Gleichzeitig nahm das Gefühl elterlicher Zurückweisung zu. Dieses Muster zeigte sich sowohl in Bezug auf Mütter als auch auf Väter.</p>
<p>Auch bei der psychischen Gesundheit zeigten sich deutliche Zusammenhänge. Eine stärkere Belastung durch solche Verhaltensweisen ging mit mehr Symptomen einer posttraumatischen Belastung und mit mehr depressiven Symptomen einher. Außerdem fanden die Forscher Zusammenhänge mit verschiedenen Fragen zu Suizidgedanken.</p>
<p>Die Studie zeigt damit keine einfache Kausalkette. Sie kann nicht beweisen, dass bestimmte Verhaltensweisen der Eltern unmittelbar Depressionen oder posttraumatische Belastungsreaktionen verursachen. Dafür ist das Studiendesign nicht geeignet.</p>
<p>Die Teilnehmer wurden zu einem einzigen Zeitpunkt befragt und berichteten rückblickend über ihre Kindheit. Erinnerungen können sich verändern, Zusammenhänge können nachträglich anders interpretiert werden und andere familiäre Belastungen können ebenfalls eine Rolle spielen. Die Autoren benennen diese Einschränkungen ausdrücklich.</p>
<p>Trotzdem bleibt ein auffälliges Muster bestehen:</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large; color: #0c71c3;"><strong>Je stärker junge Menschen davon berichteten, zwischen die Fronten ihrer Eltern geraten zu sein, desto stärker berichteten sie auch von psychischer Belastung.</strong></span></p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_17  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Bei Konflikten zwischen Eltern richtet sich die Aufmerksamkeit häufig auf den sichtbarsten Endpunkt: Ein Kind möchte einen Elternteil nicht mehr sehen, lehnt ihn massiv ab oder bricht den Kontakt vollständig ab.</p>
<p>Die neue Studie lenkt den Blick auf eine frühere Phase. Psychische Belastung kann offenbar schon dort entstehen, wo ein Kind wiederholt in einen Konflikt hineingezogen wird, der eigentlich zwischen Erwachsenen besteht.</p>
<p>Dabei braucht es keine offene Aufforderung wie:</p>
<p>„Du sollst deinen Vater nicht mehr mögen.“</p>
<p>Oft wirken wesentlich subtilere Botschaften.</p>
<p>Ein Kind kommt beispielsweise gut gelaunt von einem Wochenende beim Vater zurück und bemerkt, dass die Mutter darauf kühl oder verletzt reagiert.</p>
<p>Oder es erzählt dem Vater etwas Positives über die Mutter und spürt sofort dessen Ärger.</p>
<p>Vielleicht hört es immer wieder, was der andere Elternteil falsch gemacht hat. Vielleicht soll es Nachrichten überbringen, Informationen beschaffen oder bestätigen, wer in einem Streit recht hat.</p>
<p>Das Kind lernt dadurch etwas über Beziehungen. Es lernt möglicherweise, dass seine Zuneigung Folgen hat.</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wer den einen liebt, verletzt den anderen.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wer sich freut, erzeugt Schuldgefühle.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wer neutral bleiben möchte, enttäuscht beide Seiten.</strong></p>
<p>Damit entsteht aus einem Konflikt zwischen zwei Erwachsenen ein innerer Konflikt im Kind.</p>
<p>Die Frage lautet plötzlich nicht mehr nur:</p>
<p><strong>„Wen habe ich lieb?“</strong></p>
<p>Sondern:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Wen darf ich lieb haben?“</strong></p>
<p>Genau darin liegt die psychologische Bedeutung der Studie.</p>
<p>Kinder brauchen die Möglichkeit, zu beiden Eltern eine eigene Beziehung zu entwickeln. Sie brauchen das Gefühl, dass ihre Zuneigung zu einem Elternteil keine Loyalitätsverletzung gegenüber dem anderen darstellt.</p>
<p>Wird diese Freiheit eingeschränkt, betrifft das mehr als die Beziehung zu Mutter oder Vater. Es kann grundlegende Vorstellungen darüber prägen, wie Beziehungen überhaupt funktionieren.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_9 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_11  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_18  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Wenn aus Loyalität ein inneres Programm wird</h2>
<p>Besonders interessant wird die Studie, wenn man sie aus der Perspektive der Persönlichkeitsentwicklung betrachtet.</p>
<p>Kinder können den Konflikt ihrer Eltern kaum aus einer distanzierten Erwachsenenperspektive betrachten. Sie analysieren keine Beziehungssysteme. Sie versuchen vielmehr zu verstehen, welches Verhalten Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung gewährleistet.</p>
<p>Daraus können einfache innere Regeln entstehen:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wenn ich Mama glücklich machen will, darf ich Papa nicht zu gern haben.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wenn ich Papa widerspreche, verliere ich vielleicht seine Zuneigung.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wenn es meiner Mutter schlecht geht, bin ich dafür mitverantwortlich.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wenn zwei Menschen Streit haben, muss ich mich für eine Seite entscheiden.</strong></p>
<p>Solche Schlussfolgerungen entstehen selten bewusst. Für das Kind können sie jedoch sinnvoll erscheinen, weil sie dabei helfen, sich innerhalb eines belastenden Umfeldes zu orientieren. Später kann die ursprüngliche Situation längst vorbei sein. Die innere Logik kann trotzdem erhalten bleiben.</p>
<p>Ein Erwachsener kann dann beispielsweise große Schwierigkeiten damit haben, unterschiedliche Menschen unabhängig voneinander wertzuschätzen. Er fühlt sich schnell illoyal, sobald er Verständnis für die andere Seite eines Konflikts entwickelt.</p>
<p>Ein anderer übernimmt reflexartig Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen.</p>
<p>Wieder ein anderer vermeidet Konflikte, weil jede Auseinandersetzung unbewusst mit der Gefahr verbunden ist, Zugehörigkeit zu verlieren.</p>
<p>Und manche Menschen erleben Beziehungen vor allem in Kategorien von Bündnissen: Wer nicht für mich ist, steht gegen mich.</p>
<p>Die Studie selbst untersucht solche späteren Persönlichkeitsmuster nicht. Diese Überlegungen sind deshalb eine psychologische Einordnung, keine direkte Aussage der Forscher.</p>
<p>Sie machen jedoch verständlich, weshalb wiederholte Loyalitätskonflikte während der Kindheit langfristige Bedeutung entwickeln können.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_19  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Liegt die Belastung vielleicht einfach an einer insgesamt schwierigen Kindheit?</h3>
<p>An dieser Stelle stellt sich eine wichtige Gegenfrage.</p>
<p>Familien, in denen Kinder stark in elterliche Konflikte hineingezogen werden, können gleichzeitig durch weitere Probleme belastet sein. Vielleicht erleben die Kinder zusätzlich Vernachlässigung, Gewalt, starke familiäre Spannungen oder andere belastende Erfahrungen.</p>
<p>Dann könnte man vermuten:</p>
<p>Nicht die entfremdenden Verhaltensweisen selbst hängen mit der späteren psychischen Belastung zusammen. Sie treten lediglich häufiger in ohnehin problematischen Familien auf.</p>
<p>Genau diese Frage untersuchte bereits 2023 eine Studie mit 416 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren in Chile.</p>
<p>Die Forscher verglichen Personen, die während ihrer Kindheit oder Jugend mindestens eine entfremdende Verhaltensweise erlebt hatten, mit Personen, die keine solchen Erfahrungen berichteten. Die belastete Gruppe zeigte höhere Werte bei Depression, Angst, körperlichen Beschwerden und allgemeiner psychischer Belastung.</p>
<p>Entscheidend war jedoch der nächste Schritt.</p>
<p>Die Forscher berücksichtigten zusätzlich andere belastende Kindheitserfahrungen. Dazu gehörten insbesondere körperliche Misshandlung und Vernachlässigung.</p>
<p>Der Zusammenhang zwischen entfremdenden Verhaltensweisen und psychischer Belastung blieb dennoch bestehen.</p>
<p>Auch diese Studie beweist keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie basiert ebenfalls auf rückblickenden Angaben und einer nicht repräsentativen Stichprobe.</p>
<p>Sie schwächt jedoch eine einfache Erklärung:</p>
<p><strong>Die späteren Belastungen lassen sich offenbar nicht vollständig darauf reduzieren, dass diese Menschen generell eine schwierigere Kindheit erlebt haben.</strong></p>
<p>Noch bemerkenswerter ist eine weitere Aussage der Autoren dieser Studie: Eine vollständige Entfremdung muss gar nicht eingetreten sein. Bereits das Erleben einzelner oder wiederholter entfremdender Verhaltensweisen kann mit einer schlechteren psychischen Gesundheit im späteren Leben verbunden sein.</p>
<p>Damit ergänzen sich beide Untersuchungen.</p>
<p>Und daraus ergibt sich eine zentrale Botschaft:</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large; color: #0c71c3;"><strong>Das Problem beginnt nicht erst dann, wenn ein Kind den anderen Elternteil vollständig ablehnt. Bereits die wiederholte Einbeziehung eines Kindes in den Konflikt seiner Eltern kann mit langfristiger psychischer Belastung verbunden sein.</strong></span></p>
<p>Für die Persönlichkeitsentwicklung ergibt sich daraus noch ein weiterführender Gedanke.</p>
<p>Selbstbestimmtheit entsteht dort, wo ein Mensch eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Beziehungen entwickeln darf.</p>
<p>Ein Kind, das selbst entscheiden darf, wie es Mutter und Vater erlebt, sammelt genau diese Erfahrung: Meine Gefühle gehören mir. Ich darf Menschen unterschiedlich wahrnehmen. Ich darf jemanden lieben, auch wenn ein anderer Mensch Schwierigkeiten mit ihm hat.</p>
<p>Gerät das Kind dagegen dauerhaft zwischen die Fronten, wird diese Selbstbestimmtheit eingeschränkt.</p>
<p>Dann bestimmen möglicherweise die Konflikte der Erwachsenen darüber, was das Kind fühlen, denken und äußern darf.</p>
<p>Und genau darin könnte eine der langfristig bedeutsamsten Folgen liegen: Nicht nur die Beziehung zu einem Elternteil wird beeinflusst. Auch die Fähigkeit, den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen unabhängig von den Erwartungen anderer zu vertrauen, kann darunter leiden.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_10">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infoboxen zu den Studien</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_with_border et_pb_row et_pb_row_11">
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				<div class="et_pb_text_inner"><p class="pdq2pgselectionanchorcontainer"><strong>Infobox 1 – Hauptstudie</strong></p>
<p><strong>Studieninformationen</strong><br /><strong>Forschungsfeld:</strong> Eltern-Kind-Beziehungen, psychische Gesundheit<br /><strong>Journal:</strong> <em>Frontiers in Public Health</em><br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 2026<br /><strong>Studientyp:</strong> Querschnittsstudie mit retrospektiven Selbstauskünften<br /><strong>Teilnehmerzahl:</strong> 1.004 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren<br />Untersucht wurde: Zusammenhang zwischen Parental Alienating Behaviors, wahrgenommener elterlicher Akzeptanz bzw. Zurückweisung und psychischer Belastung<br /><strong>Originalstudie:</strong> Hine et al.<br /><strong>Link zur Studie:</strong> <a href="https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1803173/full?utm_source=chatgpt.com" target="_new">https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1803173/full</a></p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_14  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_22  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Infobox 2 – Ergänzende Studie</strong></p>
<p><strong>Forschungsfeld:</strong> Belastende Kindheitserfahrungen, psychische Gesundheit<br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 2023<br /><strong>Studientyp:</strong> Querschnittsstudie mit retrospektiven Selbstauskünften<br /><strong>Teilnehmerzahl:</strong> 416 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren<br /><strong>Untersucht wurde:</strong> Ob der Zusammenhang zwischen Parental Alienating Behaviors und psychischer Belastung auch unter Berücksichtigung weiterer belastender Kindheitserfahrungen bestehen bleibt<br /><strong>Zentraler Zusatzbefund:</strong> Der Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem unter anderem körperliche Misshandlung und Vernachlässigung statistisch berücksichtigt wurden.<br /><strong>Originalstudie:</strong> Portilla-Saavedra, Pinto-Cortez und Moya-Vergara<br /><strong>Link zur Studie:</strong> <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10528598/?utm_source=chatgpt.com">https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10528598/</a></p>
<p><a href="https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1803173/full?utm_source=chatgpt.com" target="_new"></a></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div>
				
				
			</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/kinder-zwischen-die-fronten-ihrer-eltern/">Wenn Kinder zwischen die Fronten ihrer Eltern geraten</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ungewollt geboren – Wie diese Erkenntnis ein schwaches Selbstbild verstärken kann</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/ungewollt-geboren-negatives-selbstbild/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Sep 2026 08:04:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Familienpsychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbild. Ablehnung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwert]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1908</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/ungewollt-geboren-negatives-selbstbild/">Ungewollt geboren – Wie diese Erkenntnis ein schwaches Selbstbild verstärken kann</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_3 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
				<div class="et_pb_row et_pb_row_12">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_15  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Wenn ein Kind ursprünglich nicht gewollt war</h2>
<p>Was bedeutet es für einen Menschen, wenn seine Mutter die Schwangerschaft ursprünglich nicht wollte? Und welche Spuren können solche Ausgangsbedingungen über Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben hinweg hinterlassen?</p>
<p>Eine außergewöhnliche Langzeitstudie aus Prag ging dieser Frage über mehr als drei Jahrzehnte nach. Die Forscher begleiteten Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft zweimal einen Schwangerschaftsabbruch beantragt hatten und beide Male abgewiesen worden waren. Sie verglichen deren Entwicklung mit der von Kindern aus ursprünglich akzeptierten Schwangerschaften.</p>
<p>Das Ergebnis ist differenziert. Die ungewollt geborenen Kinder waren keineswegs grundsätzlich kränker, weniger intelligent oder zwangsläufig auffällig. Dennoch zeigten sich im Verlauf ihres Lebens immer wieder Unterschiede in ihrer sozialen und psychischen Entwicklung. Teilweise wurden diese Unterschiede über die Jahre sogar größer.</p>
<p>Damit berührt die Studie eine grundlegende Frage der Persönlichkeitsentwicklung: Wie stark prägen frühe Beziehungserfahrungen unser späteres Verhältnis zu uns selbst und zu anderen Menschen?</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_24  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Prager Langzeitstudie</h2>
<p>Die sogenannte <strong>Prague Study</strong> begann Ende der 1960er-Jahre. Grundlage waren Unterlagen der Prager Abtreibungskommission aus den Jahren 1961 bis 1963.</p>
<p>Damals war ein Schwangerschaftsabbruch in der damaligen Tschechoslowakei unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Frauen mussten einen entsprechenden Antrag stellen. Wurde dieser abgelehnt, konnten sie Einspruch einlegen.</p>
<p>Die Forscher konnten dadurch eine ungewöhnlich klar definierte Gruppe identifizieren: Frauen, die für dieselbe Schwangerschaft <strong>zweimal einen Abbruch beantragt hatten – zunächst regulär und anschließend noch einmal im Berufungsverfahren – und beide Male abgewiesen worden waren</strong>.</p>
<p>Von ursprünglich 24.889 Anträgen auf Schwangerschaftsabbruch wurden 638 sowohl beim ersten Antrag als auch im Berufungsverfahren abgelehnt. Nach weiteren Ausschlüssen konnten 501 Frauen nachverfolgt werden.</p>
<p>Dabei zeigte sich bereits etwas Bemerkenswertes: 185 dieser Frauen brachten das betreffende Kind nicht zur Welt. Manche erhielten später doch noch einen legalen Schwangerschaftsabbruch, andere hatten nach den Unterlagen eine Fehlgeburt, bei weiteren ließ sich keine Geburt feststellen.</p>
<p>Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass dadurch möglicherweise gerade besonders ausgeprägte Fälle einer unerwünschten Schwangerschaft bereits vor Beginn der eigentlichen Studie aus der Untersuchungsgruppe herausfielen.</p>
<p>316 Frauen brachten ihre Schwangerschaft schließlich in Prag zu Ende. Nach Todesfällen, Adoptionen, Umzügen und weiteren Ausschlüssen konnten 220 Kinder in die eigentliche Langzeituntersuchung aufgenommen werden. Die Gruppe bestand aus 110 Jungen und 110 Mädchen.</p>
<p>Diese Kinder waren damit in einem sehr konkreten Sinne ursprünglich ungewollt: Ihre Mütter hatten aktiv versucht, die betreffende Schwangerschaft zu beenden.</p>
<p>Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass diese Kinder nach ihrer Geburt dauerhaft ungeliebt oder abgelehnt wurden. Genau diese Unterscheidung ist für die Interpretation der Studie wichtig.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_25  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Wie die Forscher vorgingen</h2>
<p>Für jedes der 220 Kinder suchten die Forscher im Alter von etwa neun Jahren ein möglichst vergleichbares Kind aus einer akzeptierten Schwangerschaft.</p>
<p>Die Vergleichspaare wurden unter anderem hinsichtlich Alter, Geschlecht, Geburtenreihenfolge, Geschwisterzahl und besuchter Schule aufeinander abgestimmt. Auch das Alter der Mütter, der soziale Status der Familien und die Frage, ob ein Partner im Haushalt lebte, wurden berücksichtigt.</p>
<p>Damit wollten die Forscher erreichen, dass Unterschiede zwischen den Gruppen möglichst wenig durch offensichtliche soziale oder demografische Faktoren erklärt werden konnten.</p>
<p>Die Teilnehmer wurden über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren mehrfach untersucht:</p>
<p>im Alter von etwa 9 Jahren, mit 14 bis 16 Jahren, mit 21 bis 23 Jahren, mit 28 bis 31 Jahren und schließlich noch einmal mit 32 bis 35 Jahren.</p>
<p>Zusätzlich gab es im Alter zwischen 26 und 28 Jahren eine Untersuchung der Partnerschaften verheirateter Teilnehmer. In den späteren Untersuchungsphasen wurden außerdem die Geschwister der Teilnehmer einbezogen. Dadurch wollten die Forscher besser unterscheiden, welche Auffälligkeiten möglicherweise mit dem allgemeinen Familienumfeld zusammenhingen und welche stärker mit der ursprünglich ungewollten Schwangerschaft verbunden waren.</p>
<p>Die Teilnehmer selbst wurden dabei bewusst <strong>nicht darüber informiert</strong>, dass ihre ursprüngliche Erwünschtheit Gegenstand der Untersuchung war. Offiziell lief das Projekt unter der Bezeichnung „Prague Study of Child Development“.</p>
<p>Bemerkenswert ist auch eine weitere Beobachtung: Als die Mütter neun Jahre nach der Geburt noch einmal auf den damaligen Abbruchwunsch angesprochen wurden, bestritten 83 der 220 Frauen – also 38 Prozent –, jemals einen Schwangerschaftsabbruch für dieses Kind beantragt zu haben. Die ursprünglichen Anträge waren jedoch dokumentiert.</p>
<p>Schon daran wird sichtbar, wie schwierig das Thema „gewollt oder ungewollt“ psychologisch und biografisch sein kann.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_26  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was sich in der Kindheit und Jugend zeigte</h2>
<p>Zu Beginn ihres Lebens unterschieden sich beide Gruppen überraschend wenig.</p>
<p>Es gab keine statistisch bedeutsamen Unterschiede beim Geburtsgewicht, bei der Körpergröße oder bei angeborenen Fehlbildungen. Auch hinsichtlich der Intelligenz zeigte sich im Alter von neun Jahren praktisch kein Unterschied.</p>
<p>Auf der tschechischen Version des Wechsler-Intelligenztests erreichten die Kinder aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt einen Wert von 102, die Vergleichsgruppe einen Wert von 103.</p>
<p>Die entscheidenden Unterschiede lagen also nicht in den grundlegenden geistigen Fähigkeiten.</p>
<p>Sie zeigten sich vielmehr im sozialen und schulischen Bereich.</p>
<p>Die Kinder aus den ursprünglich ungewollten Schwangerschaften erhielten im Durchschnitt schlechtere Schulnoten im Fach Tschechisch. Lehrer und Mütter bewerteten ihre schulischen Leistungen, ihren Fleiß und ihr Verhalten ungünstiger.</p>
<p>Noch interessanter erscheint ein Befund aus dem sozialen Bereich: Die Kinder wurden von ihren Mitschülern häufiger als mögliche Freunde abgelehnt. Auch überließen ihre Mütter die Erziehung häufiger anderen Personen.</p>
<p>Die Forscher fassten verschiedene Hinweise auf soziale und psychische Anpassungsprobleme zusätzlich zu einem sogenannten „Maladaptation Score“ zusammen. Dieser sollte erfassen, wie gut ein Kind mit den Anforderungen seines sozialen Umfeldes zurechtkam.</p>
<p>Auch hier schnitt die Gruppe der ursprünglich ungewollten Kinder im Durchschnitt ungünstiger ab. Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei Jungen und bei Einzelkindern.</p>
<p>Mit 14 bis 16 Jahren wurden einige Unterschiede deutlicher.</p>
<p>Dabei zeigte sich ein interessantes Muster: Die ungewollt geborenen Jugendlichen waren nicht hauptsächlich dadurch auffällig, dass sie besonders häufig versagten. Vielmehr waren sie unter den besonders erfolgreichen Schülern deutlich seltener vertreten.</p>
<p>Sie fanden sich erheblich seltener unter den überdurchschnittlich bewerteten Schülern und setzten ihre Ausbildung seltener an weiterführenden Schulen fort. Stattdessen begannen sie häufiger eine Berufsausbildung oder nahmen eine Tätigkeit ohne vorherige berufliche Qualifikation auf.</p>
<p>Dieser Befund ist bemerkenswert: Die Unterschiede bestanden weniger darin, dass die Betroffenen ständig besonders schlecht abschnitten. Sie waren vielmehr seltener dort zu finden, wo sich eine besonders positive Entwicklung zeigte.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_27  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Unterschiede wurden im Erwachsenenalter deutlicher</h2>
<p>Im Alter von 21 bis 23 Jahren zeigte sich das Muster zunehmend auch außerhalb von Schule und Ausbildung.</p>
<p>Die jungen Erwachsenen aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften berichteten häufiger von Problemen in unterschiedlichen Lebensbereichen.</p>
<p>Sie waren im Durchschnitt weniger zufrieden mit ihrer beruflichen Situation, berichteten häufiger über Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten und beschrieben ihre Freundschaften als weniger zahlreich und weniger befriedigend. Auch Enttäuschungen in Liebesbeziehungen traten häufiger auf.</p>
<p>Besonders auffällig war die rückblickende Bewertung des eigenen Lebens.</p>
<p>Im Vergleich zur Kontrollgruppe erklärte weniger als ein Drittel so vieler Betroffener, das eigene Leben habe sich so entwickelt, wie sie es erwartet hatten. Gleichzeitig berichteten mehr als doppelt so viele, wesentlich mehr Schwierigkeiten erlebt zu haben, als sie ursprünglich angenommen hatten.</p>
<p>Auch die Mütter bewerteten die Entwicklung ihrer Kinder rückblickend ungünstiger. Sie äußerten häufiger Unzufriedenheit mit deren Bildungsweg und sozialer Situation.</p>
<p>Im Alter um 30 Jahre wurden die Unterschiede zwischen den Gruppen wieder etwas kleiner. Sie verschwanden jedoch nicht vollständig. Die Untersuchung zeigte außerdem, dass ein Teil der Auffälligkeiten offenbar mit dem familiären Umfeld insgesamt zusammenhing. Genau deshalb bezogen die Forscher nun auch die Geschwister in ihre Analysen ein.</p>
<p>Ein Ergebnis blieb dabei besonders auffällig: Teilnehmer aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften waren im Laufe ihres Lebens häufiger psychiatrisch behandelt worden als sowohl die Vergleichspersonen als auch ihre eigenen Geschwister. Besonders deutlich war der Unterschied bei stationären psychiatrischen Behandlungen.</p>
<p>Andere mögliche Problembereiche zeigten dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang. In der späteren Analyse fanden die Forscher beispielsweise keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer ursprünglich ungewollten Schwangerschaft und Kriminalität, alkoholbezogenen Störungen oder starkem Rauchen.</p>
<p>Auch das gehört zu einer nüchternen Betrachtung der Ergebnisse.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_28  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was die Studie zeigt – und was sie nicht zeigt</h2>
<p>Die Prager Studie liefert Hinweise darauf, dass Menschen aus stark ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt ein erhöhtes Risiko für ungünstigere psychosoziale Entwicklungen und psychische Probleme im Erwachsenenalter aufweisen können.</p>
<p>Sie zeigt jedoch keinen einfachen Automatismus.</p>
<p>Aus einem ungewollten Kind wird nicht zwangsläufig ein psychisch belasteter Erwachsener. Ebenso wenig bedeutet eine ungeplante Schwangerschaft automatisch, dass ein Kind später Ablehnung erfährt.</p>
<p>Schon die untersuchte Gruppe unterscheidet sich deutlich von vielen Situationen, in denen Eltern heute von einer „ungeplanten“ Schwangerschaft sprechen. Bei den Prager Frauen handelte es sich um Schwangerschaften, für die zweimal ausdrücklich ein Abbruch beantragt worden war. Die Untersuchung beschreibt damit eine besonders deutlich dokumentierte Form ursprünglicher Unerwünschtheit.</p>
<p>Gleichzeitig sagt ein Abbruchwunsch während der Schwangerschaft wenig darüber aus, wie sich die Beziehung zum Kind nach der Geburt entwickelt.</p>
<p>Eine Frau kann eine Schwangerschaft zunächst ablehnen und ihr Kind später liebevoll annehmen. Umgekehrt kann ein ursprünglich ausdrücklich gewünschtes Kind in einem familiären Umfeld aufwachsen, in dem es häufig Kritik, emotionale Distanz oder Ablehnung erlebt.</p>
<p>Die Begriffe <strong>„ungewollt geboren“ und „abgelehnt aufgewachsen“ bezeichnen deshalb zwei unterschiedliche Dinge.</strong></p>
<p>Gerade dieser Unterschied ist entscheidend.</p>
<p>Die Prager Studie zeigt außerdem nicht eindeutig, welcher psychologische Mechanismus die gefundenen Unterschiede verursacht hat. Die Forscher beobachteten Entwicklungen und Zusammenhänge über Jahrzehnte. Sie konnten jedoch nicht für jeden einzelnen Teilnehmer feststellen, welche konkreten Erfahrungen innerhalb der Familie für die spätere Entwicklung verantwortlich waren.</p>
<p>Auch die Familien insgesamt unterschieden sich. Bereits in den ersten drei Untersuchungsphasen zeigte sich, dass die Familien aus der Gruppe der ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt instabiler und stärker belastet waren. Die Einbeziehung der Geschwister in späteren Untersuchungsphasen sollte deshalb gerade helfen, solche familiären Einflüsse besser zu berücksichtigen.</p>
<p>Die zentrale Aussage der Studie lautet daher eher:</p>
<p><strong>Eine stark ungewollte Schwangerschaft kann ein Risikomerkmal für die spätere psychosoziale und psychische Entwicklung sein. Sie legt den weiteren Lebensweg jedoch nicht fest.</strong></p>
<p>Genau an dieser Stelle entsteht eine weiterführende Frage, die die Studie selbst nur teilweise beantworten kann:</p>
<p>Was geschieht, wenn ein Kind innerhalb seiner Familie tatsächlich wiederholt Ablehnung erlebt – unabhängig davon, ob es ursprünglich gewollt war – und Jahre später erfährt, dass seine Mutter oder seine Eltern es ursprünglich gar nicht haben wollten?</p>
<p>Eine solche Erkenntnis trifft möglicherweise auf ein Selbstbild, das sich längst entwickelt hat.</p>
<p>Und sie kann alten Erfahrungen plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung geben.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_13 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_16  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_29  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Wenn die Erkenntnis, ungewollt gewesen zu sein, das Selbstbild verändert</h2>
<p>Die Prager Studie beschreibt statistische Unterschiede zwischen Menschen aus ursprünglich ungewollten und akzeptierten Schwangerschaften. Sie beantwortet jedoch eine andere, psychologisch ebenso interessante Frage nur indirekt: <strong>Was kann es für einen Menschen bedeuten, irgendwann zu erfahren, dass er ursprünglich gar nicht gewollt war?</strong></p>
<p>Dabei sollte man zwei Dinge klar voneinander unterscheiden.</p>
<p>Ein Kind kann gewollt sein und sich dennoch abgelehnt fühlen. Eltern können sich ein Kind ausdrücklich gewünscht haben und ihm später trotzdem wenig Zuwendung geben, es häufig kritisieren, seine Bedürfnisse als störend erleben oder emotional kaum erreichbar sein.</p>
<p>Umgekehrt kann eine Schwangerschaft zunächst ungewollt sein und das Kind nach seiner Geburt mit großer Zuneigung angenommen werden.</p>
<p>Entscheidend für die Entwicklung des Kindes dürfte daher weniger die ursprüngliche Absicht der Eltern allein sein. Entscheidend ist vor allem, <strong>was das Kind im alltäglichen Zusammenleben erlebt und wie es diese Erfahrungen deutet.</strong></p>
<h3>Kinder erleben Verhalten – und suchen dafür eine Erklärung</h3>
<p>Ein kleines Kind kennt die Lebensgeschichte seiner Eltern kaum. Es versteht weder deren Beziehungskonflikte noch finanzielle Sorgen, berufliche Belastungen, eigene Kindheitserfahrungen oder psychische Probleme.</p>
<p>Es erlebt zunächst Verhalten.</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Die Mutter reagiert gereizt.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Der Vater zieht sich zurück.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Ein Geschwisterkind bekommt scheinbar mehr Aufmerksamkeit.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Eigene Bedürfnisse lösen Unmut aus.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Fehler werden stark kritisiert.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Zuneigung wirkt wechselhaft oder muss scheinbar verdient werden.</strong></p>
<p>Ein Erwachsener könnte für jedes dieser Verhaltensweisen zahlreiche Erklärungen finden. Ein Kind besitzt diese Möglichkeiten noch kaum. Seine soziale Welt besteht aus wenigen wichtigen Menschen, von denen es abhängig ist.</p>
<p>Deshalb liegt eine andere Erklärung sehr viel näher:</p>
<p><strong>„Es hat etwas mit mir zu tun.“</strong></p>
<p>Aus „Meine Mutter ist überfordert“ kann innerlich „Ich störe meine Mutter“ werden.</p>
<p>Aus „Mein Vater kann Gefühle kaum zeigen“ kann „Ich bin seine Zuneigung nicht wert“ werden.</p>
<p>Aus „Meine Eltern haben ständig Konflikte“ kann „Wegen mir gibt es Probleme“ entstehen.</p>
<p>Solche Schlussfolgerungen brauchen niemals ausdrücklich ausgesprochen zu werden. Sie können sich aus vielen kleinen Erfahrungen zusammensetzen.</p>
<p>Forschung zur wahrgenommenen elterlichen Ablehnung passt zu diesem Gedanken. Eine kulturübergreifende Meta-Analyse fand Zusammenhänge zwischen wahrgenommener elterlicher Zurückweisung und verschiedenen ungünstigen Persönlichkeitsmerkmalen bei Kindern. Dazu gehörten unter anderem ein negativer Selbstwert, ein geringeres Gefühl eigener Kompetenz, emotionale Instabilität und eine negativere Sicht auf die soziale Umwelt.</p>
<p>Damit wird etwas Grundsätzliches sichtbar: Kinder entwickeln ihr Bild von sich selbst nicht im luftleeren Raum. Sie lernen auch aus den Reaktionen der Menschen, von denen sie abhängig sind, welchen Wert sie sich selbst zuschreiben.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_30  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Aus Erfahrungen entsteht ein Bild der eigenen Person</h3>
<p>Eine einzelne Zurückweisung formt noch keine Persönlichkeit. Menschen erleben schließlich immer wieder Konflikte, Kritik und Enttäuschungen. Bedeutsamer wird es, wenn ähnliche Erfahrungen wiederholt auftreten und sich miteinander verbinden.</p>
<p>Dann kann aus</p>
<p><strong>„Mama ist heute genervt von mir“</strong></p>
<p>allmählich</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Ich nerve andere“</strong></p>
<p>werden.</p>
<p>Aus</p>
<p><strong>„Papa interessiert sich heute nicht für das, was ich erzähle“</strong></p>
<p>kann</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Was ich denke und fühle, interessiert niemanden“</strong></p>
<p>werden.</p>
<p>Und aus vielen ähnlichen Situationen kann schließlich eine grundlegende Überzeugung entstehen:</p>
<p><strong>„Ich bin weniger wichtig als andere.“</strong></p>
<p>An dieser Stelle berühren sich Selbstbild und Selbstwert.</p>
<p>Das Selbstbild beantwortet die Frage: <strong>Wer glaube ich zu sein?</strong></p>
<p>Der Selbstwert ergänzt die Bewertung: <strong>Wie viel bin ich in meinen eigenen Augen wert?</strong></p>
<p>Ein Kind, das sich wiederholt als störend, unerwünscht oder unbedeutend erlebt, kann deshalb eine Vorstellung von sich entwickeln, in der der eigene Wert zunehmend von der Reaktion anderer Menschen abhängig wird.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_31  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Und dann kommt vielleicht Jahre später ein Satz</h3>
<p>Nun stellen wir uns vor, ein solcher Mensch erfährt irgendwann:</p>
<p><strong>„Eigentlich warst du gar nicht geplant.“</strong></p>
<p>Oder deutlicher:</p>
<p><strong>„Wir wollten damals kein Kind.“</strong></p>
<p>Oder sogar:</p>
<p><strong>„Deine Mutter wollte dich abtreiben.“</strong></p>
<p>Für jemanden, der seine Kindheit überwiegend als liebevoll und sicher erlebt hat, kann diese Information überraschend oder verletzend sein. Sie kann dennoch mit der späteren Erfahrung vereinbar sein:</p>
<p>„Meine Eltern wollten die Schwangerschaft damals nicht, aber sie wollten später <strong>mich</strong>.“</p>
<p>Ganz anders kann dieselbe Information auf einen Menschen wirken, der bereits ein schwaches Selbstbild entwickelt hat. Dann trifft die Nachricht nicht auf eine leere Fläche.</p>
<p>Sie trifft auf Erinnerungen.</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Auf erlebte Zurückweisung.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Auf Kritik.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Auf emotionale Distanz.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Auf das Gefühl, lästig gewesen zu sein.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Auf Momente, in denen Geschwister scheinbar wichtiger waren.</strong></p>
<p>Vielleicht auch auf jahrelanges Grübeln darüber, warum die Beziehung zu Mutter oder Vater so schwierig war. Und plötzlich scheint alles zusammenzupassen.</p>
<p><strong>„Jetzt verstehe ich es.“</strong></p>
<p>Das kann psychologisch enorm wirksam sein.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_32  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Wenn eine neue Information die Vergangenheit neu ordnet</h3>
<p>Unsere Lebensgeschichte besteht nicht nur aus dem, was geschehen ist. Sie besteht auch daraus, <strong>welche Bedeutung wir dem Geschehen geben</strong>. Eine neue biografische Information kann deshalb ältere Erfahrungen in einem anderen Licht erscheinen lassen.</p>
<p>Aus der Erinnerung</p>
<p><strong>„Meine Mutter war häufig genervt von mir“</strong></p>
<p>wird möglicherweise:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Sie war genervt, weil sie mich nie wollte.“</strong></p>
<p>Aus</p>
<p><strong>„Mein Vater hat sich wenig mit mir beschäftigt“</strong></p>
<p>kann werden:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Ich war eben das Kind, das eigentlich gar nicht hätte da sein sollen.“</strong></p>
<p>Und aus</p>
<p><strong>„Ich hatte schon immer das Gefühl, weniger wert zu sein“</strong></p>
<p>wird schließlich:</p>
<p><strong>„Jetzt weiß ich, warum ich weniger wert bin.“</strong></p>
<p>Gerade dieser letzte Schritt ist problematisch. Denn die Information über eine damalige Schwangerschaftssituation beantwortet eigentlich nur eine historische Frage:</p>
<p><strong>War diese Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt gewollt?</strong></p>
<p>Innerlich kann daraus jedoch eine völlig andere Aussage entstehen:</p>
<p><strong>„War ich als Mensch gewollt?“</strong></p>
<p>Das sind zwei verschiedene Fragen.</p>
<p>Eine Schwangerschaft kann aufgrund des Alters, der Beziehungssituation, wirtschaftlicher Unsicherheit, gesundheitlicher Sorgen oder zahlloser anderer Umstände abgelehnt worden sein. Daraus folgt keinerlei Aussage über den Wert des später geborenen Menschen. Psychologisch kann diese Unterscheidung trotzdem verloren gehen.</p>
<p>Aus:</p>
<p><strong>„Meine Mutter wollte damals keine Schwangerschaft“</strong></p>
<p>wird:</p>
<p><strong>„Meine Mutter wollte mich nicht.“</strong></p>
<p>Und daraus möglicherweise:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Ich war nicht liebenswert.“</strong></p>
<p>Damit erhält ein bereits vorhandenes negatives Selbstbild scheinbar eine biografische Bestätigung.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_33  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Vom schwachen Selbstwert zur Angst vor Ablehnung</h3>
<p>An diesem Punkt kann sich ein weiterer Mechanismus entwickeln.</p>
<p>Wer sich selbst als weniger wertvoll erlebt, besitzt möglicherweise weniger innere Sicherheit, dass Beziehungen Bestand haben. Die Zustimmung anderer Menschen gewinnt dadurch größere Bedeutung.</p>
<p><strong>Ein kritischer Blick kann stärker verunsichern.</strong></p>
<p><strong>Ein Streit kann schneller als Gefahr für die Beziehung erlebt werden.</strong></p>
<p><strong>Eine verzögerte Nachricht kann Zweifel auslösen.</strong></p>
<p><strong>Eine Meinungsverschiedenheit kann wie persönliche Ablehnung wirken.</strong></p>
<p>Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von <strong>Zurückweisungs- oder Ablehnungssensibilität</strong>. Gemeint ist die Tendenz, mögliche Ablehnung besonders schnell zu erwarten, entsprechende Signale stärker wahrzunehmen und emotional intensiver darauf zu reagieren.</p>
<p>Eine Längsschnittstudie mit 866 Jugendlichen zeigte, dass ein niedriger Selbstwert spätere Zurückweisungssensibilität vorhersagte. Diese wiederum war mit zunehmender Einsamkeit und späteren depressiven Symptomen verbunden.</p>
<p>Auch Erfahrungen im Elternhaus können dabei eine Rolle spielen. In einer Längsschnittstudie mit 601 Kindern und frühen Jugendlichen waren wahrgenommene elterliche Zurückweisung, Zwang und psychologische Kontrolle mit zunehmender Zurückweisungssensibilität und emotionalen Problemen verbunden.</p>
<p>Das bedeutet keine zwangsläufige Entwicklung. Es beschreibt einen möglichen psychologischen Weg:</p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #0c71c3;"><strong><span style="font-size: large;">Erlebte Ablehnung kann das Selbstbild beeinflussen. Ein schwacher Selbstwert kann die Erwartung weiterer Ablehnung begünstigen. Und diese Erwartung beeinflusst wiederum, wie soziale Situationen wahrgenommen werden</span>.</strong></span></p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_34  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Irgendwann reagiert der Mensch nicht mehr nur auf das, was geschieht</h3>
<p>Hier beginnt ein sich selbst verstärkender Prozess. Wer Ablehnung erwartet, richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Hinweise darauf.</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Ein neutraler Gesichtsausdruck kann kühl wirken.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Eine andere Meinung kann wie Distanz erscheinen.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Kritik kann als persönliche Abwertung erlebt werden.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Die Entscheidung eines anderen Menschen kann plötzlich etwas über den eigenen Wert auszusagen scheinen.</strong></p>
<p>Das Entscheidende daran: Der Betroffene erlebt seine Reaktion häufig keineswegs als übertrieben. Für ihn ist die Gefahr real. Seine bisherige Lebensgeschichte liefert schließlich scheinbar genügend Belege dafür.</p>
<p>Dadurch kann aus einer ursprünglichen Unsicherheit eine immer stärkere Erwartung entstehen:</p>
<p><strong>„Ich muss verhindern, dass andere mich ablehnen.“</strong></p>
<p>Und genau diese Erwartung beginnt nun, Verhalten zu steuern.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_35  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Dieselbe Angst kann sehr unterschiedliche Gesichter haben</h3>
<p>Ein Mensch versucht vielleicht, es jedem recht zu machen. Er passt sich an, sagt selten Nein und stellt eigene Bedürfnisse zurück.</p>
<p>Ein anderer vermeidet enge Beziehungen. Wer niemanden wirklich an sich heranlässt, kann schließlich auch weniger verletzt werden.</p>
<p>Ein Dritter reagiert auf Kritik sofort aggressiv.</p>
<p>Ein Vierter versucht, besonders erfolgreich zu sein, weil Anerkennung seinen Selbstwert stabilisiert.</p>
<p>Ein Fünfter kontrolliert Menschen in seinem Umfeld.</p>
<p>Auf den ersten Blick haben diese Verhaltensweisen wenig miteinander gemeinsam.</p>
<p>Doch hinter ihnen kann eine ähnliche innere Frage stehen:</p>
<p><strong>„Wie kann ich verhindern, abgelehnt zu werden?“</strong></p>
<p>Forschung zur Zurückweisung zeigt, dass Reaktionen darauf keineswegs immer in Rückzug oder Traurigkeit bestehen. Experimentelle Studien und Meta-Analysen zeigen auch aggressive oder kontrollorientierte Reaktionen. Eine mögliche Erklärung lautet, dass Menschen nach Zurückweisung versuchen, Zugehörigkeit oder Kontrolle wiederherzustellen.</p>
<p>Damit wird verständlich, warum Angst vor Ablehnung mit zunehmendem Alter Verhaltensweisen hervorbringen kann, deren Zusammenhang mit dieser ursprünglichen Angst für Außenstehende kaum noch erkennbar ist.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_36  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Wenn aus eigener Unsicherheit die Kontrolle anderer wird</h3>
<p>Besonders interessant wird diese Entwicklung, wenn der Mensch versucht, seine eigene soziale Sicherheit durch das Verhalten anderer Menschen zu gewährleisten. Dann genügt es irgendwann nicht mehr, das eigene Verhalten anzupassen.</p>
<p>Auch nahe Angehörige sollen sich so verhalten, dass keine Situation entsteht, die als beschämend, bedrohlich oder sozial riskant erlebt wird.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Welche Partner die eigenen Kinder wählen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Wie sie leben.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Welchen Beruf sie ergreifen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Wie sie sich kleiden.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Welche Entscheidungen sie treffen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Ob sie sich trennen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">Mit wem sie eine Familie gründen.</p>
<p>Solche Entscheidungen gehören eigentlich zum Leben des anderen Menschen. Für jemanden mit ausgeprägter Ablehnungsangst können sie jedoch eine persönliche Bedeutung bekommen:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Was werden die anderen denken?“</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Was sagt das über unsere Familie aus?“</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Wie stehe ich dann da?“</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Was passiert, wenn die anderen sich von uns abwenden?“</strong></p>
<p>Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes.</p>
<p>Der Mensch versucht nun, <strong>seine eigene Angst durch die Kontrolle anderer zu regulieren</strong>.</p>
<p>Von außen kann das Verhalten bevormundend, aggressiv, verletzend oder vollkommen unverständlich erscheinen. Innerhalb der eigenen psychischen Logik dient es jedoch möglicherweise einem klaren Zweck:</p>
<p><strong>Eine befürchtete Ablehnung soll um jeden Preis verhindert werden.</strong></p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_37  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Angst vor Ablehnung kann dadurch immer größer werden</h3>
<p>Hier zeigt sich eine weitere problematische Dynamik. Vermeidung und Kontrolle können kurzfristig beruhigen. Wer beispielsweise eine Situation verhindert, die er als sozial gefährlich erlebt, erfährt zunächst Erleichterung. Gerade diese Erleichterung kann jedoch die zugrunde liegende Angst stabilisieren.</p>
<p>Denn der Mensch erfährt nicht:</p>
<p><strong>„Die Situation wäre wahrscheinlich gar nicht so gefährlich gewesen.“</strong></p>
<p>Er erlebt stattdessen:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Zum Glück habe ich verhindert, dass es passiert.“</strong></p>
<p>Die Angst erhält damit scheinbar recht. Bei der nächsten vergleichbaren Situation erscheint Kontrolle erneut notwendig. So kann sich aus einer zunächst nachvollziehbaren Unsicherheit über Jahre ein immer engeres System entwickeln, in dem zunehmend mehr Situationen als mögliche Ablehnung erlebt werden.</p>
<p>Was für Außenstehende irgendwann vollkommen unverhältnismäßig erscheint, kann innerhalb dieser inneren Logik konsequent sein.</p>
<h3>Die Erklärung ist nicht die Entschuldigung</h3>
<p>An diesem Punkt ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.</p>
<p>Die eigene Lebensgeschichte kann erklären, <strong>warum</strong> jemand bestimmte Ängste oder Verhaltensmuster entwickelt hat.</p>
<p>Sie hebt jedoch die Verantwortung für das spätere Verhalten gegenüber anderen Menschen nicht auf.</p>
<p>Wer selbst Ablehnung erlebt hat, erhält daraus kein Recht, andere abzuwerten, zu kontrollieren oder zu verletzen.</p>
<p>Gerade darin liegt eine wichtige Bedeutung von Selbstbestimmtheit.</p>
<p>Selbstbestimmtheit bedeutet nicht nur, sich gegen die Erwartungen anderer zu behaupten. Sie bedeutet auch, die eigenen inneren Automatismen besser zu verstehen.</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Welche Angst steuert mich?</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Welche Situation löst sie aus?</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Welche Bedeutung gebe ich dem Verhalten anderer?</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Und versuche ich möglicherweise, das Leben anderer Menschen zu verändern, damit ich meine eigene Unsicherheit weniger spüre?</strong></p>
<p>Diese Fragen können unangenehm sein. Sie eröffnen zugleich einen Ausweg.</p>
<p>Denn was als unveränderlicher Charakterzug erscheint, kann sich als erlernte innere Logik erweisen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_38  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3>„Ich war ungewollt“ beschreibt einen Anfang – keinen Wert</h3>
<p>Vielleicht liegt hierin die wichtigste Unterscheidung. Ein Mensch kann tatsächlich ungeplant oder ungewollt gezeugt worden sein. Seine Mutter kann über eine Abtreibung nachgedacht haben. Seine Eltern können mit der Schwangerschaft überfordert gewesen sein. Und vielleicht hat er später tatsächlich Zurückweisung erlebt.</p>
<p>All diese Erfahrungen gehören zu seiner Biografie.</p>
<p>Doch aus keiner davon folgt:</p>
<p><strong>„Ich bin weniger wert.“</strong></p>
<p>Dieser Schluss entsteht erst durch die Bedeutung, die der Mensch seinen Erfahrungen gibt.</p>
<p>Gerade wenn jemand bereits früh ein schwaches Selbstbild entwickelt hat, kann die spätere Erkenntnis, ursprünglich ungewollt gewesen zu sein, wie das fehlende Puzzleteil erscheinen:</p>
<p><strong>„Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich immer so gefühlt habe.“</strong></p>
<p>Aber vielleicht erklärt diese Erkenntnis lediglich einen Teil der eigenen Geschichte.</p>
<p>Sie beweist nicht die negative Schlussfolgerung, die daraus gezogen wurde.</p>
<p>Genau darin liegt zugleich die Möglichkeit zur Veränderung.</p>
<p>Denn zwischen</p>
<p><strong>„Ich wurde damals nicht gewollt“</strong></p>
<p>und</p>
<p><strong>„Ich bin nicht liebenswert“</strong></p>
<p>liegt kein Naturgesetz.</p>
<p>Dazwischen liegt eine Deutung.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large; color: #0c71c3;"><strong>Und Deutungen können verstanden, überprüft und verändert werden.</strong></span></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_14">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_17  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_39  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Die Prager Langzeitstudie ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, dass sich die möglichen Folgen einer ursprünglich ungewollten Schwangerschaft nicht auf die ersten Lebensjahre beschränken.</p>
<p>Die Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen zeigten sich teilweise erst später deutlicher. Sie betrafen weniger die grundlegende Intelligenz oder körperliche Entwicklung, sondern vor allem soziale Beziehungen, schulische und berufliche Entwicklungen sowie die psychische Anpassung.</p>
<p>Damit lenkt die Studie den Blick auf einen wichtigen Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung: Frühe Erfahrungen wirken nicht zwangsläufig sofort sichtbar. Ihre Bedeutung kann sich erst über Jahre entfalten.</p>
<p>Dabei sollte die Studie weder überinterpretiert noch verharmlost werden.</p>
<p>Sie zeigt nicht, dass aus einer ungewollten Schwangerschaft zwangsläufig psychische Probleme entstehen. Sie zeigt ebenso wenig, dass jede spätere Schwierigkeit auf die ursprüngliche Haltung der Eltern zur Schwangerschaft zurückgeführt werden kann.</p>
<p>Sie zeigt jedoch, dass eine stark ungewollte Schwangerschaft Teil einer familiären Ausgangssituation sein kann, in der sich das Risiko für spätere psychosoziale Belastungen erhöht.</p>
<p>Besonders interessant wird dieser Befund, wenn man ihn mit der Forschung zu elterlicher Ablehnung, Selbstwert und Ablehnungssensibilität verbindet.</p>
<p>Dann entsteht ein umfassenderes Bild:</p>
<p><strong>Ein Kind erlebt nicht nur objektive Ereignisse. Es entwickelt aus diesen Erfahrungen Vorstellungen darüber, wer es ist und welchen Wert es besitzt.</strong></p>
<p>Erlebt es wiederholt Distanz, Kritik oder Zurückweisung, kann daraus ein negatives Selbstbild entstehen.</p>
<p>Erfährt dieser Mensch später zusätzlich, dass er ursprünglich gar nicht gewollt war, kann diese Information rückwirkend wie eine Erklärung für viele frühere Erfahrungen wirken.</p>
<p>Damit verändert sich die Bedeutung der eigenen Biografie.</p>
<p>Eine einzelne Information kann plötzlich zahlreiche Erinnerungen miteinander verbinden.</p>
<p>Aus:</p>
<p><strong>„Meine Kindheit war schwierig.“</strong></p>
<p>kann werden:</p>
<p><strong>„Meine Kindheit war schwierig, weil ich nie gewollt war.“</strong></p>
<p>Und aus dieser Erklärung kann wiederum eine grundlegende Schlussfolgerung über die eigene Person entstehen:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>„Dann war ich offenbar von Anfang an weniger wert.“</strong></p>
<p>Gerade hier liegt eine mögliche Gefahr.</p>
<p>Denn die Tatsache, dass eine Schwangerschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ungewollt war, sagt nichts über den Wert des später geborenen Menschen aus.</p>
<p>Psychologisch können beide Ebenen jedoch miteinander verschmelzen.</p>
<p>Dann wird aus einem historischen Umstand eine Aussage über die eigene Identität.</p>
<p>Die besondere Bedeutung der Prager Studie liegt deshalb vielleicht weniger darin, dass sie eine einfache Ursache für spätere psychische Probleme gefunden hat.</p>
<p>Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie zeigt, wie stark sich frühe familiäre Ausgangsbedingungen mit späteren sozialen und psychischen Entwicklungen verbinden können.</p>
<p>Persönlichkeit entsteht nicht aus einem einzigen Ereignis.</p>
<p>Sie entwickelt sich aus Erfahrungen, deren Deutung und den daraus entstehenden Erwartungen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><span style="font-size: x-large; color: #0c71c3;">Gerade deshalb kann auch eine spätere Erkenntnis über die eigene Herkunft oder frühe Familiengeschichte noch erheblichen Einfluss darauf haben, wie ein Mensch sich selbst versteht</span>.</strong></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_15">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_18  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_40  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p>Studieninformationen</p>
<p>Infobox zur Studie.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_16">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_19  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld: </strong>Entwicklungspsychologie, Familienpsychologie, psychische Gesundheit</p>
<p><strong>Studie: </strong>Langzeituntersuchung zu Kindern aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften in Prag</p>
<p><strong>Journal: </strong>Reproductive Health Matters</p>
<p><strong>Veröffentlichung: </strong>2006 als zusammenfassende Auswertung der Prager Langzeitstudie; die zugrunde liegenden Untersuchungen begannen bereits in den 1960er-Jahren.</p>
<p><strong>Studientyp: </strong>Prospektive Langzeitstudie mit Vergleichsgruppe und mehreren Nachuntersuchungen über mehr als 30 Jahre</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_20  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl: </strong>220 Kinder aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften sowie 220 vergleichbare Kinder aus akzeptierten Schwangerschaften. In späteren Untersuchungsphasen wurden zusätzlich Geschwister einbezogen.</p>
<p><strong>Untersuchungszeitraum: </strong>Vom Kindesalter bis etwa zum 35. Lebensjahr</p>
<p><strong>Originalstudie: </strong>David, H. P. et al.: Born Unwanted: Observations from the Prague Study</p>
<p><strong>Link zur Studie:</strong><br /><a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1016/S0968-8080%2806%2927219-7">https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1016/S0968-8080%2806%2927219-7</a></p></div>
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			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/18/ungewollt-geboren-negatives-selbstbild/">Ungewollt geboren – Wie diese Erkenntnis ein schwaches Selbstbild verstärken kann</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wie unser Bild vom Alter unsere eigene Zukunft prägen kann</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/13/altersbilder-zukunft-gesundheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Sep 2026 05:40:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Alterspsychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Altersstereotype]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspsychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Persönlichkeitsentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbild]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1893</guid>

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										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_4 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
				<div class="et_pb_row et_pb_row_17">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_21  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_43  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eine Langzeitstudie zeigt, warum unsere Vorstellungen von alten Menschen Jahrzehnte später für die eigene Gesundheit bedeutsam werden können.</h2>
<p>Was wir über alte Menschen denken, scheint zunächst wenig mit uns selbst zu tun zu haben. Das Alter liegt für einen jungen Menschen in weiter Ferne. Seine Vorstellungen davon können jedoch zu einem inneren Zukunftsbild werden. Eine Langzeitstudie zeigt: Menschen, die in jüngeren Jahren negativere Altersstereotype vertraten, erlebten in den folgenden Jahrzehnten häufiger ein schwerwiegendes Herz-Kreislauf-Ereignis.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_44  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Studie</h2>
<p>Die Psychologin Becca Levy und ihre Kollegen wollten herausfinden, ob Vorstellungen vom Alter bereits lange vor dem eigenen Altsein gesundheitliche Bedeutung besitzen. Dazu werteten sie Daten der <strong>Baltimore Longitudinal Study of Aging</strong> aus. Diese seit 1958 laufende Langzeituntersuchung begleitet Menschen über viele Jahre und erfasst, wie sich ihre Gesundheit während des Alterns entwickelt.</p>
<p>Für die vorliegende Studie berücksichtigten die Forscher 386 Menschen, die zu Beginn zwischen 18 und 49 Jahre alt waren. Das Durchschnittsalter lag bei 36,5 Jahren. Keiner der Teilnehmer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Herz-Kreislauf-Ereignis erlebt. Die ausgewertete Gruppe bestand aus 305 Männern und 81 Frauen.</p>
<p>Ab 1968 wurden die Einstellungen der Teilnehmer gegenüber älteren Menschen mit einer Skala aus 16 Aussagen erfasst. Darin kamen negative Altersstereotype zum Ausdruck, beispielsweise die Vorstellung, alte Menschen seien hilflos. Je stärker die Teilnehmer solchen Aussagen zustimmten, desto negativer wurde ihr Altersbild eingestuft.</p>
<p>Anschließend verfolgten die Forscher ihre gesundheitliche Entwicklung bis zum Jahr 2007. Der mögliche Beobachtungszeitraum umfasste damit bis zu 38 Jahre. Als Herz-Kreislauf-Ereignisse zählten Angina-pectoris-Anfälle, Herzinsuffizienz, Herzinfarkte, Schlaganfälle und vorübergehende Durchblutungsstörungen des Gehirns. Insgesamt wurden 89 erste kardiovaskuläre Ereignisse registriert.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_45  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Negative Altersbilder gingen mit einem höheren gesundheitlichen Risiko einher</h2>
<p>Die Teilnehmer mit negativeren Altersstereotypen erlebten im weiteren Lebensverlauf häufiger ein kardiovaskuläres Ereignis als jene mit positiveren Vorstellungen vom Alter. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher zahlreiche bekannte Einflussgrößen statistisch berücksichtigt hatten.</p>
<p>Dazu gehörten unter anderem:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Alter und Geschlecht,</li>
<li>Bildungsstand und Familienstand,</li>
<li>Body-Mass-Index,</li>
<li>erhöhter Blutdruck und Cholesterinwert,</li>
<li>Raucherbiografie,</li>
<li>depressive Beschwerden,</li>
<li>bestehende chronische Erkrankungen,</li>
<li>familiäre Vorbelastung für kardiovaskuläre Erkrankungen,</li>
<li>ethnische Zugehörigkeit,</li>
<li>selbst eingeschätzter Gesundheitszustand.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Ein negativeres Altersbild erwies sich damit als eigenständiger statistischer Prädiktor. Der Begriff bedeutet in diesem Zusammenhang: Die Beziehung zu späteren Herz-Kreislauf-Ereignissen ließ sich nicht vollständig durch die anderen erfassten Merkmale erklären. Er bedeutet hingegen nicht, dass negative Altersstereotype zwangsläufig eine Erkrankung verursachen.</p>
<p>Besonders anschaulich wird das Ergebnis in Abbildung 1 der Originalstudie.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_0">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img fetchpriority="high" decoding="async" width="601" height="456" src="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/nihms100061f1.jpg" alt="Liniendiagramm zum Anteil der Teilnehmer ohne Herz-Kreislauf-Ereignis über einen Zeitraum von bis zu 38 Jahren. Die Kurve der Gruppe mit negativeren Altersstereotypen fällt stärker ab als die Kurve der Gruppe mit positiveren Altersstereotypen." title="nihms100061f1" srcset="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/nihms100061f1.jpg 601w, https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/nihms100061f1-480x364.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 601px, 100vw" class="wp-image-1898" /></span>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_46  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p style="text-align: justify;"><em>Abbildung 1: Anteil der Teilnehmer ohne kardiovaskuläres Ereignis im Verlauf des Beobachtungszeitraums, getrennt nach positiveren und negativeren Altersstereotypen. Die Grafik zeigt einen statistischen Zusammenhang und keinen unmittelbaren Nachweis von Ursache und Wirkung. Quelle: Levy, B. R., Zonderman, A. B., Slade, M. D. &amp; Ferrucci, L. (2009): Age Stereotypes Held Earlier in Life Predict Cardiovascular Events in Later Life. Psychological Science, 20(3), 296–298. </em><a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2666386/"><em>Originalstudie</em></a></p>
<p>.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_47  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p>Die Grafik zeigt, welcher Anteil beider Gruppen im Laufe der Jahre noch kein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis erlebt hatte. Zu Beginn liegen die Kurven zwangsläufig beieinander, da sämtliche Teilnehmer ohne ein solches Ereignis in die Untersuchung aufgenommen wurden. Im weiteren Verlauf entfernen sich die Linien zunehmend voneinander. Die Kurve der Menschen mit negativeren Altersstereotypen fällt stärker ab. In dieser Gruppe trat das erste kardiovaskuläre Ereignis somit häufiger und früher auf.<br />Nach 30 Jahren hatten 25 Prozent der Teilnehmer mit negativeren Altersstereotypen ein solches Ereignis erlebt. Bei den Teilnehmern mit positiveren Altersbildern waren es 13 Prozent. Der Unterschied betrug zu diesem Zeitpunkt zwölf Prozentpunkte. Anders ausgedrückt: In der Gruppe mit dem negativeren Altersbild war der Anteil der Betroffenen beinahe doppelt so hoch.<br />Die Abbildung macht damit sichtbar, was in einer bloßen Regressionszahl leicht abstrakt bleibt: Einstellungen, die zu Beginn wie Meinungen über eine andere Altersgruppe erscheinen, können Jahrzehnte später mit der eigenen gesundheitlichen Entwicklung zusammenhängen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_48  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Der Blick auf die jüngeren Teilnehmer verstärkte den Befund</h2>
<p>Die Forscher betrachteten zusätzlich eine Untergruppe von 229 Menschen, die zu Beginn zwischen 18 und 39 Jahre alt waren. Berücksichtigt wurden dabei kardiovaskuläre Ereignisse, die erst nach dem 60. Geburtstag auftraten. Zwischen der Erfassung der Altersstereotype und dem späteren gesundheitlichen Ereignis lagen somit mindestens 21 Jahre.</p>
<p>Auch in dieser Teilanalyse zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang. Menschen mit negativeren Altersstereotypen erlebten ihr erstes kardiovaskuläres Ereignis mit höherer Wahrscheinlichkeit früher als Menschen mit positiveren Vorstellungen vom Alter. Der statistisch bereinigte Risikowert war in dieser Untergruppe etwa doppelt so hoch.</p>
<p>Dieser Befund berührt die eigentliche Besonderheit der Untersuchung. Die Teilnehmer beschrieben zunächst eine Gruppe, der sie selbst noch nicht angehörten. Erst viele Jahre später wurden die früheren Vorstellungen vom Alter für ihre eigene Person relevant. Die Studie begleitet damit den Übergang vom Urteil über „die Alten“ zur möglichen Erwartung an das eigene Altern.</p>
<h2>Wie könnten Altersstereotype die Gesundheit beeinflussen?</h2>
<p>Die Studie zeigt den langfristigen Zusammenhang, untersucht jedoch nicht vollständig, über welche einzelnen Schritte er entstanden ist. Die Autoren verweisen auf frühere Forschung und nennen vor allem zwei mögliche Wege.</p>
<p>Der erste führt über das <strong>Gesundheitsverhalten</strong>. Wer körperlichen Verfall als unausweichliche Folge des Alters betrachtet, erlebt Bewegung, Vorsorge oder Rehabilitation möglicherweise als weniger wirksam. Die Erwartung beeinflusst dann, welche Möglichkeiten ein Mensch erkennt und welche Anstrengungen er für sinnvoll hält. Positivere Vorstellungen vom eigenen Altern wurden in früheren Untersuchungen dagegen mit günstigerem präventivem Gesundheitsverhalten in Verbindung gebracht.</p>
<p>Der zweite Weg führt über die <strong>Stressreaktion</strong>. Wenn Alter vor allem mit Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Bedrohung verbunden wird, können altersbezogene Herausforderungen stärkere körperliche Stressreaktionen auslösen. Wiederkehrende Belastungsreaktionen könnten sich langfristig auf das Herz-Kreislauf-System auswirken.</p>
<p>Diese Erklärungen sind plausibel. Die vorliegende Untersuchung belegt jedoch keinen vollständigen Wirkungsweg von der früheren Einstellung über ein bestimmtes Verhalten bis zur späteren Erkrankung. Ebenso wenig wurde gemessen, welchen Darstellungen alter Menschen die Teilnehmer in ihrem Alltag besondere Aufmerksamkeit schenkten. Erfasst wurden ihre bereits vorhandenen Einstellungen.</p>
<h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Altersstereotype sind mehr als beiläufige Meinungen. Anders als viele Vorurteile richten sie sich gegen eine Gruppe, der fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens selbst angehören wird. Der junge Mensch spricht über alte Menschen – und entwirft dabei möglicherweise bereits eine Vorstellung von seiner eigenen Zukunft.</p>
<p>Das bedeutet keineswegs, dass ein positives Altersbild Gesundheit garantiert. Gene, Erkrankungen, Lebensbedingungen, medizinische Versorgung, soziale Ungleichheit und persönliche Lebensereignisse prägen das Altern erheblich. Ebenso lässt sich aus einer späteren Erkrankung kein früheres „falsches Denken“ ableiten.</p>
<p>Die Studie eröffnet vielmehr eine zusätzliche Perspektive: Neben biologischen und sozialen Bedingungen können auch langfristig verinnerlichte Erwartungen am Alterungsprozess beteiligt sein. Sie beeinflussen möglicherweise, wie Menschen Belastungen deuten, welche Handlungsmöglichkeiten sie wahrnehmen und wie lange sie sich selbst Entwicklung zutrauen.</p>
<p>Auch ein ausschließlich positives Leistungsbild wäre zu eng. Nicht jeder Mensch bleibt bis ins hohe Alter körperlich stark, beruflich produktiv und vollständig unabhängig. Ein solches Ideal kann neue Abwertungen erzeugen: Wer krank wird oder Unterstützung braucht, erscheint dann schnell als jemand, der sich unzureichend um sein Altern gekümmert habe.</p>
<p>Ein tragfähiges Altersbild verbindet deshalb Zuversicht mit Wirklichkeit. Es erkennt körperliche Veränderungen und individuelle Grenzen an. Gleichzeitig lässt es Raum für Lernen, Bewegung, Beziehungen, Einfluss, Würde und Selbstbestimmtheit.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_18 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_22  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h2>
<p>Persönlichkeit entsteht auch aus den Bildern, mit denen ein Mensch seine mögliche Zukunft beschreibt. Solange das Alter weit entfernt scheint, werden Aussagen über alte Menschen kaum als Aussagen über das eigene Selbst wahrgenommen. Dennoch können sie sich als Erwartungen einprägen.</p>
<p>Aus „Alte Menschen können mit Veränderungen schlecht umgehen“ kann später „In meinem Alter lerne ich das kaum noch“ werden. Aus „Im Alter baut man zwangsläufig ab“ kann die Überzeugung entstehen, Bewegung oder geistige Herausforderungen lohnten sich kaum noch. Eine allgemeine Zuschreibung verwandelt sich dann in eine persönliche Grenze.</p>
<p>Selbstbestimmtheit beginnt an dieser Stelle mit einer Unterscheidung: Welche Veränderungen gehören tatsächlich zur eigenen körperlichen oder gesundheitlichen Situation? Und welche Grenzen stammen aus einem übernommenen Bild davon, was ein alter Mensch angeblich noch kann, darf oder beginnen sollte?</p>
<p>Die Studie beantwortet diese Fragen nicht abschließend. Sie verleiht ihnen jedoch Gewicht. Wenn Altersstereotype bei jungen Menschen mit ihrer Gesundheit Jahrzehnte später zusammenhängen, betrifft der gesellschaftliche Umgang mit dem Alter jede Generation. Wie wir heute über alte Menschen sprechen, prägt möglicherweise auch, was jüngere Menschen später von sich selbst erwarten.</p>
<p>Damit beginnt das eigene Alter in gewisser Weise lange vor dem ersten grauen Haar. Es beginnt in den Geschichten, Bildern und Urteilen, mit denen ein Mensch lernt, sich seine spätere Zukunft vorzustellen.</p>
<h2>Grenzen der Studie</h2>
<p>Die Untersuchung besitzt mit ihrem Beobachtungszeitraum von bis zu 38 Jahren eine außergewöhnliche Stärke. Gleichzeitig bleiben wichtige Einschränkungen:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen zeitlich weitreichenden Zusammenhang, aber keinen eindeutigen Kausalnachweis.</li>
<li>Nicht erfasste Persönlichkeitsmerkmale oder Lebensbedingungen könnten sowohl die Altersbilder als auch die spätere Gesundheit beeinflusst haben.</li>
<li>Die Stichprobe war mit 305 Männern und 81 Frauen deutlich unausgewogen.</li>
<li>Teilnehmer einer langfristigen Altersstudie können gesundheitsbewusster oder sozial privilegierter sein als die Gesamtbevölkerung.</li>
<li>Die Skala erfasste vor allem negative pauschale Vorstellungen über alte Menschen. Verschiedene Bereiche des Alterns wurden nur begrenzt unterschieden.</li>
<li>Untersucht wurden Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf jede körperliche, geistige oder soziale Entwicklung im Alter übertragen.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Gerade deshalb sollte die Studie weder als Beweis für die Macht positiven Denkens noch als Schuldzuweisung an erkrankte Menschen gelesen werden. Ihr Wert liegt in einem anderen Gedanken:</p>
<p>Vorstellungen vom Alter könnten ein langfristig wirksamer Teil jener Bedingungen sein, unter denen Menschen altern.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_19">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infobox zur Studie</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_20">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_24  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_51  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong> Alterspsychologie, Gesundheitspsychologie, Gerontologie<br /><strong>Journal:</strong> Psychological Science<br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 2009<br /><strong>Studientyp:</strong> Prospektive Langzeit- und Beobachtungsstudie<br /><strong>Ausgewertete Teilnehmerzahl:</strong> 386</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_25  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_52  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Beobachtungszeitraum:</strong> bis zu 38 Jahre<br /><strong>Originalstudie:</strong> Becca R. Levy, Alan B. Zonderman, Martin D. Slade und Luigi Ferrucci: <em>Age Stereotypes Held Earlier in Life Predict Cardiovascular Events in Later Life</em><br /><strong>Volltext:</strong> <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2666386/">Frei zugängliche Originalstudie bei PubMed Central</a><br /><strong>DOI:</strong> <a href="https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2009.02298.x">10.1111/j.1467-9280.2009.02298.x</a></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/13/altersbilder-zukunft-gesundheit/">Wie unser Bild vom Alter unsere eigene Zukunft prägen kann</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wie fest sind unsere politischen Überzeugungen wirklich?</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/07/instabile-politische-wahlentscheidungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2026 08:02:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1837</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/07/instabile-politische-wahlentscheidungen/">Wie fest sind unsere politischen Überzeugungen wirklich?</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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				<div class="et_pb_row et_pb_row_21">
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong><em>Eine Studie zur Wahlblindheit zeigt, wie Menschen veränderte politische Antworten als ihre eigenen akzeptieren – und weshalb dadurch sogar ihre Wahlabsicht beweglicher werden kann.</em></strong></p>
<h2><strong> </strong>Politische Überzeugungen wirken oft fester, als sie sind</h2>
<p> Politische Einstellungen gehören für viele Menschen zu den Überzeugungen, über die sie besonders sicher zu sein glauben. Wer sich einem politischen Lager zuordnet, kann gewöhnlich erklären, weshalb er dessen Positionen unterstützt. Doch wie zuverlässig ist dieses Wissen über die eigene Haltung? Eine Studie aus Schweden zeigt: Werden Menschen einige ihrer politischen Antworten unbemerkt ins Gegenteil verkehrt, erkennen viele den Austausch nicht. Manche begründen anschließend sogar jene Position, die sie ursprünglich abgelehnt hatten.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_54  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was bedeutet Wahlblindheit?</h2>
<p>Wahlblindheit – im Englischen „choice blindness“ – bezeichnet ein Phänomen, bei dem Menschen eine Abweichung zwischen ihrer ursprünglichen Entscheidung und dem anschließend präsentierten Ergebnis übersehen. Das Besondere daran: Sie nehmen das veränderte Ergebnis häufig als ihre eigene Wahl an und können Gründe dafür nennen.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass die Betroffenen bewusst täuschen. Ihre Erklärungen können subjektiv vollkommen aufrichtig sein. Das Bewusstsein versucht offenbar, das vorliegende Ergebnis sinnvoll zu deuten. Die Begründung beschreibt dann weniger den tatsächlichen Weg zur ursprünglichen Entscheidung als eine nachträglich entstandene, plausible Erklärung.</p>
<p>Frühere Experimente hatten Wahlblindheit bereits bei der Beurteilung von Gesichtern sowie bei Geschmacks- und Geruchsentscheidungen gezeigt. Lars Hall und seine Kollegen wollten herausfinden, ob sich das Phänomen auch auf politische Einstellungen übertragen lässt – also auf einen Bereich, der eng mit Wertvorstellungen, Gruppenzugehörigkeit und dem eigenen Selbstbild verbunden sein kann. </p>
<h2>Die Studie</h2>
<p>Die Untersuchung fand in der Schlussphase der schwedischen Parlamentswahl 2010 in Malmö und Lund statt. Insgesamt nahmen 162 Personen zwischen 18 und 88 Jahren teil. Zwei Datensätze wurden wegen technischer Probleme ausgeschlossen. 113 Teilnehmer gehörten zur manipulierten Versuchsgruppe, 47 zur Kontrollgruppe.</p>
<p>Zu Beginn gaben die Teilnehmer an, wie politisch engagiert sie sich einschätzten, wie sicher sie sich ihrer politischen Ansichten waren und welches der beiden damals konkurrierenden politischen Bündnisse sie wählen wollten. Danach bearbeiteten sie einen sogenannten Wahlkompass mit zwölf politischen Aussagen. Darunter befanden sich Fragen zur Benzinsteuer, zur Kernenergie, zur Vermögensbesteuerung sowie zu Leistungen der Kranken- und Arbeitslosenversicherung.</p>
<p>Ihre Zustimmung trugen die Teilnehmer auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent ein. Aus den Antworten ließ sich anschließend errechnen, ob ihre Sachpositionen eher dem sozialdemokratisch-grünen oder dem konservativen Bündnis entsprachen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_55  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Ein präparierter Fragebogen veränderte die Antworten</h2>
<p>Während ein Teilnehmer den Fragebogen ausfüllte, stellte der Versuchsleiter heimlich ein zweites Antwortprofil zusammen. Dieses unterstützte das jeweils entgegengesetzte politische Lager. Mithilfe eines aufgeklebten Papierbogens wurde das ursprüngliche Antwortfeld anschließend verdeckt. Vor den Teilnehmern lag nun ein Fragebogen, der wie ihr eigener aussah, auf dem jedoch mehrere Antworten verändert worden waren.</p>
<p>Wer beispielsweise einer Erhöhung der Benzinsteuer zugestimmt hatte, konnte nun mit einer ablehnenden Antwort konfrontiert werden. Der Versuchsleiter bat die Person anschließend, ihre vermeintliche Position zu erläutern. Danach wurden die Antworten zu einem politischen Gesamtwert zusammengefasst. Auch dieser konnte den Teilnehmer nun in die Nähe des entgegengesetzten politischen Bündnisses rücken.</p>
<p>Zum Abschluss gaben die Teilnehmer erneut an, welches Bündnis sie wählen wollten. Dadurch konnten die Forscher untersuchen, ob die manipulierten Antworten lediglich unbemerkt blieben oder ob sie auch die spätere Wahlabsicht beeinflussten.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_1">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img decoding="async" width="1920" height="1157" src="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/pone_0060554_g001.jpg" alt="Abbildung 1 der Originalstudie" title="pone_0060554_g001" srcset="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/pone_0060554_g001.jpg 1920w, https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/pone_0060554_g001-1280x771.jpg 1280w, https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/pone_0060554_g001-980x591.jpg 980w, https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/09/pone_0060554_g001-480x289.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1920px, 100vw" class="wp-image-1847" /></span>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_56  et_pb_text_align_center et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p>Bildhinweis: „Versuchsaufbau des manipulierten Wahlkompasses. Quelle: Hall et al. (2013), PLOS ONE, CC BY 4.0, DOI: 10.1371/journal.pone.0060554.g001.“</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_57  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die zentralen Ergebnisse</h2>
<h3>Nur ein kleiner Teil der Veränderungen wurde korrigiert</h3>
<p>In der manipulierten Gruppe wurden pro Teilnehmer durchschnittlich 6,8 Antworten verändert. Zu durchschnittlich vier dieser veränderten Antworten sollten die Teilnehmer ausdrücklich Gründe nennen. Lediglich 22 Prozent dieser Antworten wurden korrigiert. Fast die Hälfte der Teilnehmer – 47 Prozent – korrigierte keine einzige Veränderung.</p>
<p>Bemerkenswert ist außerdem, wie die erkannten Abweichungen erklärt wurden. Die Teilnehmer vermuteten gewöhnlich, sie hätten die Frage falsch gelesen oder versehentlich das falsche Ende der Skala markiert. Nur eine einzige Person äußerte den Verdacht, der Fragebogen könne manipuliert worden sein.</p>
<h3>Politisches Engagement schützte nicht vor Wahlblindheit</h3>
<p>Die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen dem Erkennen der Veränderungen und Alter, Geschlecht oder ursprünglicher politischer Zugehörigkeit. Auch Teilnehmer, die sich als politisch engagiert und ihrer Überzeugungen sicher beschrieben, bemerkten die Manipulation nicht häufiger. Das subjektive Gefühl politischer Sicherheit sagte demnach kaum voraus, wie zuverlässig jemand seine ursprünglichen Antworten wiedererkannte.</p>
<h3>92 Prozent akzeptierten das veränderte politische Profil</h3>
<p>Da nur wenige Antworten korrigiert wurden, konnten die Forscher bei 92 Prozent der manipulierten Gruppe einen Gesamtwert erzeugen, der nicht zur zuvor genannten Wahlabsicht passte. Sämtliche davon betroffenen Teilnehmer erkannten diesen errechneten Wert als Ergebnis ihres Fragebogens an. Einzelne vertauschte Antworten hatten sich zu einem Profil summiert, das sie dem entgegengesetzten politischen Lager zuordnete.</p>
<h3>Bei einigen Teilnehmern verschob sich die Wahlabsicht</h3>
<p>Die Manipulation blieb nicht auf die Erklärung einzelner Sachfragen begrenzt. In der Versuchsgruppe bewegte sich die anschließend angegebene Wahlabsicht deutlich stärker in Richtung des untergeschobenen politischen Profils als in der Kontrollgruppe.</p>
<p>Zehn Prozent wechselten auf der verwendeten Skala vollständig vom einen politischen Lager zum anderen. Weitere 19 Prozent wurden von einer zuvor sicheren Bündnispräferenz unentschieden. Unter Einbeziehung der bereits unentschiedenen Teilnehmer kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass 48 Prozent bereit waren, einen Wechsel zwischen den Bündnissen zumindest in Betracht zu ziehen. Weitere zehn Prozent bewegten sich deutlich in Richtung des manipulierten Profils, ohne die Grenze zum anderen Lager zu überschreiten.</p>
<p>Diese Angaben bedeuten nicht, dass 48 Prozent tatsächlich anders gewählt haben. Gemessen wurde eine unmittelbar nach dem Experiment geäußerte Wahlabsicht. Ob die Veränderung bis zur Stimmabgabe anhielt, wurde in dieser Untersuchung nicht geprüft.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Warum die Ergebnisse interessant sind</h3>
<p>Meinungsumfragen können kurz vor einer Wahl recht zuverlässig anzeigen, welche Partei oder welches Bündnis Menschen wahrscheinlich wählen werden. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass ihre politischen Einstellungen unveränderlich sind. Die schwedische Studie macht einen wichtigen Unterschied sichtbar: Eine Wahlabsicht kann stabil erscheinen, während die dahinterliegenden Sachpositionen eine überraschende Beweglichkeit besitzen.</p>
<p>Offenbar spielte auch die Art der Auseinandersetzung eine Rolle. Die Forscher lieferten den Teilnehmern keine Gegenargumente und versuchten nicht, sie in einer Diskussion zu überzeugen. Die Teilnehmer entwickelten selbst Begründungen für die manipulierten Positionen. Dadurch beschäftigten sie sich aus einer Perspektive mit den politischen Fragen, die ihnen zuvor fremd gewesen war.</p>
<p>Das Experiment deutet deshalb auf zwei mögliche Prozesse hin. Einerseits können Menschen begrenzten Zugang dazu haben, wie ihre eigenen politischen Urteile entstanden sind. Andererseits kann das Formulieren von Gründen eine Position nachträglich stärken oder verändern. Die Begründung wäre dann nicht nur ein Bericht über eine bereits vorhandene Überzeugung. Sie könnte selbst an der Entstehung dieser Überzeugung mitwirken.</p>
<h3>Was die Studie zeigt – und was sie offenlässt</h3>
<p>Die Untersuchung belegt eindrucksvoll, dass Menschen unter den gewählten Versuchsbedingungen manipulierte politische Antworten häufig übersehen und begründen können. Sie zeigt außerdem, dass eine solche Rückmeldung die unmittelbar geäußerte Wahlabsicht beeinflussen kann.</p>
<p>Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, politische Einstellungen seien grundsätzlich beliebig. Der Versuch erfasste eine begrenzte Zahl ausgewählter Sachfragen und ordnete sie einer zweigeteilten politischen Landschaft zu. Eine reale Wahlentscheidung kann zusätzlich von Vertrauen in Kandidaten, langfristiger Parteibindung, einzelnen Schwerpunktthemen und persönlichen Erfahrungen abhängen.</p>
<p>Auch die Stichprobe war keine repräsentative Abbildung der schwedischen Bevölkerung. Die Teilnehmer wurden in zwei Städten angesprochen, waren im Durchschnitt knapp 30 Jahre alt und nahmen freiwillig teil. Zudem untersuchte die Studie vor allem die unmittelbare Veränderung der angegebenen Wahlabsicht. Über deren Dauer sagt sie wenig aus.</p>
<p>Die Ergebnisse eignen sich daher nicht, um das Verhalten bestimmter Parteien oder Wählergruppen zu erklären. Wahlblindheit besitzt keine politische Richtung. Sie beschreibt eine Möglichkeit menschlicher Informationsverarbeitung, die prinzipiell Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern betreffen kann.</p></div>
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				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_27  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Warum die Ergebnisse interessant sind</h3>
<p>Meinungsumfragen können kurz vor einer Wahl recht zuverlässig anzeigen, welche Partei oder welches Bündnis Menschen wahrscheinlich wählen werden. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass ihre politischen Einstellungen unveränderlich sind. Die schwedische Studie macht einen wichtigen Unterschied sichtbar: Eine Wahlabsicht kann stabil erscheinen, während die dahinterliegenden Sachpositionen eine überraschende Beweglichkeit besitzen.</p>
<p>Offenbar spielte auch die Art der Auseinandersetzung eine Rolle. Die Forscher lieferten den Teilnehmern keine Gegenargumente und versuchten nicht, sie in einer Diskussion zu überzeugen. Die Teilnehmer entwickelten selbst Begründungen für die manipulierten Positionen. Dadurch beschäftigten sie sich aus einer Perspektive mit den politischen Fragen, die ihnen zuvor fremd gewesen war.</p>
<p>Das Experiment deutet deshalb auf zwei mögliche Prozesse hin. Einerseits können Menschen begrenzten Zugang dazu haben, wie ihre eigenen politischen Urteile entstanden sind. Andererseits kann das Formulieren von Gründen eine Position nachträglich stärken oder verändern. Die Begründung wäre dann nicht nur ein Bericht über eine bereits vorhandene Überzeugung. Sie könnte selbst an der Entstehung dieser Überzeugung mitwirken.</p>
<h3>Was die Studie zeigt – und was sie offenlässt</h3>
<p>Die Untersuchung belegt eindrucksvoll, dass Menschen unter den gewählten Versuchsbedingungen manipulierte politische Antworten häufig übersehen und begründen können. Sie zeigt außerdem, dass eine solche Rückmeldung die unmittelbar geäußerte Wahlabsicht beeinflussen kann.</p>
<p>Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, politische Einstellungen seien grundsätzlich beliebig. Der Versuch erfasste eine begrenzte Zahl ausgewählter Sachfragen und ordnete sie einer zweigeteilten politischen Landschaft zu. Eine reale Wahlentscheidung kann zusätzlich von Vertrauen in Kandidaten, langfristiger Parteibindung, einzelnen Schwerpunktthemen und persönlichen Erfahrungen abhängen.</p>
<p>Auch die Stichprobe war keine repräsentative Abbildung der schwedischen Bevölkerung. Die Teilnehmer wurden in zwei Städten angesprochen, waren im Durchschnitt knapp 30 Jahre alt und nahmen freiwillig teil. Zudem untersuchte die Studie vor allem die unmittelbare Veränderung der angegebenen Wahlabsicht. Über deren Dauer sagt sie wenig aus.</p>
<p>Die Ergebnisse eignen sich daher nicht, um das Verhalten bestimmter Parteien oder Wählergruppen zu erklären. Wahlblindheit besitzt keine politische Richtung. Sie beschreibt eine Möglichkeit menschlicher Informationsverarbeitung, die prinzipiell Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern betreffen kann.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h3>Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h3>
<p>Politische Überzeugungen erscheinen uns häufig als Ergebnis bewusster Abwägung. Die Studie legt nahe, diese Gewissheit mit etwas mehr Vorsicht zu betrachten. Eine überzeugend formulierte Begründung beweist noch nicht, dass wir die tatsächliche Entstehung unserer Haltung vollständig überblicken.</p>
<p>Für Selbstbestimmtheit ergibt sich daraus keine Aufforderung, an jeder Entscheidung zu zweifeln. Wertvoller ist die Bereitschaft, die eigenen Gründe zu prüfen: Welche Erfahrungen haben meine Haltung geprägt? Welche Position übernehme ich, weil sie zu meinem politischen Lager passt? Und könnte ich ein Argument auch dann anerkennen, wenn es von der anderen Seite kommt?</p>
<p>Eine politische Überzeugung gewinnt an persönlicher Substanz, wenn sie Prüfung aushält. Selbstbestimmtes Denken zeigt sich daher nicht allein darin, eine feste Meinung zu besitzen. Es zeigt sich ebenso in der Fähigkeit, die eigene Meinung zum Gegenstand ehrlicher Betrachtung zu machen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infobox zur Studie</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld: </strong>Entscheidungspsychologie, politische Psychologie</p>
<p><strong>Journal: </strong>PLOS ONE, Band 8, Ausgabe 4</p>
<p><strong>Veröffentlichung: </strong>10. April 2013</p>
<p><strong>Studientyp: </strong>Experimentelle Feldstudie mit Kontrollgruppe</p>
<p><strong>Teilnehmerzahl: </strong>162; davon 160 ausgewertet (113 Manipulation, 47 Kontrolle)</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_31  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Autoren: </strong>Lars Hall, Thomas Strandberg, Philip Pärnamets, Andreas Lind, Betty Tärning und Petter Johansson</p>
<p><strong>Originalstudie: </strong>How the Polls Can Be Both Spot On and Dead Wrong: Using Choice Blindness to Shift Political Attitudes and Voter Intentions</p>
<p><strong>DOI / Link: </strong><a href="https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0060554" target="_blank" rel="noopener">https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0060554</a></p></div>
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<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/07/instabile-politische-wahlentscheidungen/">Wie fest sind unsere politischen Überzeugungen wirklich?</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wenn Widerspruch die Autorität des Lehrers berührt</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/06/hochschullehrer-kritische-argumente/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 06:12:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[akademisches Selbstbild]]></category>
		<category><![CDATA[Argumentationsbewertung]]></category>
		<category><![CDATA[Argumente]]></category>
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		<category><![CDATA[Hochschule]]></category>
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		<category><![CDATA[Motivation]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftsfreiheit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1820</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/06/hochschullehrer-kritische-argumente/">Wenn Widerspruch die Autorität des Lehrers berührt</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_6 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2><em>Was emotionale Kosten mit der Bewertung kritischer Argumente zu tun haben</em></h2>
<p>Hochschulen verstehen sich als Orte des offenen Denkens. Studenten sollen Argumente prüfen, Lehrmeinungen hinterfragen und zu eigenständigen Urteilen gelangen. Doch was geschieht, wenn eine kritische Frage nicht nur eine Aussage berührt, sondern zugleich das Selbstbild und die Autorität des Lehrenden?</p>
<p>Eine neue Studie mit 675 Lehramtsstudenten zeigt, dass die Bewertung von Argumenten nicht allein von kognitiven Fähigkeiten abhängt. Auch Motivation und emotionale Belastung spielen eine Rolle. Besonders bemerkenswert ist ein Zusammenhang: Je höher die Teilnehmer die emotionalen Kosten der Aufgabe einschätzten, desto schwächer erkannten sie Argumentstrukturen und Fehlschlüsse.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h1><span>Die Studie</span></h1>
<p>Yvonne Berkle und ihre Kollegen untersuchten, welche kognitiven und motivationalen Faktoren mit der Bewertung von Argumenten zusammenhängen. Ihr Ausgangspunkt war eine für akademische Bildung zentrale Fähigkeit: Studenten sollen erkennen können, wie ein Argument aufgebaut ist und ob seine Begründung trägt.</p>
<p>Dazu betrachteten die Forscher zwei unterschiedliche Kompetenzen. Bei der ersten ging es darum, die Bestandteile eines Arguments zu erkennen: Was ist die eigentliche Behauptung? Welche Aussage dient als Begründung? Und welche gedankliche Verbindung führt von der Begründung zur Schlussfolgerung? Die zweite Kompetenz bestand darin, typische Fehlschlüsse zu entdecken &#8211; also Argumente, die überzeugend klingen können, logisch jedoch unzureichend sind.</p>
<p>An der Untersuchung nahmen 675 Lehramtsstudenten teil. Neben ihren Leistungen bei den Argumentationsaufgaben erfassten die Forscher verschiedene motivationale Merkmale. Dazu gehörten die persönliche Beteiligung am Thema, das Bedürfnis, Sachverhalte zu bewerten, und das akademische Selbstkonzept beim Argumentieren. Letzteres beschreibt, für wie kompetent sich ein Mensch im Umgang mit Argumenten hält.</p>
<p>Zusätzlich wurde ermittelt, wie die Teilnehmer die konkrete Aufgabe erlebten. Trauten sie sich eine erfolgreiche Bearbeitung zu? Hielten sie die Aufgabe für wertvoll? Und welche emotionalen Kosten verbanden sie damit? Die Zusammenhänge wurden mit einem statistischen Pfadmodell untersucht. Die Studie zeigt daher Beziehungen zwischen den Merkmalen; sie kann keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Richtung beweisen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2><span>Zentrale Ergebnisse</span></h2>
<h3><span>Wer die Struktur eines Arguments erkennt, findet eher seine Fehler</span></h3>
<p>Das Erkennen von Argumentstrukturen hing positiv mit dem Erkennen von Fehlschlüssen zusammen. Der Befund klingt zunächst selbstverständlich, besitzt jedoch eine grundlegende Bedeutung. Wer einen argumentativen Fehler entdecken will, braucht zunächst ein Bild davon, wie das Argument funktionieren soll.</p>
<p>Ein Beispiel: Eine Behauptung wird mit dem Hinweis begründet, dass sehr viele Menschen sie teilen. Die Zustimmung einer großen Gruppe kann psychologisch überzeugend wirken. Sie belegt jedoch noch nicht die inhaltliche Richtigkeit der Behauptung. Wer Behauptung, Begründung und Schlussregel voneinander trennt, erkennt die Lücke leichter.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large;"><strong>Kritisches Denken beginnt nicht mit dem Widerspruch. Es beginnt mit der Frage, wie ein Argument seine Schlussfolgerung überhaupt trägt.</strong></span></p>
<h3><span>Der wahrgenommene Wert der Aufgabe spielt eine Rolle</span></h3>
<p>Teilnehmer, die der Aufgabe einen höheren Wert zuschrieben, erkannten Fehlschlüsse besser. Menschen investieren ihre Aufmerksamkeit offenbar eher dort, wo sie einen Sinn erkennen. Die bloße Fähigkeit zur Prüfung genügt daher nicht. Sie muss in der konkreten Situation auch eingesetzt werden.</p>
<p>Der Befund betrifft ausdrücklich das Erkennen von Fehlschlüssen. Für das bloße Erkennen der Argumentstruktur berichteten die Forscher im Abstract keinen entsprechenden positiven Zusammenhang. Diese Unterscheidung ist wichtig: Die Studie liefert kein pauschales Ergebnis, nach dem Motivation jede Form des Argumentverstehens gleichermaßen verbessert.</p>
<h3><span>Emotionale Kosten hängen mit schwächerer Argumentationsbewertung zusammen</span></h3>
<p>Das für die Hochschullehre interessanteste Ergebnis betrifft die emotionalen Kosten. Je belastender die Teilnehmer die Aufgabe erlebten, desto schwächer fielen beide untersuchten Fähigkeiten aus: das Erkennen von Argumentstrukturen und das Erkennen von Fehlschlüssen.</p>
<p>Emotionale Kosten können Anspannung, Unsicherheit, Frustration oder die Sorge umfassen, an der Aufgabe zu scheitern. Eine Argumentationsprüfung beansprucht damit mehr als den Verstand. Sie kann das eigene Fähigkeitsselbstbild berühren und das Gefühl hervorrufen, einer schwierigen geistigen Anforderung kaum gewachsen zu sein.</p>
<p>Die Richtung des Zusammenhangs bleibt offen. Hohe emotionale Kosten könnten eine sorgfältige Prüfung erschweren. Ebenso können Menschen eine Aufgabe als belastender erleben, weil ihnen das Erkennen von Argumenten schwerfällt. Denkbar ist auch eine wechselseitige Verstärkung: Unsicherheit erhöht die Belastung, die Belastung beeinträchtigt die Leistung, und die schwächere Leistung bestätigt anschließend die Unsicherheit.</p>
<h3><span>Beteiligung allein führt noch nicht zu einem besseren Urteil</span></h3>
<p>Die Beziehungen zur persönlichen Themenbeteiligung unterschieden sich danach, wie viel Vorwissen zum jeweiligen Thema angenommen werden konnte. Interesse und persönliche Relevanz verbessern die Urteilsfähigkeit somit nicht automatisch. Sie können Aufmerksamkeit mobilisieren; für eine sachgerechte Bewertung braucht diese Aufmerksamkeit jedoch eine Wissensgrundlage.</p>
<p>Gerade bei kontroversen Themen ist das bedeutsam. Eine starke Beteiligung kann einen Menschen zur gründlichen Prüfung motivieren. Sie kann zugleich den Wunsch verstärken, eine vorhandene Auffassung zu verteidigen. Die Studie untersucht diese Form des motivierten Denkens nicht unmittelbar. Ihr Befund spricht jedoch gegen die einfache Annahme, persönliches Interesse führe von selbst zu einem besseren Urteil.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_67  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2><span>Bedeutung der Ergebnisse</span></h2>
<p>Die Studie korrigiert ein verbreitetes Bild akademischer Rationalität. Argumente werden nicht von einem unbeteiligten Verstand bewertet, der unabhängig von Motivation, Selbstbild und Gefühlen arbeitet. Die kognitive Leistung findet innerhalb eines persönlichen Erlebens statt.</p>
<p>Das ist für Hochschulen besonders relevant. Sie vermitteln Fachwissen und Methoden, aber sie prägen zugleich das akademische Selbstbild ihrer Studenten. Wer häufig erlebt, dass seine Fragen ernst genommen und Irrtümer als Schritte des Erkenntnisprozesses behandelt werden, kann eine andere Beziehung zum kritischen Denken entwickeln als jemand, der Widerspruch vor allem mit Beschämung, schlechter Bewertung oder sozialer Ausgrenzung verbindet.</p>
<p>Die Ergebnisse legen deshalb nahe, Argumentationskompetenz nicht ausschließlich als Technik zu unterrichten. Studenten können lernen, Behauptungen, Begründungen und Schlussregeln zu unterscheiden. Ebenso wichtig erscheint eine Lernumgebung, in der die Prüfung eines Arguments emotional bewältigbar bleibt und einen erkennbaren Wert besitzt.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_27 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_33  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_68  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2><span>Eigene Einordnung: Persönlichkeit, Autorität und Selbstbestimmtheit</span></h2>
<h3><span>Wenn ein Gegenargument das akademische Selbstbild berührt</span></h3>
<p>Ein Professor vermittelt nicht nur Wissen. Vor seinen Studenten verkörpert er fachliche Kompetenz. Seine berufliche Stellung beruht darauf, ein Gebiet intensiver erforscht und durchdrungen zu haben als die Menschen, die seine Lehrveranstaltung besuchen. Diese Wissensasymmetrie ist sinnvoll. Ohne sie verlöre die akademische Lehre einen wesentlichen Teil ihrer Funktion.</p>
<p>Aus fachlicher Autorität kann jedoch ein persönlicher Anspruch entstehen: Wer lehrt, erlebt sich als jemand, der die Antworten kennt. Wird diese Vorstellung Teil des Selbstbildes, erhält ein Gegenargument eine zweite Bedeutung. Sachlich sagt es: Eine Aussage könnte unzureichend begründet sein. Psychologisch kann ankommen: Deine Kompetenz reicht nicht aus.</p>
<p>In diesem Moment prüft der Lehrende nicht mehr ausschließlich das Argument. Er schützt möglicherweise zugleich sein Bild von sich selbst. Die Zurückweisung des Einwands stellt dann das innere Gleichgewicht wieder her. Der Student erlebt eine Machtdemonstration; der Professor erlebt womöglich die Abwehr einer Kränkung.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large;"><strong>Je enger fachliche Autorität und persönlicher Selbstwert miteinander verbunden sind, desto höher können die emotionalen Kosten einer Korrektur ausfallen.</strong></span></p>
<p>Daraus folgt keine pauschale Diagnose der Lehrerpersönlichkeit. Hochschullehrer unterscheiden sich ebenso stark wie andere Menschen. Entscheidend ist vielmehr, wie stabil ihr Selbstbild gegenüber Irrtum und Widerspruch bleibt. Innere Stabilität zeigt sich nicht im Beharren auf jeder Aussage. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Person und Position voneinander zu trennen.</p>
<p>Ein Professor, der ein besseres Argument anerkennt, verliert keine fachliche Autorität. Er verwandelt formale Autorität in intellektuelle Glaubwürdigkeit. Er demonstriert, dass Wissenschaft von der Korrigierbarkeit ihrer Aussagen lebt und dass ein Irrtum den Wert eines Menschen unberührt lässt.</p>
<h3><span>Die soziale Bühne des Widerspruchs</span></h3>
<p>Eine kritische Frage wird an der Hochschule selten im geschützten Zweiergespräch gestellt. Sie fällt im Seminar oder im Hörsaal. Der Professor reagiert vor einem Publikum. Damit verändert sich die psychologische Situation.</p>
<p>Ein Einwand kann die Sorge auslösen, die Kontrolle über das Gespräch zu verlieren, vor anderen unsicher zu erscheinen oder weitere Gegenfragen hervorzurufen. Auch Zeitdruck wirkt hinein: Eine offene Diskussion lässt sich schwer planen und kann die vorbereitete Dramaturgie einer Veranstaltung durchbrechen.</p>
<p>Die Reaktion des Lehrenden richtet sich deshalb mitunter weniger nach der Qualität des Einwands als nach seiner Wirkung auf die soziale Ordnung des Raumes. Ein Argument, das im persönlichen Gespräch Neugier wecken würde, kann vor einer Gruppe als Angriff auf die Autorität erscheinen.</p>
<p>Gerade hier zeigt sich Persönlichkeit praktisch. Manche Menschen können einen Moment der Unsicherheit aushalten und gemeinsam mit den Studenten weiterdenken. Andere greifen auf die Macht ihrer Rolle zurück. Sie beenden die Diskussion, verweisen auf den Lehrstoff oder erklären die Frage für unangebracht. Der institutionelle Rang ersetzt dann die inhaltliche Antwort.</p>
<h3><span>Kritisches Denken mit vorgesehenem Ergebnis</span></h3>
<p>Hochschulen bezeichnen kritisches Denken gern als Bildungsziel. In der Praxis bleibt sein Spielraum häufig an fachliche Konventionen, anerkannte Theorien und institutionelle Erwartungen gebunden. Studenten dürfen Argumente analysieren, Positionen vergleichen und Fehlschlüsse erkennen. Schwieriger wird es, sobald ihre Prüfung die Prämissen des Lehrstoffs selbst berührt.</p>
<p>So kann eine eingehegte Form des kritischen Denkens entstehen. Die Methode ist offen, das Ergebnis steht jedoch weitgehend fest. Der Student soll selbst denken und dabei zur erwarteten Schlussfolgerung gelangen. Weicht er davon ab, richtet sich die Aufmerksamkeit schnell von seinem Argument auf seine vermeintlichen Motive, seine politische Haltung oder seine fachliche Eignung.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><span style="font-size: large;">Eine Argumentationsübung mit vorgeschriebenem Ergebnis trainiert analytische Anpassung. Kritisches Denken beginnt dort, wo auch die Prämissen des Lehrstoffs geprüft werden dürfen</span>.</strong></p>
<p>Das bedeutet keineswegs, dass jeder Einwand sachlich wertvoll ist. Kritische Fragen können auf lückenhaftem Wissen, falschen Voraussetzungen oder bloßer Provokation beruhen. Akademische Offenheit zeigt sich deshalb nicht in der Zustimmung zu jedem Widerspruch. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, die Qualität des Arguments offenzulegen: Welche Behauptung ist fragwürdig? Welche Belege fehlen? Wo liegt der Fehlschluss? Eine begründete Zurückweisung ist selbst ein Beitrag zur Bildung. Der Verweis auf Rang und Autorität ist es kaum.</p>
<h3><span>Wenn aus emotionalen Kosten institutionelle Kosten werden</span></h3>
<p>Die Studie betrachtet emotionale Kosten als subjektive Belastung der Argumentationsaufgabe. Im Wissenschaftsbetrieb können weitere Kosten hinzukommen. Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter bewegen sich in Abhängigkeiten: Berufungsverfahren, befristete Verträge, Drittmittel, Veröffentlichungsmöglichkeiten, kollegiale Anerkennung, studentische Beschwerden und öffentliche Reputation beeinflussen ihre beruflichen Möglichkeiten.</p>
<p>Je stärker ein Thema politisch oder moralisch aufgeladen ist, desto größer kann das wahrgenommene Risiko einer offenen Diskussion werden. Ein Hochschullehrer kann befürchten, dass eine abweichende Einordnung aus dem Zusammenhang gelöst, öffentlich skandalisiert oder institutionell problematisiert wird. Ob die erwarteten Folgen tatsächlich eintreten würden, ist für die psychologische Wirkung zunächst zweitrangig. Schon die Erwartung kann Verhalten verändern.</p>
<p>Menschen beobachten, welche Aussagen Anerkennung finden und welche Positionen Konflikte auslösen. Daraus entsteht ein Gespür für die Grenzen des institutionell Erwünschten. Eine ausdrückliche Anweisung ist dafür entbehrlich. Themen werden vorsorglich vermieden, Einwände verkürzt behandelt und Diskussionen beendet, bevor sie einen riskanten Verlauf nehmen.</p>
<p>So kann eine Hochschule nach außen wissenschaftliche Offenheit verkörpern und im Inneren dennoch einen schmalen Korridor des Sagbaren erzeugen. Die wirksamste Begrenzung erscheint dann nicht als Verbot. Sie erscheint als vernünftige Selbstanpassung des Einzelnen.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large;"><strong>Die institutionelle Grenze ist vollkommen verinnerlicht, sobald ein Mensch sie für seine eigene vernünftige Entscheidung hält.</strong></span></p>
<h3><span>Ein dokumentierter Hinweis: der Fall Michael Meyen</span></h3>
<p>Dass öffentliche Positionierungen eines Hochschullehrers institutionelle Folgen haben können, zeigt die Auseinandersetzung um den Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen. Seine zeitweilige Mitherausgeberschaft der Zeitung Demokratischer Widerstand führte zu öffentlicher Kritik, zur Distanzierung durch Kollegen und zu einem Disziplinarverfahren. Das Verwaltungsgericht München wies seine Klage gegen eine Kürzung der Ruhestandsbezüge im Juni 2026 zunächst ab; die Entscheidung war zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht rechtskräftig.</p>
<p>Der Fall ist politisch und dienstrechtlich komplex. Er beweist weder eine allgemeine Unterdrückung abweichender Wissenschaftler noch einen Zusammenhang mit den Ergebnissen der hier vorgestellten Studie. Für die psychologische Betrachtung ist seine mögliche Signalwirkung bedeutsam: Andere Wissenschaftler sehen, dass öffentliche Positionierungen erhebliche berufliche Konflikte nach sich ziehen können. Diese Wahrnehmung kann beeinflussen, welche Kontroversen sie aufgreifen und welche Diskussionen sie zulassen.</p>
<h3><span>Persönlichkeit entsteht auch innerhalb institutioneller Bedingungen</span></h3>
<p>Wer kritische Argumente abwehrt, besitzt deshalb nicht zwangsläufig eine autoritäre Persönlichkeit. Das sichtbare Verhalten kann aus verschiedenen Quellen entstehen: aus persönlicher Unsicherheit, aus einem verletzlichen Fähigkeitsselbstbild, aus den Erwartungen der Lehrerrolle oder aus der Anpassung an institutionelle Bedingungen.</p>
<p>Diese Ebenen verstärken einander. Eine unsichere Person kann in einer stark hierarchischen Umgebung besonders defensiv reagieren. Ein Professor mit stabilem Selbstbild kann auch unter Druck eher offenbleiben. Zugleich kann selbst ein grundsätzlich offener Mensch lernen, bestimmte Fragen zu meiden, wenn er wiederholt erlebt, dass Offenheit Nachteile erzeugt.</p>
<p>Persönlichkeit ist daher weder eine starre innere Eigenschaft noch ein bloßes Produkt der Umgebung. Sie zeigt sich im Verhältnis zwischen inneren Voraussetzungen und äußeren Bedingungen. Institutionen prägen, welche Seiten eines Menschen gefördert werden: Neugier oder Vorsicht, Widerspruchsfähigkeit oder Anpassung, intellektuelle Demut oder die Verteidigung formaler Autorität.</p>
<h3><span>Selbstbestimmtes Denken braucht einen offenen Ausgang</span></h3>
<p>Selbstbestimmtheit bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als die Freiheit, eine abweichende Meinung zu äußern. Ein Mensch denkt auch dann fremdbestimmt, wenn er automatisch gegen jede etablierte Position opponiert. Widerspruch allein ist noch kein Beleg für Unabhängigkeit.</p>
<p>Selbstbestimmtes Denken beginnt weder mit Zustimmung noch mit Ablehnung. Es beginnt mit der Bereitschaft, fremde und eigene Überzeugungen nach vergleichbaren Maßstäben zu prüfen. Dazu gehört die Möglichkeit, dass die bisherige Auffassung bestätigt wird. Ebenso gehört die Möglichkeit dazu, dass sie verändert oder aufgegeben werden sollte.</p>
<p>Diese Offenheit verlangt kognitive Fähigkeiten, Motivation und emotionale Belastbarkeit. Ein Mensch braucht ein Selbstbild, das einen Irrtum aushält, ohne den eigenen Wert infrage zu stellen. Und er braucht ein Umfeld, in dem die Korrektur eines Urteils als Erkenntnisgewinn und nicht als Schwäche behandelt wird.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large;"><strong>Die Reife eines Wissenschaftlers zeigt sich nicht darin, wie selten er irrt. Sie zeigt sich darin, wie er reagiert, sobald ein besseres Argument seinen Irrtum sichtbar macht.</strong></span></p>
<h3><span>Was das für Schulen bedeutet</span></h3>
<p>Die Untersuchung wurde mit Lehramtsstudenten durchgeführt. Damit führt sie bereits zur Frage, welche Erfahrungen künftige Lehrer während ihrer Ausbildung sammeln. Lernen sie an der Hochschule, dass begründeter Widerspruch erwünscht ist? Oder lernen sie, welche Fragen sie besser zurückhalten, um Prüfungen, Bewertungen und persönliche Konflikte zu vermeiden?</p>
<p>Diese Erfahrungen können später in die Schule hineinwirken. Auch dort besitzt der Lehrer eine formale und fachliche Autorität. Ein kritischer Einwand eines Schülers kann als Interesse, aber ebenso als Störung, Provokation oder Kompetenzprüfung wahrgenommen werden.</p>
<p>Schüler lernen den Umgang mit Argumenten nicht allein durch Unterrichtsmethoden. Sie beobachten, ob eine Autorität korrigiert werden darf, ob ein gutes Gegenargument zählt und ob eine Frage zu einem unerwarteten Ergebnis führen darf. Die Reaktion des Lehrers vermittelt damit eine zweite Lektion, die oft tiefer reicht als der eigentliche Lehrstoff.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large;"><strong>Wird eine Frage geprüft, entsteht Bildung. Wird der Fragende für seinen Widerspruch diszipliniert, entsteht Anpassung.</strong></span></p>
<p>Eine Schule, die kritisches Denken fördern will, braucht deshalb Lehrer, die zwischen einem Angriff auf ihre Person und einem Einwand gegen eine Aussage unterscheiden können. Sie braucht zugleich institutionelle Bedingungen, die solche Offenheit tragen. Der einzelne Lehrer kann innere Stabilität entwickeln. Dauerhaft wirksam wird sie dort, wo auch das System einen offenen Erkenntnisprozess zulässt.</p>
<h3><span>Fazit</span></h3>
<p>Die Studie von Berkle und ihren Kollegen zeigt, dass Argumentationsbewertung mehr als eine kognitive Technik ist. Das Erkennen von Argumentstrukturen unterstützt das Entdecken von Fehlschlüssen. Der wahrgenommene Wert der Aufgabe spielt eine Rolle. Vor allem aber hängen höhere emotionale Kosten mit schwächeren Leistungen bei der Bewertung von Argumenten zusammen.</p>
<p>Für Hochschulen ergibt sich daraus eine grundlegende Aufgabe. Sie sollten Studenten nicht nur zeigen, wie Argumente geprüft werden. Sie sollten eine Kultur schaffen, in der diese Prüfung emotional und institutionell möglich bleibt &#8211; auch dann, wenn sie vertraute Lehrmeinungen, fachliche Autoritäten oder gesellschaftlich erwünschte Deutungen berührt.</p>
<p>Die Fähigkeit zum kritischen Denken entfaltet sich dort, wo ein Mensch den möglichen Irrtum aushält und die Institution den offenen Ausgang schützt. Fehlt eine dieser Bedingungen, wird aus Kritik leicht ein Ritual: methodisch korrekt, rhetorisch erwünscht und in seinen Ergebnissen vorhersehbar.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_28">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Studieninformationen</h2>
<p>Infobox zur Studie</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_29">
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong> Argumentationspsychologie und Hochschulbildung</p>
<p><strong>Journal:</strong> Trends in Neuroscience and Education, Band 44, Artikel 100294</p>
<p><strong>Veröffentlichung:</strong> 2026</p>
<p><strong>Studientyp:</strong> Korrelationsstudie; Auswertung mit einem Strukturgleichungsmodell</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_36  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl:</strong> 675 Lehramtsstudenten</p>
<p><strong>Autoren:</strong> Yvonne Berkle, Thiemo Wambsganss, Andreas Janson, Jan Marco Leimeister und Miriam Leuchter</p>
<p><strong>Originalstudie: </strong><a href="https://doi.org/10.1016/j.tine.2026.100294">Cognitive and motivational factors of argument evaluation</a></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_30">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_37  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2><span>Quellen zur eigenen Einordnung</span></h2>
<p style="padding-left: 40px;"><a href="https://doi.org/10.1016/j.edurev.2014.06.001">Klassen &amp; Tze (2014): Teachers&#8216; self-efficacy, personality, and teaching effectiveness &#8211; A meta-analysis</a></p>
<p style="padding-left: 40px;"><a href="https://doi.org/10.1007/s10648-018-9458-2">Kim, Jörg &amp; Klassen (2019): A meta-analysis of the effects of teacher personality on teacher effectiveness and burnout</a></p>
<p style="padding-left: 40px;"><a href="https://one.oecd.org/document/EDU/WKP(2022)5/en/pdf">OECD (2022): Teacher professional identity &#8211; How to develop and support it in times of change</a></p>
<p style="padding-left: 40px;"><a href="https://www.forschung-und-lehre.de/recht/disziplinarverfahren-gegen-lmu-professor-5776">Forschung &amp; Lehre (2023): Disziplinarverfahren gegen LMU-Professor eingeleitet</a></p>
<p style="padding-left: 40px;"><a href="https://www.forschung-und-lehre.de/recht/klagen-von-lmu-professor-abgewiesen-7766">Forschung &amp; Lehre (2026): Klagen von LMU-Professor abgewiesen</a></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/09/06/hochschullehrer-kritische-argumente/">Wenn Widerspruch die Autorität des Lehrers berührt</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bewegung verändert mehr als den Körper</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/24/bewegung-veraendert-mehr-als-den-koerper/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 10:34:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Bewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Entwicklungspsychologie.]]></category>
		<category><![CDATA[Grundschüler]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Kompetenz]]></category>
		<category><![CDATA[körperliche Aktivität]]></category>
		<category><![CDATA[körperliches Selbstkonzept]]></category>
		<category><![CDATA[Persönlichkeitsentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbild]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwirksamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sportmotivation]]></category>
		<category><![CDATA[Sportpsychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zugehörigkeit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1802</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/24/bewegung-veraendert-mehr-als-den-koerper/">Bewegung verändert mehr als den Körper</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_7 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was körperliche Aktivität mit Selbstwirksamkeit, Motivation und dem Selbstbild von Kindern verbindet</h2>
<p>Bewegung stärkt den Körper. Doch welche Erfahrungen macht ein Kind dabei mit sich selbst? Eine neue Studie zeigt, dass körperliche Aktivität, Selbstwirksamkeit, Freude am Sport und das körperliche Selbstbild eng miteinander verbunden sind. Entscheidend scheint damit weniger die Bewegung allein als das zu sein, was ein Kind durch sie über sich selbst erfährt.</p>
<h2>Die Studie</h2>
<p>Forscher der Northeast Normal University und der Guangxi University untersuchten 782 Grundschüler aus der chinesischen Stadt Dunhua in der Provinz Jilin. Die Kinder waren zwischen sieben und dreizehn Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei knapp zehn Jahren. Die Befragung fand im März 2026 an drei Grundschulen und in insgesamt 26 Klassen statt.</p>
<p>Die Forscher interessierten sich für vier Bereiche:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li><strong>Körperliche Aktivität:</strong> Wie häufig hatten sich die Kinder in der vergangenen Woche körperlich betätigt?</li>
<li><strong>Allgemeine Selbstwirksamkeit:</strong> Wie sehr trauten sie sich zu, Schwierigkeiten zu bewältigen und gesetzte Ziele zu erreichen?</li>
<li><strong>Positive Sportmotivation:</strong> Verbanden sie Sport mit Freude, Interesse, Lernbereitschaft, Beteiligung und sozialer Zugehörigkeit?</li>
<li><strong>Körperliches Selbstkonzept:</strong> Wie beurteilten sie ihre körperlichen Fähigkeiten, ihre Leistungsfähigkeit, ihr Aussehen und ihr allgemeines körperliches Befinden?</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Das körperliche Selbstkonzept beschreibt also mehr als die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Es umfasst auch Fragen wie: Was kann mein Körper? Wie geschickt und leistungsfähig bin ich? Wie sicher erlebe ich mich bei körperlichen Herausforderungen?</p>
<p>Die Forscher wollten herausfinden, wie diese vier Bereiche zusammenhängen. Dafür entwickelten sie ein statistisches Modell, in dem körperliche Aktivität sowohl unmittelbar als auch über Selbstwirksamkeit und Sportmotivation mit dem körperlichen Selbstkonzept verbunden war.</p>
<p>Die Untersuchung erschien am 17. Juli 2026 in der Fachzeitschrift <em>Frontiers in Psychology</em>.</p>
<h2>Die zentralen Ergebnisse</h2>
<p>Kinder, die mehr körperliche Aktivität angaben, berichteten zugleich:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>eine höhere allgemeine Selbstwirksamkeit,</li>
<li>eine stärkere positive Motivation zum Sport,</li>
<li>ein günstigeres körperliches Selbstkonzept.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Der Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und körperlichem Selbstkonzept betrug <span>r</span><span>=</span><span>0</span><span>,</span><span>442</span>. Das ist ein deutlicher, aber keineswegs vollständiger Zusammenhang. Körperliche Aktivität und körperliches Selbstbild gehören demnach zusammen, ohne dass das eine bereits vollständig aus dem anderen erklärt werden kann.</p>
<p>Besonders interessant war das statistische Beziehungsmodell. Körperliche Aktivität stand auf mehreren Wegen mit dem körperlichen Selbstkonzept in Verbindung.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_2">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="932" height="760" src="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/08/diagram-koerperliche-aktivitaet-selbstkonzept.png" alt="Diagramm: Körperliche Aktivität und köperliches Selbstkonzept" title="diagram-koerperliche-aktivitaet-selbstkonzept" srcset="https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/08/diagram-koerperliche-aktivitaet-selbstkonzept.png 932w, https://selbstbestimmtheit-buch.de/wp-content/uploads/2026/08/diagram-koerperliche-aktivitaet-selbstkonzept-480x391.png 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 932px, 100vw" class="wp-image-1807" /></span>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_74  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p>Der erste Weg führte unmittelbar von körperlicher Aktivität zum körperlichen Selbstkonzept:</p>
<p>Kinder, die körperlich aktiver waren, bewerteten ihren Körper und ihre körperlichen Fähigkeiten günstiger.</p>
<p>Ein zweiter Weg verlief über die allgemeine Selbstwirksamkeit:</p>
<p>Körperliche Aktivität war mit höherer Selbstwirksamkeit verbunden. Eine höhere Selbstwirksamkeit ging wiederum mit einem günstigeren körperlichen Selbstkonzept einher.</p>
<p>Ein dritter Weg führte über die positive Sportmotivation:</p>
<p>Körperlich aktivere Kinder berichteten mehr Freude, Interesse und soziale Verbundenheit beim Sport. Diese Motivation stand ihrerseits mit einem positiveren körperlichen Selbstbild in Verbindung.</p>
<p>Schließlich fanden die Forscher eine Verbindung, an der beide psychologischen Größen beteiligt waren:</p>
<p>Körperliche Aktivität war mit allgemeiner Selbstwirksamkeit verbunden, Selbstwirksamkeit mit positiver Sportmotivation und diese wiederum mit dem körperlichen Selbstkonzept.</p>
<p>Von den indirekten Verbindungen war der Weg über die allgemeine Selbstwirksamkeit am stärksten. Das legt eine interessante Deutung nahe: Körperliche Aktivität könnte Erfahrungen ermöglichen, deren Bedeutung über den Sport hinausreicht.</p>
<p>Ein Kind erlebt beim Üben vielleicht:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Mein Einsatz verändert etwas.</li>
<li>Eine anfangs schwierige Aufgabe wird leichter.</li>
<li>Ich kann Fortschritte machen.</li>
<li>Ich kann Frustration aushalten.</li>
<li>Ich kann ein Ziel erreichen.</li>
<li>Mein Handeln besitzt eine erkennbare Wirkung.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Aus solchen konkreten Erfahrungen kann sich allmählich eine allgemeinere Überzeugung entwickeln:</p>
<p>Ich kann Herausforderungen bewältigen und Einfluss auf meine Entwicklung nehmen.</p>
<p>Die Studie belegt diesen Entwicklungsweg allerdings noch nicht. Sie zeigt zunächst, dass körperliche Aktivität, Selbstwirksamkeit, Motivation und körperliches Selbstbild gemeinsam auftreten.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_75  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bewegung wirkt durch Erfahrung</h2>
<p>Die Ergebnisse eröffnen eine Perspektive, die über den bekannten gesundheitlichen Nutzen von Bewegung hinausgeht. Für ein Kind ist Sport immer auch eine Begegnung mit sich selbst.</p>
<p>Während eines Spiels, einer Übung oder eines Wettkampfs erhält es eine unmittelbare Rückmeldung. Ein Ball trifft das Ziel oder verfehlt es. Eine Bewegung gelingt nach mehreren Versuchen. Eine Strecke wird heute schneller oder leichter bewältigt als einige Wochen zuvor. Fortschritt wird körperlich gespürt und sichtbar erlebt.</p>
<p>Das unterscheidet eine eigene Bewältigungserfahrung von rein verbaler Ermutigung. Eltern und Trainer können einem Kind häufig sagen: „Du kannst das schaffen.“ Eine selbst bewältigte Herausforderung vermittelt eine tiefere Botschaft:</p>
<p>Ich habe es geschafft.</p>
<p>Allerdings entsteht diese Erfahrung keineswegs automatisch. Sport kann Kompetenz, Freude und Zugehörigkeit vermitteln. Er kann ebenso mit Überforderung, Leistungsdruck, Beschämung und ständigem Vergleich verbunden sein.</p>
<p>Zwei Kinder können deshalb dieselbe Sportstunde psychologisch völlig unterschiedlich erleben. Das eine Kind erfährt: „Ich werde besser und gehöre dazu.“ Das andere lernt: „Die anderen sind besser, und meine Fehler machen mich zur Belastung.“</p>
<p>Die bloße Teilnahme erklärt daher nur einen Teil der Wirkung. Ebenso wichtig ist die Qualität des Erfahrungsraums.</p>
<h2>Die Bedeutung der Motivation</h2>
<p>Die Forscher untersuchten keine vollständige Theorie sportlicher Motivation. Ihre Fragen erfassten vor allem positive Beweggründe: Freude, Interesse, Engagement, Lernorientierung und soziale Verbundenheit.</p>
<p>Diese Einschränkung ist wichtig. Ein Kind kann sportlich aktiv sein, weil es sich gern bewegt, Fortschritte erleben möchte und Freude an der Gemeinschaft hat. Es kann ebenso aktiv sein, weil die Eltern Druck ausüben, der Trainer Anerkennung an Leistung knüpft oder es Angst vor Abwertung hat.</p>
<p>Nach außen sieht beides wie sportliche Aktivität aus. Innerlich entstehen jedoch verschiedene Erfahrungen.</p>
<p>Bei selbstbestimmter Motivation erlebt sich das Kind als handelnde Person. Es beteiligt sich, weil die Aktivität für es Bedeutung besitzt. Unter äußerem Druck richtet es sein Verhalten stärker an Erwartungen, Belohnungen oder möglichen Sanktionen aus.</p>
<p>Die Studie zeigt deshalb vor allem: Eine positive Beziehung zum Sport gehört zu dem Geflecht, in dem körperliche Aktivität und körperliches Selbstbild miteinander verbunden sind.</p>
<h2>Trainer, Lehrer und Eltern gestalten den Erfahrungsraum</h2>
<p>Kinder erleben Sport selten unabhängig von Erwachsenen. Lehrer und Trainer entscheiden, welche Aufgaben gestellt werden, wie Leistung bewertet wird und welche Bedeutung Fehler erhalten. Eltern beeinflussen, ob Bewegung als Freude, gemeinsame Zeit, Pflicht oder Bewährungsprobe vermittelt wird.</p>
<p>Die Autoren empfehlen unter anderem:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Aufgaben mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad,</li>
<li>erreichbare Herausforderungen für unterschiedliche Leistungsniveaus,</li>
<li>die Betonung persönlicher Fortschritte,</li>
<li>Anerkennung von Anstrengung und Lernbereitschaft,</li>
<li>sinnvolle Wahlmöglichkeiten,</li>
<li>ermutigende und sachliche Rückmeldungen,</li>
<li>kooperative Übungen und kleine Gruppen,</li>
<li>Freude und Zugehörigkeit als Bestandteil des Sports.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Ein Trainer kann eine Übung so gestalten, dass vor allem die leistungsstärksten Kinder Anerkennung erhalten. Er kann dieselbe Übung so gestalten, dass jedes Kind seinen nächsten erreichbaren Schritt erkennt. Im ersten Fall entsteht vor allem eine Rangordnung. Im zweiten Fall kann Selbstwirksamkeit wachsen.</p>
<p>Auch Eltern übernehmen eine solche Trainerrolle. Dabei geht es weniger um fachliche Anleitung als um die Bedeutung, die sie den Erfahrungen des Kindes geben. Entscheidend ist, ob sie vor allem Ergebnisse bewerten oder Entwicklung sichtbar machen.</p>
<p>Ein hilfreicher Satz lautet:</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large; color: #0c71c3;"><strong>„Heute ist Dir etwas gelungen, was letzte Woche noch schwierig war.“</strong></span></p>
<p>Damit richtet sich der Blick auf die Verbindung zwischen Übung, eigenem Handeln und Fortschritt.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_76  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was die Studie offenlässt</h2>
<p>Die Untersuchung besitzt eine wesentliche methodische Begrenzung: Alle Angaben wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie.</p>
<p>Sie zeigt, dass körperliche Aktivität, Selbstwirksamkeit, positive Sportmotivation und körperliches Selbstkonzept miteinander verbunden sind. Sie zeigt keine zeitliche Reihenfolge und kann daher keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweisen.</p>
<p>Mehrere Entwicklungsrichtungen bleiben möglich:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Körperliche Aktivität kann Erfahrungen vermitteln, die Selbstwirksamkeit stärken.</li>
<li>Selbstwirksame Kinder können sich körperliche Herausforderungen eher zutrauen.</li>
<li>Kinder mit einem positiven körperlichen Selbstbild können sich bereitwilliger am Sport beteiligen.</li>
<li>Freude an Bewegung kann zu mehr Aktivität führen.</li>
<li>Aktivität, Motivation und Selbstbild können sich gegenseitig verstärken.</li>
<li>Eltern, Trainer, Gesundheit, Freundschaften oder familiäre Möglichkeiten können mehrere dieser Bereiche gleichzeitig beeinflussen.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Die in der Studie dargestellten Wege sind deshalb plausible statistische Verbindungen. Sie bilden noch keinen bewiesenen Entwicklungsablauf.</p>
<p>Weitere Einschränkungen kommen hinzu. Die Stichprobe stammte aus drei Schulen einer einzigen Stadt in Nordostchina und war weder für China noch für andere Länder repräsentativ. Alle Kernangaben beruhten auf Selbstauskünften der Kinder. Die körperliche Aktivität wurde weder mit Bewegungsmessern erfasst noch nach Dauer und Intensität differenziert.</p>
<p>Außerdem verwendeten die Forscher eigens angepasste Kurzfassungen etablierter Fragebögen. Diese zeigten zwar gute statistische Kennwerte, entsprechen jedoch nur eingeschränkt den vollständigen Originalinstrumenten. Einflussgrößen wie Körpergewicht, Peerbeziehungen, Qualität des Sportunterrichts und familiäre Sportmöglichkeiten wurden ebenfalls nicht umfassend berücksichtigt.</p>
<p>Die Ergebnisse liefern daher ein plausibles Beziehungsmodell, das durch Längsschnitt- und Interventionsstudien weiter geprüft werden sollte.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_32 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_39  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_77  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h2>
<p>Persönlichkeit entsteht aus Erfahrungen und aus den Bedeutungen, die ein Mensch diesen Erfahrungen gibt. Ein Kind erlebt sich weder abstrakt als selbstwirksam noch grundsätzlich als hilflos. Es sammelt konkrete Erlebnisse und verdichtet sie allmählich zu Aussagen über sich selbst.</p>
<p>Körperliche Aktivität kann dafür einen besonders anschaulichen Erfahrungsraum schaffen:</p>
<p>Ich übe. Ich mache Fortschritte. Mein Handeln bewirkt etwas.</p>
<p>Aus der körperlichen Erfahrung kann eine allgemeine Erwartung entstehen:</p>
<p>Wenn ich mich einer Herausforderung stelle und daran arbeite, kann ich meine Fähigkeiten entwickeln.</p>
<p>Darin liegt eine Grundlage von Selbstbestimmtheit. Das Kind erlebt sich als Mitgestalter seiner Entwicklung. Es erkennt einen Zusammenhang zwischen eigenem Handeln und dem Ergebnis.</p>
<p>Eine andere Entwicklung ist ebenfalls möglich. Wiederholte Misserfolge, öffentlicher Vergleich oder soziale Ausgrenzung können zu gegenteiligen Schlussfolgerungen führen:</p>
<p>Ich bin ungeschickt. Die anderen sind besser. Mein Einsatz verändert wenig. Ich gehöre nicht dazu.</p>
<p>Damit berührt die Studie eine Frage, die sie selbst kaum untersucht: Was geschieht mit Kindern, die Bewegung früh mit Versagen, Beschämung oder Ausgrenzung verbinden? Werden sie zu Außenseitern, weil sie sich weniger beteiligen? Oder beteiligen sie sich weniger, weil sie sich bereits ausgeschlossen fühlen?</p>
<p>Diese Entwicklungsdynamik verdient einen eigenen Beitrag. Denn ein sogenannter Bewegungsmuffel meidet möglicherweise weniger die Bewegung als jene Erfahrungen, die er mit ihr verbindet.</p>
<p>Die zentrale Erkenntnis der vorliegenden Studie bleibt:</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: large; color: #0c71c3;"><strong>Bewegung schafft Gelegenheiten für Selbstwirksamkeit. Welche Bedeutung sie für die Persönlichkeit erhält, hängt davon ab, was ein Kind dabei über sich selbst lernt.</strong></span></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_33">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Infobox zur Studie</h2>
<p>Studieninformationen</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_34">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_41  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_79  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong> Sportpsychologie, Entwicklungspsychologie<br /><strong>Journal:</strong> <em>Frontiers in Psychology</em>, Sektion Sport Psychology<br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 17. Juli 2026<br /><strong>Studientyp:</strong> Querschnittsstudie mit Fragebogenerhebung<br /><strong>Teilnehmerzahl:</strong> 782 Grundschüler im Alter von 7 bis 13 Jahren</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_42  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_80  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Studienort:</strong> Dunhua, Provinz Jilin, China<br /><strong>Autoren:</strong> Ziang Zhu, Xiaohong Liu, Jiawen Peng und Mingze Xu<br /><strong>Originaltitel:</strong> <em>Relationships between physical activity, general self-efficacy, sport motivation and physical self-concept among primary school students</em><br /><strong>Originalstudie:</strong> <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2026.1858576/full?utm_source=chatgpt.com" target="_new">Frontiers in Psychology</a><br /><strong>DOI:</strong> 10.3389/fpsyg.2026.1858576</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/24/bewegung-veraendert-mehr-als-den-koerper/">Bewegung verändert mehr als den Körper</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Macht Kampfkunst friedlicher – oder nur kampffähiger?</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/09/macht-kampfkunst-friedlicher-oder-nur-kampffaehiger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 05:51:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Aggression]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltprävention]]></category>
		<category><![CDATA[Kampfkunst]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstkontrolle]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1744</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/09/macht-kampfkunst-friedlicher-oder-nur-kampffaehiger/">Macht Kampfkunst friedlicher – oder nur kampffähiger?</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_8 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
				<div class="et_pb_row et_pb_row_35">
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				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_81  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was Studien über Aggression, Selbstkontrolle und die entscheidende Rolle des Trainers zeigen</h2>
<p>Kampfkunst soll Kindern Disziplin, Respekt und Selbstbeherrschung vermitteln. Zugleich lernen sie Techniken, mit denen sie andere verletzen können. Fördert dieses Training einen verantwortlichen Umgang mit der eigenen Kraft – oder verstärkt es aggressives Verhalten?</p>
<p>Eine neue Übersichtsarbeit zeigt: Beide Entwicklungen sind möglich. Entscheidend ist offenbar weniger die Kampfkunst selbst als die Haltung, mit der sie vermittelt wird.</p>
<h2>Die Studie</h2>
<p>Die Forscher Lei Deng, Xiujie Ma und Qingyuan Luo werteten Studien aus, die sich mit den längerfristigen Auswirkungen von Kampfkunsttraining auf aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen beschäftigten. Dabei interessierte sie auch, welche psychologischen Prozesse mögliche Veränderungen erklären könnten.</p>
<p>Es handelt sich um ein systematisches Review. Bei einer solchen Übersichtsarbeit führen Forscher keine eigene Intervention durch. Sie suchen nach vorhandenen Untersuchungen, prüfen deren Qualität und vergleichen die Ergebnisse.</p>
<p>Berücksichtigt wurden elf Studien mit insgesamt 1.352 Kindern und Jugendlichen vom Grundschulalter bis zum späten Jugendalter. Untersucht wurden unter anderem Judo, Karate, Taekwondo, Aikido, Jiu-Jitsu, chinesische Kampfkünste sowie gemischte oder modern ausgerichtete Trainingsprogramme.</p>
<p>Die Dauer der Programme reichte von zweieinhalb Wochen bis zu zwei Jahren. Meist trainierten die Teilnehmer ein- bis dreimal pro Woche. Erfasst wurden unterschiedliche Formen aggressiven Verhaltens, darunter körperliche und verbale Aggression, Ärger, Feindseligkeit, Mobbing, Regelverletzungen und delinquentes Verhalten.</p>
<p>Einige Studien untersuchten zusätzlich Selbstkontrolle, Emotionsregulation, Selbstwert, Selbstkonzept und das Verhalten gegenüber Gleichaltrigen.</p>
<p>Von den elf Untersuchungen waren lediglich zwei randomisierte kontrollierte Studien. Bei ihnen wurden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zugeteilt. Die übrigen neun Arbeiten verwendeten weniger kontrollierte Untersuchungsformen. Entsprechend vorsichtig sind die Ergebnisse zu bewerten.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_82  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Zentrale Ergebnisse</h2>
<p>Die Auswertung ergab keine einheitliche Wirkung. In einigen Studien ging aggressives Verhalten zurück. Andere stellten keine bedeutsame Veränderung fest. In einzelnen Untersuchungen nahmen Aggression oder Feindseligkeit sogar zu.</p>
<p>Besonders deutlich wird die widersprüchliche Befundlage beim Judo. Von sechs Studien berichteten zwei über eine Abnahme aggressiven Verhaltens, zwei über eine Zunahme und zwei über keine Veränderung.</p>
<p>Auch bei den anderen Kampfkünsten ergibt sich kein klares Bild:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Beim Karate zeigte eine von drei Studien eine Abnahme aggressiven Verhaltens. Zwei fanden keine Veränderung.</li>
<li>Beim Taekwondo berichtete eine Studie über eine Abnahme, eine weitere über keine Veränderung.</li>
<li>Bei chinesischen Kampfkünsten zeigte eine einzelne Studie einen Rückgang.</li>
<li>Bei Aikido und Jiu-Jitsu stellte jeweils eine Studie keine Veränderung fest.</li>
<li>Eine Studie zu einem modern ausgerichteten Kampfkunstprogramm berichtete über eine Zunahme aggressiven Verhaltens.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Aus diesen Ergebnissen lässt sich keine Rangfolge der friedlichsten oder aggressivsten Kampfkünste ableiten. Dafür ist die Zahl der Untersuchungen zu klein. Zudem unterscheiden sich Trainingsdauer, Altersgruppen, Unterrichtsformen und Messverfahren erheblich.</p>
<p>Selbst innerhalb derselben Kampfkunst entstanden gegensätzliche Ergebnisse. Die Bezeichnung „Judo“, „Karate“ oder „Taekwondo“ sagt daher wenig darüber aus, welche psychologische Wirkung ein konkretes Training entfaltet.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_83  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Rolle der Selbstkontrolle</h2>
<p>Kampfkunst bietet grundsätzlich viele Gelegenheiten, Selbstkontrolle einzuüben. Ein Kind mobilisiert Kraft und begrenzt sie zugleich. Es darf angreifen, hält dabei Regeln ein und schützt seinen Trainingspartner. Es erlebt körperliche und emotionale Erregung und soll dennoch kontrolliert handeln.</p>
<p>Dadurch kann eine wichtige innere Erfahrung entstehen:</p>
<p>Ich besitze Kraft, und ich entscheide über ihren Einsatz.</p>
<p>Ein Kind, das seine Handlungsfähigkeit kennt, braucht körperliche Stärke seltener durch Drohungen oder aggressive Inszenierungen zu beweisen. Es kann Grenzen setzen, Abstand halten und Konflikte aushalten, ohne sich sofort hilflos zu fühlen.</p>
<p>Die Übersichtsarbeit bestätigt diesen Wirkungsweg allerdings noch nicht. Selbstkontrolle, Emotionsregulation und ähnliche Merkmale wurden in den einzelnen Studien sehr unterschiedlich erfasst. Die Forscher betrachten sie deshalb als plausible Erklärungen, nicht als nachgewiesene Ursachen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_84  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Der Trainer gibt der Technik ihre Bedeutung</h2>
<p>Der Name der Kampfkunst beschreibt zunächst nur ein System von Bewegungen und Techniken. Welche Haltung daraus entsteht, hängt wesentlich davon ab, wie das Training gestaltet wird.</p>
<p>Ein Trainer kann körperliche Stärke als Überlegenheit vermitteln. Er kann Härte, Sieg und Dominanz belohnen. Das Kind lernt dann möglicherweise, dass der Stärkere seinen Willen durchsetzen darf.</p>
<p>Ein Trainer kann dieselbe körperliche Fähigkeit mit Selbstbeherrschung, Verantwortung und Gewaltvermeidung verbinden. Das Kind erlebt Stärke dann als Verpflichtung, umsichtig mit den eigenen Möglichkeiten umzugehen.</p>
<p>Dabei wirken weniger die ausgesprochenen Regeln als das gelebte Vorbild. Kinder beobachten sehr aufmerksam:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Wie spricht der Trainer mit schwächeren Teilnehmern?</li>
<li>Wie reagiert er auf Fehler und Niederlagen?</li>
<li>Wird ein überlegener Gegner gedemütigt oder geachtet?</li>
<li>Belohnt er Härte oder kontrolliertes Handeln?</li>
<li>Greift er bei Grenzüberschreitungen ein?</li>
<li>Kann er Kritik aufnehmen?</li>
<li>Verkörpert er selbst Ruhe und Selbstbegrenzung?</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Ein Trainer kann häufig über Respekt sprechen. Wenn er selbst mit Spott, Einschüchterung oder Willkür führt, lernen die Kinder vor allem diese Haltung.</p>
<p>Worte vermitteln Regeln. Verhalten vermittelt Werte.</p>
<p>Die Autoren der Übersichtsarbeit sehen hier einen wichtigen möglichen Erklärungsansatz. Trainingsprogramme mit klaren pädagogischen Zielen, festen Regeln, Gewaltvermeidung und unterstützender Anleitung könnten die Entwicklung fördern. Ein wettkampf- oder dominanzorientiertes Klima könnte die positive Wirkung dagegen schwächen.</p>
<p>Ausgerechnet das Verhalten der Trainer und die soziale Kultur der Gruppen wurden in den ausgewerteten Studien jedoch selten ausführlich beschrieben. Die Studie weist damit auf einen wahrscheinlich entscheidenden Faktor hin, kann seinen Einfluss bislang aber kaum direkt belegen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_85  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Die Studie widerspricht zwei verbreiteten Vereinfachungen. Kampfkunst macht Kinder weder automatisch friedlicher noch zwangsläufig aggressiver. Sie stellt zunächst einen Entwicklungsraum bereit.</p>
<p>In diesem Raum erleben Kinder Kraft, Widerstand, Regeln, Hierarchie, Wettbewerb, Anerkennung und körperliche Grenzen. Welche Bedeutung diese Erfahrungen erhalten, hängt von der Unterrichtsgestaltung, den Werten des Trainers, der Gruppenkultur und der bisherigen Entwicklung des Kindes ab.</p>
<p>Ein ruhiges und unsicheres Kind kann durch das Training an Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit gewinnen. Es wirkt anschließend möglicherweise entschlossener, ohne aggressiver geworden zu sein. Ein anderes Kind kann seine körperlichen Fähigkeiten dagegen in ein Selbstbild der Überlegenheit einbauen.</p>
<p>Auch die Unterscheidung zwischen traditioneller Kampfkunst und modernem Kampfsport erklärt die Ergebnisse nur begrenzt. Ein traditionell auftretender Trainer kann Gehorsam und Härte kultivieren. Ein wettkampforientierter Trainer kann Fairness, Rücksicht und Selbstbeherrschung vorleben.</p>
<p>Entscheidend ist daher die konkrete pädagogische Wirklichkeit hinter der Bezeichnung.</p>
<h2>Grenzen der Studie</h2>
<p>Die Übersichtsarbeit liefert einen wertvollen Überblick, ihre Aussagekraft bleibt jedoch begrenzt. Elf Studien bilden eine schmale Grundlage für die Vielzahl unterschiedlicher Kampfkünste, Altersgruppen und Trainingsformen.</p>
<p>Nur zwei Untersuchungen waren randomisiert. Bei einer bestanden methodische Bedenken, die andere wies ein hohes Verzerrungsrisiko auf. Die übrigen Studien konnten mögliche Unterschiede zwischen den Teilnehmergruppen nur eingeschränkt kontrollieren.</p>
<p>Hinzu kommt, dass Aggression sehr unterschiedlich gemessen wurde. Körperliche Aggression, Ärger, Feindseligkeit, Mobbing und Regelverletzungen sind verwandte, aber keineswegs identische Phänomene.</p>
<p>Die Forscher konnten außerdem 172 möglicherweise relevante Volltexte trotz mehrerer Versuche nicht beschaffen. Wichtige Fachdatenbanken wie PsycINFO und SPORTDiscus wurden nicht durchsucht. Die Registrierung des Untersuchungsplans erfolgte rückwirkend.</p>
<p>Die Ergebnisse erlauben daher eine vorsichtige Schlussfolgerung: Kampfkunst kann unter bestimmten Bedingungen eine förderliche Entwicklungsumgebung sein. Eine allgemein aggressionsmindernde Wirkung ist bislang nicht belegt.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_86 study-comment-box  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Kinder lernen Stärke an Vorbildern</h2>
<p>Kampfkunst beginnt in psychologischer Hinsicht lange vor dem ersten Training. Bereits in der Familie lernt ein Kind, wie Menschen mit Ärger, Kränkung, Widerstand und Macht umgehen. Eltern sind deshalb seine ersten Trainer – meist ohne Trainingsplan und oft ohne sich ihrer Wirkung bewusst zu sein.</p>
<p>Das Kind beobachtet, ob Konflikte durch Lautstärke, Rückzug, Abwertung oder ein klärendes Gespräch gelöst werden. Es erlebt, ob Erwachsene Fehler eingestehen können, Grenzen rechtzeitig setzen und trotz innerer Erregung ansprechbar bleiben.</p>
<p>Ein Vater, der seinem Sohn erklärt, dass Gewalt keine Lösung sei, bei jeder Kränkung jedoch selbst aufbraust, vermittelt zwei verschiedene Botschaften. Die gelebte Botschaft prägt häufig stärker.</p>
<p>Gerade der Vater kann für einen Jungen zu einem wichtigen Modell männlicher Stärke werden. Er zeigt durch sein Verhalten, ob Stärke bedeutet, jeden Machtkampf zu gewinnen, oder ob sie sich in Klarheit, Schutz und Selbstbeherrschung ausdrückt. Auch Töchter erleben am Vater, wie männliche Autorität und körperliche Überlegenheit eingesetzt werden können. Das kann ihre späteren Erwartungen an Beziehungen sowie ihr Vertrauen in die eigene Fähigkeit beeinflussen, Grenzen zu setzen.</p>
<p>Der Vater ist dabei ein Vorbild unter mehreren. Mutter, Geschwister, Freunde, Schule, soziale Medien und Trainer bilden gemeinsam das soziale Lernfeld des Kindes.</p>
<p>Ein guter Kampfkunsttrainer kann problematischen Erfahrungen aus dem Elternhaus eine andere Erfahrung entgegensetzen. Ein Kind, das Konflikte bisher als Kampf um Unterwerfung kennengelernt hat, kann erleben, dass Kraft auch kontrolliert, begrenzt und zum Schutz anderer eingesetzt werden kann. Ebenso kann ein dominanzorientiertes Training problematische familiäre Muster bestätigen.</p>
<p>Der Trainer beginnt daher nie bei null. Jedes Kind bringt seine bisherige Geschichte mit in den Trainingsraum.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_87  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Das Nichtkampf-Prinzip von Rüdiger Lenz</h2>
<p>Eine interessante Ergänzung zu dieser Einordnung bietet Rüdiger Lenz. Er ist Therapeut, hochgraduierter Kampfkünstler und war als Ausbilder und Trainer im Antiaggressivitäts-Training tätig. Sein Konzept des Nichtkampf-Prinzips wurde in der Antigewalt-Therapie mit Gewaltstraftätern eingesetzt. <a href="https://www.vindobonaverlag.com/autoren/k-m/ruediger-lenz/">Autorenporträt des Vindobona Verlags</a></p>
<p>In seinem 2005 erschienenen Buch <em>Das Nichtkampf-Prinzip – Konfliktbewältigung, De-Eskalation, Selbstverteidigung</em> beschreibt Lenz eine Form der Selbstverteidigung, deren Ziel über den Sieg in einer körperlichen Auseinandersetzung hinausgeht. Die eigentliche Leistung besteht darin, den Kampf zu überwinden und die Eskalation zu beenden. Das Buch überträgt diesen Gedanken auch auf verbale Konflikte und alltägliche Machtkämpfe.</p>
<p>Das Nichtkampf-Prinzip führt damit zu einer entscheidenden Unterscheidung: Kampffähigkeit und Kampfbereitschaft sind zwei verschiedene Dinge. Wer sich seiner Handlungsfähigkeit sicher ist, kann auf eine Auseinandersetzung verzichten, ohne diesen Verzicht als Unterlegenheit zu erleben.</p>
<p>Gerade darin liegt die Verbindung zur Selbstbestimmtheit. Selbstbestimmt handelt ein Mensch, wenn er zwischen mehreren Reaktionsmöglichkeiten wählen kann. Wer auf jede Provokation reflexhaft antwortet, wird von seinem Impuls und seinem Gegenüber gesteuert. Wer seine Kraft wahrnimmt, seine Erregung reguliert und bewusst über sein Verhalten entscheidet, gewinnt inneren Handlungsspielraum.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #0c71c3; font-size: large;"><strong>Die höchste Form der Kampffähigkeit liegt daher in der Fähigkeit, einen Kampf vermeiden zu können.</strong></span></p>
<p>Die Kampfkunst stellt die Techniken bereit. Trainer und Eltern vermitteln ihre Bedeutung. Das Kind entwickelt daraus allmählich ein Bild davon, was Stärke ist:</p>
<p style="text-align: center;"><strong><span style="color: #0c71c3; font-size: large;">Die Beherrschung anderer – oder die verantwortliche Führung seiner selbst.</span></strong></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_36">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2 style="box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px 0px 10px; border: 0px; outline: 0px; font-size: 26px; text-size-adjust: 100%; vertical-align: baseline; background: #ffffff; color: #333333; line-height: 1em; font-weight: 500; font-family: 'Open Sans', Arial, sans-serif; font-style: normal; font-variant-ligatures: normal; font-variant-caps: normal; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-indent: 0px; text-transform: none; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; text-decoration-thickness: initial; text-decoration-style: initial; text-decoration-color: initial;">Infobox zur Studie</h2>
<p style="box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px; border: 0px; outline: 0px; font-size: 16px; text-size-adjust: 100%; vertical-align: baseline; background: #ffffff; color: #666666; font-family: 'Open Sans', Arial, sans-serif; font-style: normal; font-variant-ligatures: normal; font-variant-caps: normal; font-weight: 500; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-indent: 0px; text-transform: none; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; text-decoration-thickness: initial; text-decoration-style: initial; text-decoration-color: initial;">Studieninformationen</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_37">
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong> Entwicklungspsychologie, Sportpsychologie und Gewaltprävention<br /><strong>Journal:</strong> <em>Frontiers in Public Health</em><br /><strong>Veröffentlichung:</strong> 17. Juli 2026<br /><strong>Studientyp:</strong> Systematisches Review von Längsschnitt- und Interventionsstudien<br /><strong>Einbezogene Studien:</strong> 11</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_46  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_90  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl:</strong> insgesamt 1.352 Kinder und Jugendliche<br /><strong>Autoren:</strong> Lei Deng, Xiujie Ma und Qingyuan Luo<br /><strong>Originalstudie:</strong> <em>Martial arts training and aggressive behavior in children and adolescents: a systematic review of longitudinal evidence and psychological processes</em><br /><strong>Link:</strong> <a href="https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1838396/full">Originalstudie auf Frontiers</a></p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/08/09/macht-kampfkunst-friedlicher-oder-nur-kampffaehiger/">Macht Kampfkunst friedlicher – oder nur kampffähiger?</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Hochstapler und der Narzisst fürchten dasselbe</title>
		<link>https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/07/27/der-hochstapler-und-der-narzisst-fuerchten-dasselbe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Formann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2026 08:24:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologische Studien]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://selbstbestimmtheit-buch.de/?p=1673</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/07/27/der-hochstapler-und-der-narzisst-fuerchten-dasselbe/">Der Hochstapler und der Narzisst fürchten dasselbe</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="et_pb_section et_pb_section_9 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
				<div class="et_pb_row et_pb_row_38">
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2><strong>Eine Studie zeigt, wie Selbstzweifel und Selbstüberhöhung aus ähnlichen Erfahrungen entstehen können</strong></h2>
<p>Ein Mensch erzielt sichtbare Erfolge und hält sich trotzdem für weniger kompetent, als andere glauben. Ein anderer ist von seiner besonderen Bedeutung überzeugt und erlebt fehlende Anerkennung als Kränkung. Auf den ersten Blick könnten beide kaum unterschiedlicher erscheinen.</p>
<p>Eine neue Studie zeigt jedoch, dass das sogenannte Impostor-Selbstkonzept und bestimmte Formen des Narzissmus einige überraschende Gemeinsamkeiten besitzen. Besonders deutlich werden diese beim vulnerablen Narzissmus. Hinter Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung könnte eine ähnliche Unsicherheit stehen: Der eigene Wert hängt stark davon ab, wie andere einen sehen.</p>
<h2>Das Gefühl, die eigenen Erfolge nur vorzutäuschen</h2>
<p>Menschen mit einem ausgeprägten Impostor-Selbstkonzept zweifeln an ihren Fähigkeiten, obwohl ihre Leistungen häufig für sie sprechen. Erfolge führen bei ihnen kaum zu einem stabilen Gefühl eigener Kompetenz.</p>
<p>Sie erklären gute Ergebnisse mit Glück, günstigen Umständen, besonderer Anstrengung oder der Unterstützung anderer. Die eigene Fähigkeit erscheint ihnen dagegen als wenig glaubwürdige Erklärung.</p>
<p>Lob kann diese Unsicherheit nur begrenzt beruhigen. Statt Anerkennung anzunehmen, entsteht häufig ein neuer Zweifel:</p>
<p>Wenn die anderen wüssten, wie wenig kompetent ich wirklich bin, würden sie anders über mich denken.</p>
<p>Daraus entwickelt sich die Angst, irgendwann als Hochstapler entlarvt zu werden. Dabei täuschen diese Menschen ihre Umgebung keineswegs bewusst. Sie erleben vielmehr ihr eigenes positives Ansehen als Täuschung.</p>
<p>Die Forscher sprechen deshalb vom <strong>Impostor-Selbstkonzept</strong>. Der Begriff macht deutlich, dass es sich um eine subjektive Vorstellung von der eigenen Person handelt. Der Mensch betrachtet seine Leistungen durch ein Selbstbild, das seine tatsächlichen Fähigkeiten kaum angemessen berücksichtigt.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_92  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Narzissmus besitzt verschiedene Gesichter</h2>
<p>Der Begriff Narzissmus wird im Alltag häufig mit Selbstverliebtheit, Rücksichtslosigkeit oder einem überhöhten Selbstbild verbunden. Die psychologische Forschung betrachtet Narzissmus jedoch differenzierter.</p>
<p>Die Studie unterscheidet zwischen <strong>grandiosem</strong> und <strong>vulnerablem Narzissmus</strong>.</p>
<p>Menschen mit ausgeprägtem grandiosem Narzissmus erleben sich häufig als überlegen, besonders kompetent oder außergewöhnlich. Sie treten eher selbstbewusst und dominant auf, suchen Status und erwarten eine besondere Behandlung.</p>
<p>Vulnerabler Narzissmus zeigt sich anders. Die betroffenen Menschen sind häufig unsicher, empfindlich gegenüber Kritik und stark auf Anerkennung angewiesen. Sie können sich innerlich als besonders erleben und zugleich daran leiden, dass ihre Umgebung diese Besonderheit aus ihrer Sicht zu wenig wahrnimmt.</p>
<p>Während grandioser Narzissmus eher sagt:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Ich bin besser als die anderen.</p>
<p>lautet die innere Botschaft des vulnerablen Narzissmus eher:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Ich könnte etwas Besonderes sein, doch die anderen erkennen meinen Wert zu wenig.</p>
<p>Beide Formen teilen ein Gefühl besonderer Ansprüche. Der vulnerable Narzissmus verbindet dieses jedoch stärker mit Selbstzweifeln, Ängstlichkeit, Kränkbarkeit und emotionaler Unsicherheit.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_93  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Warum die Forscher beide Selbstbilder miteinander verglichen</h2>
<p>Das Impostor-Selbstkonzept und Narzissmus wirken zunächst wie Gegensätze.</p>
<p>Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept unterschätzt seine Fähigkeiten. Der grandiose Narzisst überschätzt sie eher. Der eine hält Anerkennung für unverdient, der andere erwartet mehr davon.</p>
<p>Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch eine mögliche Gemeinsamkeit: Beide Selbstbilder sind eng mit der Regulierung des eigenen Wertes verbunden.</p>
<p>In modernen Leistungswelten sollen Menschen kompetent, erfolgreich und selbstsicher auftreten. Gleichzeitig werden sie ständig bewertet. Dies gilt im Beruf, im Studium und zunehmend auch in sozialen Medien.</p>
<p>Unter diesem Druck können unterschiedliche Strategien entstehen. Manche Menschen verkleinern sich innerlich und rechnen jederzeit mit ihrer Entlarvung. Andere erhöhen ihr Selbstbild und verlangen von ihrer Umgebung, dieses zu bestätigen.</p>
<p>Die Forscher wollten deshalb wissen, wie eng das Impostor-Selbstkonzept tatsächlich mit grandiosem und vulnerablem Narzissmus zusammenhängt. Zusätzlich untersuchten sie, ob ähnliche elterliche Erziehungsweisen mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind und wie sich die Merkmale in erwachsenen Beziehungen zeigen.</p>
<h2>Die Studie</h2>
<p>An der Untersuchung nahmen 339 deutschsprachige Personen im Alter von 16 bis 80 Jahren teil. Das Durchschnittsalter lag bei rund 33 Jahren.</p>
<p>Etwa 71 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Knapp 62 Prozent verfügten über einen Hochschulabschluss. Die Stichprobe bestand vorwiegend aus Angestellten und Studenten.</p>
<p>Die Daten wurden zwischen Februar und April 2023 über eine Onlinebefragung erhoben. Die Teilnehmer beantworteten mehrere psychologische Fragebögen.</p>
<p>Erfasst wurden:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>das Impostor-Selbstkonzept,</li>
<li>grandiose narzisstische Merkmale,</li>
<li>vulnerable narzisstische Merkmale,</li>
<li>erinnerte elterliche Erziehungsweisen,</li>
<li>sowie Vertrauen, Nähe und Bindungsangst in heutigen Beziehungen.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Beim Erziehungsverhalten unterschieden die Forscher drei Bereiche:</p>
<ul>
<li style="list-style-type: none;">
<ul>
<li>Ablehnung und Bestrafung,</li>
<li>emotionale Wärme,</li>
<li>Kontrolle und Überbehütung.</li>
</ul>
</li>
</ul>
<p>Die Studie untersuchte keine klinischen Diagnosen. Narzissmus wurde als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, das bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_94  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Das Impostor-Selbstkonzept ähnelt vor allem dem vulnerablen Narzissmus</h2>
<p>Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verbindung zwischen dem Impostor-Selbstkonzept und vulnerablem Narzissmus.</p>
<p>Menschen, die stark an ihren eigenen Fähigkeiten zweifelten und eine Entlarvung fürchteten, wiesen häufiger auch vulnerable narzisstische Merkmale auf. Dazu gehören eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Bewertungen, das Bedürfnis nach Bestätigung und die Sorge, von anderen zu wenig wertgeschätzt zu werden.</p>
<p>Diese Verbindung bedeutet jedoch keineswegs, dass beide Phänomene dasselbe sind.</p>
<p>Die statistischen Analysen bestätigten, dass sich das Impostor-Selbstkonzept als eigenständiges psychologisches Konstrukt vom vulnerablen Narzissmus unterscheiden lässt.</p>
<p>Ein wichtiger Unterschied liegt in der Haltung gegenüber anderen.</p>
<p>Beim vulnerablen Narzissmus bleibt ein zwischenmenschlich konfrontativer Kern erhalten. Er zeigt sich etwa in Anspruchsdenken, Neid, Misstrauen, Feindseligkeit und der Abwertung anderer bei wahrgenommener Kränkung.</p>
<p>Menschen mit einem Impostor-Selbstkonzept richten ihre Zweifel dagegen stärker gegen sich selbst. Sie wollen vor allem vermeiden, negativ aufzufallen oder Erwartungen zu enttäuschen.</p>
<p>Vereinfacht lässt sich der Unterschied so ausdrücken:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept glaubt, andere überschätzten ihn.</strong></p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Der vulnerable Narzisst glaubt, andere unterschätzten ihn.</strong></p>
<p>Der eine zweifelt an der Anerkennung, die er erhält. Der andere leidet unter der Anerkennung, die aus seiner Sicht ausbleibt.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_95  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Kontrolle und Überbehütung als gemeinsame Erfahrung</h2>
<p>Besonders interessant sind die Ergebnisse zum erinnerten Erziehungsverhalten.</p>
<p>Elterliche Kontrolle und Überbehütung waren sowohl mit dem Impostor-Selbstkonzept als auch mit vulnerablem und grandiosem Narzissmus verbunden. Sie erwiesen sich damit als der Erziehungsbereich, der am beständigsten mit allen drei untersuchten Selbstbildern zusammenhing.</p>
<p>Überbehütung erscheint zunächst als Ausdruck intensiver Fürsorge. Eltern wollen ihr Kind schützen, Schwierigkeiten vermeiden und möglichst viele Risiken von ihm fernhalten.</p>
<p>Für die Entwicklung des Selbstbildes kann diese Fürsorge jedoch eine widersprüchliche Botschaft enthalten:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Du bist wichtig und schützenswert.</p>
<p>Zugleich kann das Kind daraus ableiten:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Du kannst viele Situationen allein kaum bewältigen.</p>
<p>Ein Kind entwickelt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten vor allem durch eigene Erfahrungen. Es entscheidet, probiert aus, scheitert, korrigiert sich und erlebt schließlich, dass sein Handeln etwas bewirken kann.</p>
<p>Werden ihm viele dieser Erfahrungen abgenommen, entsteht weniger Gelegenheit, ein stabiles Gefühl eigener Wirksamkeit aufzubauen.</p>
<p>Die vorliegende Studie beweist keinen solchen Entwicklungsweg. Sie zeigt lediglich, dass Menschen mit ausgeprägtem Impostor-Selbstkonzept oder narzisstischen Merkmalen häufiger von kontrollierender und überbehütender Erziehung berichteten.</p>
<p>Dennoch eröffnet der Befund eine wichtige Frage:</p>
<p>Was geschieht mit dem Selbstbild eines Kindes, wenn Fürsorge seine Selbstständigkeit dauerhaft begrenzt?</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_96  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Emotionale Wärme zeigte ein anderes Muster</h2>
<p>Emotionale Wärme war in der Studie mit grandiosem Narzissmus verbunden. Für das Impostor-Selbstkonzept und dem vulnerablen Narzissmus zeigte sich dieser Zusammenhang in dieser Form nicht.</p>
<p>Dieser Befund sollte vorsichtig interpretiert werden. Emotionale Wärme allein erzeugt selbstverständlich keinen Narzissmus. Liebe, Zuwendung und verlässliche Unterstützung gehören zu einer gesunden Entwicklung.</p>
<p>Entscheidend könnte vielmehr sein, wie Wärme vermittelt wird und welche weiteren Botschaften sie begleiten. Zuwendung kann einem Kind vermitteln:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Du bist wertvoll, auch wenn Du Fehler machst.</p>
<p>Sie kann jedoch mit Idealisierung verbunden sein:</p>
<p style="padding-left: 40px;">Du bist außergewöhnlicher als andere.</p>
<p>Die Studie erfasste emotionale Wärme, erlaubte jedoch keine genaue Rekonstruktion solcher familiären Dynamiken. Deshalb lässt sich aus dem Ergebnis weder ableiten, dass elterliche Wärme problematisch sei, noch dass sie grandiosen Narzissmus verursache.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_97  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Ähnliche Schwierigkeiten in erwachsenen Beziehungen</h2>
<p>Das Impostor-Selbstkonzept und der vulnerable Narzissmus zeigten auch bei erwachsenen Bindungen ein ähnliches Muster.</p>
<p>Beide waren mit höherer Bindungsangst und geringerem Vertrauen verbunden. Menschen mit einer starken Ausprägung dieser Merkmale erlebten Beziehungen demnach häufiger als unsicher.</p>
<p>Beim Impostor-Selbstkonzept könnte diese Unsicherheit aus dem Zweifel entstehen, ob die Zuneigung des anderen wirklich der eigenen Person gilt:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Der andere schätzt nur das Bild, das er von mir hat.</strong></p>
<p>Beim vulnerablen Narzissmus könnte eine andere Befürchtung im Vordergrund stehen:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Der andere erkennt meinen Wert zu wenig und könnte mich deshalb zurückweisen.</strong></p>
<p>Beide Selbstbilder erschweren es, Anerkennung und Zuneigung dauerhaft als verlässlich zu erleben.</p>
<p>Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept kann positives Feedback kaum in sein Selbstbild aufnehmen. Der vulnerable Narzisst erlebt das erhaltene Maß an Anerkennung möglicherweise als unzureichend. So bleibt der Selbstwert in beiden Fällen auf Rückmeldungen angewiesen, ohne durch sie dauerhaft stabil zu werden.</p>
<p>Für grandiosen Narzissmus fanden die Forscher keine vergleichbaren bedeutsamen Auswirkungen auf die untersuchten Bindungsmerkmale.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_98  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Der gemeinsame Kern liegt im instabilen Selbstwert</h2>
<p>Die Studie zeigt, dass Selbstverkleinerung und Selbstüberhöhung weniger weit voneinander entfernt sein können, als ihr äußeres Erscheinungsbild vermuten lässt.</p>
<p>Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept macht sich kleiner, als seine Leistungen nahelegen. Der vulnerable Narzisst hält an der Vorstellung seiner besonderen Bedeutung fest und erlebt fehlende Bestätigung als Bedrohung.</p>
<p>In beiden Fällen bleibt das Selbstbild stark auf das soziale Umfeld ausgerichtet.</p>
<p>Der eine fragt:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wann merken die anderen, dass ich weniger kann, als sie glauben?</strong></p>
<p>Der andere fragt:</p>
<p style="padding-left: 40px;"><strong>Wann erkennen die anderen endlich, wie viel ich wert bin?</strong></p>
<p>Beide suchen im Urteil anderer nach Sicherheit. Diese Sicherheit bleibt jedoch brüchig, solange das innere Selbstbild Lob und Anerkennung kaum dauerhaft aufnehmen kann.</p>
<p>Hier liegt die psychologische Bedeutung der Studie. Sie zeigt, dass ähnliche innere Unsicherheiten unterschiedliche Formen annehmen können. Ein Mensch begegnet ihnen durch Selbstzweifel, ein anderer durch Selbstüberhöhung.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_99  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Was die Studie zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt</h2>
<p>Die Ergebnisse lenken den Blick auf eine grundlegende Aufgabe der Persönlichkeitsbildung: Ein Mensch braucht ein Selbstbild, das Erfolge ebenso aufnehmen kann wie Fehler.</p>
<p>Ein stabiles Selbstkonzept erlaubt ihm, Anerkennung anzunehmen, ohne von ihr abhängig zu werden. Es ermöglicht ihm, Kritik zu prüfen, ohne sich vollständig zu entwerten oder den Kritiker abzuwerten.</p>
<p>Die Studie deutet darauf hin, dass frühe Erfahrungen von Kontrolle und eingeschränkter Selbstständigkeit hierbei eine Rolle spielen könnten. Wer sich selbst nur begrenzt als Urheber seines Handelns erlebt, sucht später möglicherweise stärker im Urteil anderer nach einer Antwort auf die Frage, wer er ist.</p>
<p>Diese Überlegung reicht über die unmittelbaren Befunde der Studie hinaus. Sie eröffnet jedoch eine weiterführende Perspektive:</p>
<p>Weshalb reagiert ein Mensch auf einen unsicheren Selbstwert mit Selbstverkleinerung, während ein anderer sich durch Selbstüberhöhung schützt?</p>
<p>Diese Frage verdient eine eigene Betrachtung. Denn sie betrifft weit mehr als Narzissmus und Hochstaplergefühle. Sie führt zum Verhältnis zwischen Selbstwert, Fremdbestätigung, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmtheit.</p>
<h2>Grenzen der Studie</h2>
<p>Die Untersuchung liefert interessante Zusammenhänge. Sie kann jedoch keine eindeutigen Ursachen belegen.</p>
<p>Die Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Dadurch bleibt offen, ob bestimmte Erziehungsweisen tatsächlich zur Entwicklung der untersuchten Persönlichkeitsmerkmale beigetragen haben.</p>
<p>Ebenso denkbar ist, dass die heutige Persönlichkeit beeinflusst, wie Menschen ihre Kindheit rückblickend bewerten.</p>
<p>Hinzu kommen weitere Einschränkungen:</p>
<p>Die Angaben beruhten vollständig auf Selbstauskünften. Die Eltern selbst wurden nicht befragt. Die Stichprobe bestand überwiegend aus Frauen und Menschen mit akademischer Bildung. Dadurch lassen sich die Ergebnisse nur eingeschränkt auf die Gesamtbevölkerung übertragen.</p>
<p>Auch die beschriebenen Bindungsmuster erlauben keine eindeutige zeitliche Reihenfolge. Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Beziehungserleben. Sie kann jedoch kaum klären, welche Erfahrungen zuerst entstanden sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.</p>
<p>Für verlässlichere Aussagen wären Langzeitstudien erforderlich, die Menschen über mehrere Jahre begleiten und zusätzlich Einschätzungen von Eltern oder Partnern einbeziehen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_100  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Bedeutung der Ergebnisse</h2>
<p>Die Studie räumt mit einer allzu einfachen Gegenüberstellung auf.</p>
<p>Auf der einen Seite steht keineswegs nur der bescheidene Selbstzweifler. Auf der anderen Seite steht keineswegs nur der selbstverliebte Narzisst.</p>
<p>Zwischen beiden liegen unterschiedliche Formen eines Selbstbildes, das seinen eigenen Wert nur schwer aus sich heraus stabilisieren kann.</p>
<p>Das Impostor-Selbstkonzept und vulnerabler Narzissmus bleiben eigenständige psychologische Muster. Dennoch teilen sie wichtige Erfahrungen und Folgen: erinnerte Kontrolle und Überbehütung, ein starkes Bedürfnis nach äußerer Bestätigung, geringe Sicherheit in Beziehungen und die Schwierigkeit, ein stabiles Bild der eigenen Person aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Damit eröffnet die Studie eine neue Perspektive auf zwei scheinbare Gegensätze:</p>
<p>Der eine fürchtet, als Hochstapler entlarvt zu werden. Der andere fürchtet, in seiner Besonderheit übersehen zu werden. Beide erleben ihren Wert als abhängig vom Blick der anderen.</p></div>
			</div>
			</div>
				
				
				
				
			</div><div class="et_pb_row et_pb_row_39 study-comment-box">
				<div class="et_pb_column et_pb_column_4_4 et_pb_column_48  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit</h2>
<p>Die Studie zeigt, wie stark sich ein unsicherer Selbstwert auf unterschiedliche Weise ausdrücken kann. Der eine Mensch zweifelt an seinen Fähigkeiten, obwohl seine Leistungen für ihn sprechen. Der andere hält an der Vorstellung seiner besonderen Bedeutung fest und erlebt fehlende Anerkennung als Kränkung. Beide richten den Blick stark auf das Urteil ihrer Umgebung.</p>
<p>Damit berührt die Untersuchung eine zentrale Frage der Persönlichkeitsentwicklung:</p>
<p>Woraus bezieht ein Mensch die Gewissheit, etwas wert zu sein?</p>
<p>Ein tragfähiges Selbstbild entsteht weder allein durch Lob noch durch Erfolg. Beides kann stärken, solange der Mensch diese Erfahrungen innerlich aufnehmen und mit dem eigenen Handeln verbinden kann. Entscheidend ist das Erleben eigener Urheberschaft:</p>
<p>Ich habe entschieden.<br />Ich habe gehandelt.<br />Ich habe eine Wirkung erzielt.<br />Ich kann aus Fehlern lernen.<br />Ich darf Erfolge als meine Erfolge anerkennen.</p>
<p>Gerade diese Erfahrungen fördern Selbstwirksamkeit. Der Mensch erlebt sich als jemand, der sein Leben mitgestalten kann. Daraus wächst eine Form von Selbstvertrauen, die auf erlebter Kompetenz beruht und daher weniger von ständiger Bestätigung abhängt.</p>
<p>Kontrolle und Überbehütung können diesen Prozess erschweren. Wer häufig erlebt, dass andere Entscheidungen übernehmen, Risiken beseitigen und Schwierigkeiten vorsorglich aus dem Weg räumen, erhält weniger Gelegenheit, die eigenen Fähigkeiten unter realen Bedingungen zu erproben.</p>
<p>Dabei kann eine widersprüchliche Botschaft entstehen:</p>
<p>Du bist besonders wichtig – und zugleich kaum in der Lage, allein zurechtzukommen.</p>
<p>Aus dieser Spannung können verschiedene Selbstbilder hervorgehen. Ein Mensch könnte seine Fähigkeiten dauerhaft unterschätzen. Ein anderer könnte versuchen, seine Unsicherheit durch die Vorstellung eigener Besonderheit auszugleichen.</p>
<p>Selbstbestimmtheit bedeutet in diesem Zusammenhang weit mehr als Entscheidungsfreiheit. Sie beschreibt die Fähigkeit, das eigene Handeln als Ausdruck der eigenen Person zu erleben und Verantwortung für dessen Folgen zu übernehmen.</p>
<p>Ein selbstbestimmter Mensch braucht keineswegs auf Anerkennung zu verzichten. Rückmeldungen anderer bleiben wichtig. Sie können Orientierung geben, blinde Flecken sichtbar machen und persönliche Entwicklung fördern. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch:</p>
<p>Das Urteil anderer wird zu einer Information über die eigene Person. Es entscheidet weniger darüber, ob diese Person einen Wert besitzt.</p>
<p>Darin liegt ein wesentlicher Unterschied.</p>
<p>Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept zweifelt an positiven Rückmeldungen, weil sie kaum zu seinem inneren Selbstbild passen. Der vulnerable Narzisst erlebt Rückmeldungen als unzureichend, sobald sie seine gewünschte Besonderheit zu wenig bestätigen.</p>
<p>Beide bleiben dadurch eng an ihre soziale Umgebung gebunden. Die eine Person wartet auf die Entlarvung. Die andere wartet auf die angemessene Würdigung.</p>
<p>Selbstbestimmtheit beginnt dort, wo diese Abhängigkeit an Einfluss verliert. Ein Mensch kann dann Erfolge anerkennen, ohne sich über andere zu stellen. Er kann Schwächen betrachten, ohne daraus eine umfassende Abwertung seiner Person abzuleiten. Er kann Kritik prüfen, ohne sich reflexhaft zu verteidigen oder den Kritiker abzuwerten.</p>
<p>Ein stabiles Selbstbild entsteht aus dieser inneren Beweglichkeit. Es braucht weder dauerhafte Selbstverkleinerung noch ständige Selbstüberhöhung. Es erlaubt dem Menschen, sich in seinen Fähigkeiten und Grenzen realistisch zu sehen.</p>
<p>Die Studie liefert dafür einen wichtigen Hinweis: Persönlichkeit bildet sich keineswegs allein aus Eigenschaften. Sie entsteht auch aus wiederholten Erfahrungen darüber, wie viel Eigenständigkeit ein Mensch entwickeln durfte, wie sein Handeln bewertet wurde und ob er sich als Urheber seines Lebens erleben konnte.</p>
<p>Selbstbestimmtheit bedeutet daher auch, den eigenen Wert Schritt für Schritt aus der ausschließlichen Verfügung anderer zurückzugewinnen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2 style="box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px 0px 10px; border: 0px; outline: 0px; font-size: 26px; text-size-adjust: 100%; vertical-align: baseline; background: #ffffff; color: #333333; line-height: 1em; font-weight: 500; font-family: 'Open Sans', Arial, sans-serif; font-style: normal; font-variant-ligatures: normal; font-variant-caps: normal; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-indent: 0px; text-transform: none; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; text-decoration-thickness: initial; text-decoration-style: initial; text-decoration-color: initial;">Infobox zur Studie</h2>
<p style="box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px; border: 0px; outline: 0px; font-size: 16px; text-size-adjust: 100%; vertical-align: baseline; background: #ffffff; color: #666666; font-family: 'Open Sans', Arial, sans-serif; font-style: normal; font-variant-ligatures: normal; font-variant-caps: normal; font-weight: 500; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-indent: 0px; text-transform: none; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; text-decoration-thickness: initial; text-decoration-style: initial; text-decoration-color: initial;">Studieninformationen</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Forschungsfeld:</strong><br />Persönlichkeitspsychologie, Selbstkonzept und Bindungsforschung</p>
<p><strong>Journal:</strong><br /><em>Personality and Social Psychology Bulletin</em></p>
<p><strong>Veröffentlichung:</strong><br />23. Juli 2026</p>
<p><strong>Studientyp:</strong><br />Quantitative Querschnittsstudie mit Onlinebefragung</p></div>
			</div>
			</div><div class="et_pb_column et_pb_column_1_2 et_pb_column_51  et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough et-last-child">
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>Teilnehmerzahl:</strong><br />339 Personen im Alter von 16 bis 80 Jahren</p>
<p><strong>Originalstudie:</strong><br />Kristina Klug, Mona Leonhardt, Sophie Oprée, Sinem Rhein und Sonja Rohrmann: <em>Me, My Self (Concept), and I – Disentangling the Link Between Narcissism and the Impostor Self-Concept</em></p>
<p><strong>Link zur Studie:</strong><br /><a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/01461672261467836">https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/01461672261467836</a></p></div>
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			</div>
				
				
			</div></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de/2026/07/27/der-hochstapler-und-der-narzisst-fuerchten-dasselbe/">Der Hochstapler und der Narzisst fürchten dasselbe</a> erschien zuerst auf <a href="https://selbstbestimmtheit-buch.de">Selbstbestimmtheit Buch</a>.</p>
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