Eine Studie zeigt, wie moralische Bedrohung Abwehr auslösen kann – und warum Vorbilder Verantwortung erleichtern können

Wie reagieren Menschen, wenn sie erfahren, dass staatliche Institutionen ihres Landes einer Bevölkerungsgruppe über lange Zeit Unrecht zugefügt haben? Eine schwedische Studie über die Diskriminierung der Samen zeigt: Solche Informationen können Abwehr auslösen. Geschichten über Menschen, die sich damals anders verhielten, können dagegen den Wunsch stärken, heute selbst verantwortungsvoll zu handeln.

Die Studie

Die Psychologen Sabina Čehajić-Clancy von der Universität Stockholm und Andreas Olsson vom Karolinska Institut untersuchten, wie Schweden auf Informationen über die historische Diskriminierung der Samen reagieren. Die Samen sind die indigene Bevölkerung eines Gebietes, das sich über den Norden Schwedens, Norwegens, Finnlands und Russlands erstreckt.

Die Teilnehmer lasen zunächst einen Text über den Umgang des schwedischen Staates und der schwedischen Mehrheitsgesellschaft mit den Samen. Darin ging es unter anderem um die staatliche Kontrolle samischer Lebensräume, kulturelle Anpassung, rassistische Forschung und Benachteiligungen, deren Folgen teilweise bis in die Gegenwart reichen.

Die Studie untersuchte damit keine persönliche oder vererbte Schuld heutiger Schweden. Die Teilnehmer hatten die beschriebenen Handlungen weder begangen noch entschieden. Im Mittelpunkt stand vielmehr eine psychologische Frage:

Was geschieht, wenn historische Tatsachen das positive Bild jener Gesellschaft berühren, der sich ein Mensch zugehörig fühlt?

Die Sozialpsychologie spricht in diesem Zusammenhang von einer Eigengruppe. Damit ist eine Gruppe gemeint, mit der sich jemand verbunden fühlt – etwa eine Nation, eine politische Gemeinschaft, eine Religion oder ein soziales Umfeld. Aus dieser Verbundenheit folgt keine persönliche Haftung für alle Handlungen anderer Gruppenmitglieder. Sie kann jedoch beeinflussen, wie bereitwillig kritische Informationen aufgenommen werden.

Frühere Forschungen zeigen, dass Menschen auf belastende Informationen über ihre Eigengruppe häufig mit Rechtfertigung, Verharmlosung oder einer Abwertung der Betroffenen reagieren. Dadurch bleibt das positive Bild der eigenen Gemeinschaft erhalten. Die Forscher wollten herausfinden, ob moralische Vorbilder einen anderen Umgang mit solchen Informationen fördern können.

Dafür führten sie drei Untersuchungen mit insgesamt 625 schwedischen Teilnehmern durch. Die erste Untersuchung mit 129 Personen erfasste vor allem psychologische Zusammenhänge. Die zweite Studie mit 210 und die dritte mit 286 Teilnehmern waren als Experimente mit Vergleichsgruppen angelegt. Die Daten wurden zwischen Oktober 2020 und Dezember 2021 erhoben.

In den beiden Experimenten las eine Gruppe drei Geschichten über Schweden, die einem Angehörigen der samischen Bevölkerung unter persönlichem Risiko geholfen hatten. Diese Personen dienten als moralische Vorbilder. Die Kontrollgruppe las neutrale Beschreibungen über den Alltag derselben Menschen.

Anschließend untersuchten die Forscher unter anderem:

    • welche Bedeutung moralische Eigenschaften für das persönliche Selbstbild hatten,
    • wie moralisch die Teilnehmer die schwedische Bevölkerung insgesamt einschätzten,
    • welche Gefühle die Informationen über die Diskriminierung auslösten,
    • wie stark sie politische und gesellschaftliche Ausgleichsmaßnahmen unterstützten,
    • und wie bereit sie waren, ihre Vergütung zugunsten der Samen zu spenden.

Was bedeutet moralische Identität?

Unter einer moralischen Identität verstehen die Forscher ein Selbstbild, in dem Eigenschaften wie Fürsorglichkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Güte und moralisches Handeln eine wichtige Rolle spielen.

Die entscheidende Frage lautet: Wie wichtig ist es für mich persönlich, nach diesen Eigenschaften zu handeln?

Davon unterschieden die Forscher die moralische Bewertung der gesamten schwedischen Bevölkerung. Hier ging es um die Frage: Halte ich Schweden allgemein für gute und moralische Menschen?

Beide Vorstellungen klingen ähnlich. Psychologisch führen sie jedoch in unterschiedliche Richtungen.

Die persönliche moralische Identität kann das eigene Verhalten beeinflussen. Das positive Bild der gesamten Gruppe kann dagegen auch zu einer Schutzbehauptung werden: Wenn „wir“ grundsätzlich zu den Guten gehören, erscheinen Hinweise auf problematisches Verhalten schnell als ungerechtfertigter Angriff.

Zentrale Ergebnisse

Die Geschichten über moralische Vorbilder stärkten vor allem die persönliche moralische Identität. Teilnehmer, die von hilfsbereiten und mutigen Schweden gelesen hatten, maßen Eigenschaften wie Mitgefühl, Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft anschließend eine größere Bedeutung für ihr eigenes Selbstbild bei.

Dieser Effekt zeigte sich in beiden Experimenten. In der zweiten Studie fiel er stärker aus, in der dritten etwas schwächer.

Entscheidend war, was daraus folgte: Je stärker die persönliche moralische Identität aktiviert wurde, desto eher unterstützten die Teilnehmer Maßnahmen zugunsten der samischen Bevölkerung. Dazu gehörten finanzielle Ausgleichszahlungen, staatliche Entschuldigungen, Bildungsprogramme sowie Maßnahmen für bessere Chancen in Bildung und Beruf.

Die Vorbildgeschichten erhöhten diese Zustimmung allerdings kaum auf direktem Weg. Ihre Wirkung entfaltete sich über die persönliche moralische Identität:

Die Vorbilder bewegten die Teilnehmer vor allem dann, wenn sie in ihnen den Wunsch weckten, selbst fürsorglich und verantwortungsvoll zu handeln.

In der dritten Studie wurden die Teilnehmer außerdem gefragt, in welchem Umfang sie bereit wären, ihre Vergütung von 50 schwedischen Kronen für Projekte zugunsten der Samen zu spenden. Auch hier zeigte sich ein positiver indirekter Zusammenhang über die persönliche moralische Identität.

Die Autoren bezeichnen diese Angabe als Annäherung an tatsächliches Verhalten. Gemessen wurde jedoch die erklärte Spendenbereitschaft auf einer fünfstufigen Skala. Aus dem Studienbericht geht nicht hervor, wie viele Teilnehmer ihre Vergütung anschließend wirklich übertrugen. Die Ergebnisse beschreiben daher vor allem eine konkrete Handlungsbereitschaft.

Besonders aufschlussreich ist ein weiterer Befund: Die Geschichten führten kaum dazu, dass die Teilnehmer die schwedische Bevölkerung insgesamt für moralischer hielten.

Die Wirkung lautete also weniger: Wir Schweden sind gute Menschen.

Sie lautete eher: Ich möchte selbst ein fürsorglicher und verantwortungsvoller Mensch sein.

Genau diese persönliche Orientierung stand mit größerer Hilfs- und Unterstützungsbereitschaft in Verbindung. Ein besonders positives moralisches Bild der gesamten Gruppe zeigte diesen förderlichen Zusammenhang dagegen kaum. In den ersten beiden Studien deutete sich sogar die umgekehrte Richtung an: Je moralischer die Teilnehmer die eigene nationale Gemeinschaft einschätzten, desto geringer fiel teilweise ihre Unterstützung für Ausgleichsmaßnahmen aus.

Schuldgefühl und Verantwortung sind verschiedene Ebenen

Die Forscher erfassten auch sogenannte gruppenbezogene Schuldgefühle. Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie sich aufgrund ihrer Verbindung zu Schweden angesichts der Diskriminierung und bestehender Ungleichheiten schuldig fühlten.

Dieser wissenschaftliche Messbegriff enthält noch keine Aussage darüber, ob ein solches Gefühl moralisch angemessen, politisch wünschenswert oder persönlich begründet ist. Er beschreibt zunächst eine emotionale Reaktion, die manche Menschen empfinden und andere kaum oder gar nicht.

Stärkere gruppenbezogene Schuldgefühle gingen mit einer höheren Unterstützung für Ausgleichsmaßnahmen einher. Die persönliche moralische Identität zeigte jedoch einen eigenen Zusammenhang mit verantwortlichem Handeln, der auch nach Berücksichtigung dieser Schuldgefühle erhalten blieb.

Damit macht die Studie einen wichtigen Unterschied sichtbar:

Schuld fragt danach, wer eine Handlung verursacht hat.

Verantwortung fragt danach, wie ein Mensch mit einer bestehenden Situation umgehen möchte.

Heutige Schweden tragen keine persönliche Schuld für Entscheidungen früherer Generationen. Sie können dennoch darüber nachdenken, welche Folgen bis heute bestehen und welche gegenwärtige Haltung sie dazu einnehmen. Verantwortung entsteht dann aus einer eigenen Entscheidung und nicht aus einer zugeschriebenen Erbschuld.

Bedeutung der Ergebnisse

Die Studie beschreibt ein grundlegendes Spannungsfeld. Menschen möchten sich selbst und die Gemeinschaften, denen sie sich verbunden fühlen, als anständig erleben. Werden sie mit gegenteiligen Informationen konfrontiert, kann ein Konflikt entstehen.

Die Aufmerksamkeit richtet sich dann häufig weniger auf das Geschehen als auf die Verteidigung der eigenen Identität:

    • War es wirklich so schlimm?
    • Waren andere Gruppen nicht ebenso beteiligt?
    • Warum soll ich mich heute damit beschäftigen?
    • Soll mir hier eine Schuld zugeschrieben werden?
    • Dient die Darstellung politischen Interessen?

Solche Fragen können berechtigt sein. Historische Aussagen verdienen eine sachliche Prüfung. Zugleich können dieselben Fragen als Schutzschild dienen, wenn sie jede Beschäftigung mit unbequemen Informationen bereits im Ansatz beenden.

Moralische Vorbilder eröffnen offenbar einen anderen Zugang. Sie zeigen, dass Menschen innerhalb derselben Gesellschaft auch unter schwierigen Bedingungen Handlungsspielräume besaßen. Der Einzelne erhält dadurch ein positives Modell:

Andere haben sich für Menschlichkeit entschieden. Auch ich besitze eine Wahl.

Das Vorbild dient damit weniger als Beweis für die moralische Güte der gesamten Gruppe. Es eröffnet eine persönliche Möglichkeit. Moral wird von einer Auszeichnung zu einer Orientierung.

Darin liegt eine wichtige Erkenntnis für gesellschaftliche Debatten. Wer Menschen ausschließlich beschämt oder ihnen eine feststehende moralische Identität zuschreibt, kann Abwehr verstärken. Wer problematische Tatsachen klar benennt und zugleich Handlungsmöglichkeiten sichtbar macht, fördert eher eine eigenständige Auseinandersetzung.

Die Ergebnisse besitzen dennoch klare Grenzen. Die beobachteten Effekte waren klein und nach Einschätzung der Autoren nur begrenzt robust. Zudem bleibt offen, wie lange sie anhalten. Alle Untersuchungen fanden in Schweden statt und bezogen sich auf das besondere Verhältnis zwischen der schwedischen Mehrheitsgesellschaft und den Samen. Eine Übertragung auf andere Länder, historische Erfahrungen oder aktuelle politische Konflikte braucht weitere Forschung.

Auch moralische Vorbilder können der Abwehr dienen. Menschen mit einer besonders starken Bindung an ihre Gruppe könnten sich ausschließlich auf die positiven Beispiele konzentrieren und dadurch das problematische Verhalten anderer Gruppenmitglieder ausblenden. Die Autoren nennen diese Möglichkeit ausdrücklich als offene Forschungsfrage.

Eigene Einordnung zu Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit

Persönlichkeitsentwicklung beginnt mit der Fähigkeit, das eigene Selbstbild beweglich zu halten. Wer sich bereits als guter, gerechter oder besonders aufgeklärter Mensch definiert, kann jede gegenteilige Information als Angriff erleben. Das moralische Selbstbild, das Orientierung geben könnte, verwandelt sich dann in einen Schutzwall.

Ein stabiles Selbst entsteht dagegen durch die Fähigkeit, neue Erkenntnisse aufzunehmen, das eigene Urteil zu überprüfen und daraus eine bewusste Entscheidung abzuleiten.

Die Studie verdeutlicht damit einen wichtigen Unterschied:

Es ist etwas anderes, sich für moralisch zu halten, als sich am moralischen Handeln zu orientieren.

Die erste Haltung bewahrt ein Bild. Die zweite ermöglicht Entwicklung.

Selbstbestimmtheit zeigt sich gerade in diesem Zwischenraum. Ein selbstbestimmter Mensch braucht weder eine fremde Schuldzuweisung zu übernehmen noch jede kritische Information reflexhaft abzuwehren. Er kann prüfen, differenzieren und anschließend entscheiden, welche Haltung er vertreten möchte.

Darin zeigt sich eine Verbindung zur Reflexaporia. Eine Aussage kann bereits deshalb reflexhaft zurückgewiesen werden, weil sie mit einem vertrauten und emotional belasteten Deutungsrahmen verbunden wird. Die sachliche Prüfung beginnt dann erst nach der inneren Abwehr – sofern ein kurzer Moment des Innehaltens diesen Automatismus unterbricht.

Der Titel der Studie spricht von „Threaten and affirm“, sinngemäß also von „Bedrohen und bestärken“. Mit der Bedrohung ist kein äußerer Zwang gemeint. Die Forscher gehen davon aus, dass Informationen über problematisches Verhalten der eigenen Gemeinschaft deren positives moralisches Bild erschüttern können.

Direkt gemessen wurde diese Bedrohung allerdings kaum. Alle Teilnehmer erhielten zunächst dieselben Informationen über die Diskriminierung der Samen. Es gab keine Vergleichsgruppe, die diesen Text nicht las. Die Studie zeigt daher deutlicher, wie moralische Vorbilder die persönliche moralische Identität stärken können, als dass zuvor tatsächlich eine messbare Bedrohung entstanden war.

Bemerkenswert ist außerdem, dass vermutlich zwei verschiedene Ebenen berührt wurden. Die Informationen über das historische Unrecht stellten möglicherweise das moralische Bild der schwedischen Gesellschaft infrage. Die Vorbilder stärkten anschließend jedoch vor allem die moralische Orientierung des Einzelnen.

Die innere Frage verschob sich damit möglicherweise von:

Gehört meine Gemeinschaft noch zu den Guten?

zu:

Wie möchte ich selbst handeln?

Dieser Mechanismus lässt sich auch in anderen Gruppen beobachten.

Anhänger einer politischen Partei können Fehlverhalten aus den eigenen Reihen relativieren, weil es das positive Bild ihrer politischen Seite berührt. Ein angesehenes Parteimitglied, das den Fehler offen benennt und Konsequenzen fordert, zeigt dagegen, dass Zugehörigkeit und Verantwortungsübernahme miteinander vereinbar sind.

Ähnliches gilt für Aufklärungs- oder Protestbewegungen. Eine Gemeinschaft, die sich als besonders kritisch und wahrheitsorientiert versteht, kann Hinweise auf eigene Irrtümer als Angriff erleben. Ein Mitglied, das falsche Aussagen offen korrigiert und die eigenen Quellen ebenso streng prüft wie die der Gegenseite, verkörpert eine andere Form von Glaubwürdigkeit.

Auch Unternehmen, Berufsgruppen oder Vereine entwickeln ein positives Selbstbild. Werden Missstände bekannt, kann Loyalität mit Verteidigung verwechselt werden. Ein glaubwürdiges Mitglied, das Probleme anspricht und Veränderungen anstößt, macht sichtbar, dass echte Verbundenheit auch Verantwortung einschließt.

Moralische Vorbilder geben einer Gruppe daher keinen pauschalen Freispruch. Ihre Stärke liegt darin, dem Einzelnen eine Handlungsmöglichkeit zu zeigen. Sie sagen weniger:

Unsere Gruppe ist gut.

Sie vermitteln vielmehr:

Innerhalb dieser Gruppe ist verantwortungsvolles Handeln möglich.

Auch die selbstexkulpierende Problemwahrnehmung berührt diesen Mechanismus. Wer Ursachen und Verantwortung bevorzugt bei anderen verortet, bewahrt ein positives Bild der eigenen Person oder Gemeinschaft. Der eigene Handlungsspielraum schrumpft dabei aus dem Blickfeld.

Moralische Vorbilder können diesen Kreislauf unter günstigen Bedingungen unterbrechen. Sie verschieben die Aufmerksamkeit von der Verteidigung der eigenen Zugehörigkeit zur persönlichen Gestaltungsmöglichkeit.

Der zentrale Gedanke lautet:

Verantwortung wächst dort, wo Moral ihren Charakter als Gruppenauszeichnung verliert und wieder zu einer Orientierung für das eigene Handeln wird.

Infobox zur Studie

Studieninformationen

Forschungsfeld: Sozialpsychologie, Gruppenpsychologie und moralische Identität
Journal: Group Processes & Intergroup Relations
Veröffentlichung: Online am 10. Juni 2023; Zeitschriftenausgabe Januar 2024
Studientyp: Drei Untersuchungen; eine Korrelationsstudie und zwei Experimente

Teilnehmerzahl: Insgesamt 625 Teilnehmer
Forscher: Sabina Čehajić-Clancy und Andreas Olsson
Originalstudie: Threaten and affirm: The role of ingroup moral exemplars for promoting prosocial intergroup behavior through affirming moral identity
Link zur Studie: Originalstudie bei SAGE Journals