Was antike Sagen über Mut, Versuchung und Persönlichkeitsbildung erzählen

Ein Jugendlicher sitzt am Küchentisch. Vor ihm liegt ein Buch, daneben sein Smartphone. Das Buch verspricht eine Geschichte, für die er Zeit, Konzentration und Vorstellungskraft braucht. Das Smartphone bietet ihm innerhalb weniger Sekunden Unterhaltung, Ablenkung und den nächsten Reiz.

Die Entscheidung zwischen beiden wirkt zunächst belanglos. Doch sie berührt eine weit größere Frage: Woran gewöhnt sich seine Aufmerksamkeit? Welche inneren Bilder entstehen in ihm? Und welche Geschichten helfen ihm später dabei, sich in einer Welt zurechtzufinden, die selten so übersichtlich ist, wie sie auf einem Bildschirm erscheint?

In einem kurzen Video stellt Henning Baum Gustav Schwabs Buch „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ vor. Seine Empfehlung verbindet er mit einer Warnung an Eltern und Lehrer: Junge Menschen bräuchten wieder Geschichten, die ihnen Werte, Orientierung und innere Stärke vermitteln.

Seine Sprache ist zugespitzt. Er warnt davor, dass Jungen zu „Weicheiern“ heranwachsen könnten, weil sie ständig auf ihr Smartphone schauen und kaum noch wahrnehmen, was um sie herum geschieht. Zugleich fragt er, wie sie auf diese Weise zu tüchtigen, verantwortungsvollen, starken und liebevollen Männern werden sollen.

Die Wortwahl mag provozieren. Hinter ihr liegt jedoch eine ernsthafte Frage: Welche Erfahrungen, Geschichten und Werte brauchen junge Menschen, um innere Stärke, Orientierung und Verantwortungsgefühl zu entwickeln?

Henning Baums Antwort lautet: Gebt ihnen die Odyssee zu lesen.

Ein altes Buch für eine neue Unübersichtlichkeit

Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ gehört zu jenen Büchern, die über Generationen hinweg gelesen, vorgelesen und weitergegeben wurden. Es erzählt von Prometheus und Herakles, von Ödipus und Antigone, vom Trojanischen Krieg, von Achilles, Odysseus und vielen anderen Gestalten der griechischen Mythologie.

Diese Geschichten stammen aus einer fernen Welt. Ihre Figuren kämpfen gegen Ungeheuer, geraten in den Zorn der Götter, ziehen in Kriege, begegnen Orakeln oder irren über unbekannte Meere.

Und doch handeln sie von Erfahrungen, die bis heute vertraut sind.

Sie erzählen von Eifersucht und Treue, von Macht und Ohnmacht, von Mut und Übermut, von Verlust, Versuchung, Rache, Liebe, Schuld und Heimkehr. Ihre äußere Welt wirkt fremd. Ihre innere Welt ist erschreckend gegenwärtig.

Gerade darin liegt ihre Bedeutung.

Die antiken Sagen erklären dem Leser selten unmittelbar, wie er sich verhalten soll. Sie stellen ihm keine moralische Gebrauchsanweisung zur Verfügung. Stattdessen zeigen sie, was geschieht, wenn ein Mensch seinen Zorn über alles andere stellt, wenn er Warnungen überhört, sich selbst überschätzt oder einem verlockenden Versprechen folgt.

Sie zeigen auch, was Treue kosten kann, wie lange Hoffnung tragen muss und weshalb Klugheit allein keinen guten Charakter hervorbringt.

Das macht sie für die Persönlichkeitsbildung wertvoll. Denn Persönlichkeit entsteht weniger durch Regeln, die ein Mensch auswendig lernt, als durch Vorstellungen davon, wer er sein möchte und was sein Handeln bewirken kann.

Werte brauchen Geschichten

Ein Erwachsener kann einem jungen Menschen sagen: Sei mutig. Sei treu. Übernimm Verantwortung. Lass Dich nicht verführen. Denke an die Folgen Deines Handelns.

Solche Sätze sind sinnvoll. Sie bleiben jedoch abstrakt, solange sie keine innere Gestalt annehmen.

Eine Geschichte macht aus einem Begriff eine Erfahrung.

Sie zeigt, dass Mut auch Angst enthält. Sie zeigt, dass Treue Geduld verlangen kann. Sie zeigt, dass eine Versuchung gerade deshalb gefährlich wird, weil sie sich angenehm anfühlt. Und sie zeigt, dass Verantwortung oft erst dort beginnt, wo ein Mensch die Folgen seiner eigenen Entscheidung betrachtet.

Geschichten schaffen innere Modelle. Ein junger Mensch erlebt in ihnen, wie jemand unter Druck handelt, wie aus einer kleinen Entscheidung eine Katastrophe entsteht oder wie ein Mensch trotz Verlust und Irrtum seinen Weg fortsetzt.

Dabei geschieht etwas, das sich kaum messen lässt und dennoch tief wirkt: Der Leser prüft sich selbst.

Was hätte ich getan?

Wäre ich standhaft geblieben?

Hätte ich dem Versprechen geglaubt?

Wäre ich umgekehrt?

Hätte ich meinen Fehler eingestanden?

Solche Fragen entstehen oft leise. Niemand muss sie stellen. Die Geschichte selbst bringt sie hervor.

Geschichten geben keine fertige Persönlichkeit vor.

Sie schaffen innere Bilder, an denen Persönlichkeit wachsen kann.

Odysseus: Held, Irrender und Suchender

Henning Baum bezeichnet die Odyssee als die beste Geschichte des Buches. Er sieht in ihr eine Erzählung über Prüfungen, Verluste, Freude, Rausch, Liebe und die Sehnsucht nach Heimat. Der Mensch werde all diesen Erfahrungen im Leben begegnen und brauche Werte, um sich in ihnen zurechtzufinden.

Odysseus eignet sich tatsächlich als Leitfigur für einen Beitrag über Persönlichkeitsbildung. Allerdings gerade deshalb, weil er kein makelloser Held ist.

Er ist mutig, klug und ausdauernd. Zugleich ist er stolz, listig, gelegentlich grausam und anfällig für Selbstüberschätzung. Er gewinnt durch seinen Verstand und bringt sich durch seinen Hochmut erneut in Gefahr.

Seine Geschichte erzählt deshalb mehr als den Weg eines starken Mannes. Sie erzählt von einem Menschen, der sich immer wieder selbst im Weg steht.

Die Sirenen: Verlockung ohne Richtung

Die Sirenen versprechen Wissen, Lust und Faszination. Ihr Gesang zieht den Menschen an und führt ihn zugleich ins Verderben.

Odysseus kennt die Gefahr. Er lässt seine Gefährten die Ohren mit Wachs verschließen und sich selbst an den Mast binden. Er möchte den Gesang hören, ohne ihm folgen zu können.

Darin steckt ein erstaunlich moderner Gedanke: Der Mensch erkennt seine eigene Anfälligkeit und schafft eine äußere Begrenzung, bevor die Versuchung ihre volle Kraft entfaltet.

Viele Menschen kennen dieses Muster aus ihrem Alltag. Sie greifen zum Smartphone, obwohl sie nur kurz etwas nachsehen wollten. Aus wenigen Minuten wird eine Stunde. Die Aufmerksamkeit folgt dem nächsten Reiz, dann dem nächsten und schließlich einem weiteren.

Die Sirenen der Gegenwart singen selten aus dem Meer. Sie leuchten auf einem Bildschirm.

Der entscheidende Punkt liegt dabei weniger im Gerät als in der menschlichen Empfänglichkeit. Verlockung funktioniert, weil sie etwas in uns anspricht. Sie verspricht Entlastung, Anerkennung, Unterhaltung oder das angenehme Gefühl, für einen Moment nichts entscheiden zu müssen.

Odysseus zeigt: Selbstkenntnis bedeutet auch, die eigene Verführbarkeit ernst zu nehmen.

Der Zyklop: Klugheit und Übermut

In der Höhle des Zyklopen rettet Odysseus sich und seine Gefährten durch Einfallsreichtum. Er nennt sich „Niemand“, blendet den Riesen und kann entkommen.

Sein Plan gelingt.

Doch als das Schiff bereits auf dem Meer ist, verspottet Odysseus den Zyklopen und verrät aus Stolz seinen wirklichen Namen. Damit ruft er neues Unheil hervor.

Diese Szene enthält eine bittere Wahrheit: Ein Mensch kann eine schwierige Situation erfolgreich bewältigen und kurz darauf an seinem eigenen Bedürfnis nach Anerkennung scheitern.

Odysseus möchte, dass sein Gegner weiß, wer ihn besiegt hat. Der Sieg allein reicht ihm nicht. Er möchte auch den Ruhm.

Seine Klugheit rettet ihn. Sein Stolz verlängert seinen Leidensweg.

Persönliche Stärke zeigt sich deshalb weniger darin, immer zu gewinnen. Sie zeigt sich auch darin, einen Erfolg tragen zu können, ohne ihn in Überheblichkeit zu verwandeln.

Ithaka: Das Ziel hinter allen Umwegen

Odysseus begegnet auf seiner Reise zahlreichen Versuchungen. Er könnte verweilen, vergessen oder sich mit einem anderen Leben zufriedengeben. Dennoch bleibt Ithaka sein innerer Bezugspunkt.

Ithaka steht für Heimat, Bindung und Zugehörigkeit. Es ist jener Ort, an den er zurückkehren möchte, obwohl der Weg lang, gefährlich und voller Ablenkungen ist.

Darin liegt eine Frage, die auch junge Menschen betrifft:

Wohin will ich eigentlich?

Ein Mensch, der kein inneres Ziel besitzt, folgt leichter jedem äußeren Reiz. Er verwechselt Bewegung mit Richtung und Abwechslung mit Entwicklung.

Ithaka muss dabei kein geografischer Ort sein. Es kann für eine Vorstellung vom eigenen Leben stehen. Für Beziehungen, die Bestand haben sollen. Für Werte, die einen Menschen auch dann leiten, wenn niemand zusieht. Für eine Tätigkeit, der er Bedeutung gibt. Oder für den Wunsch, nach vielen Umwegen wieder bei sich selbst anzukommen.

Odysseus kehrt schließlich nach Hause zurück. Doch er ist nicht mehr derselbe, der einst aufgebrochen ist.

Die Heimkehr führt ihn an den Ausgangspunkt zurück – und zugleich zu einem veränderten Selbst.

Was ist heute ein Held?

Der Begriff des Helden wirkt heute zwiespältig.

Helden werden bewundert, vermarktet und in immer neuen Filmen inszeniert. Häufig besitzen sie außergewöhnliche Kräfte, besiegen ihre Gegner und retten am Ende die Welt.

Doch solche Figuren helfen nur begrenzt bei der Orientierung im eigenen Leben. Die meisten Menschen werden weder gegen Titanen kämpfen noch durch Galaxien reisen. Sie erleben ihre Prüfungen an anderen Orten: in der Familie, in der Schule, im Beruf, in Beziehungen und in den stillen Entscheidungen des Alltags.

Ein Held im lebenspraktischen Sinn ist deshalb weniger ein Mensch ohne Angst. Er ist ein Mensch, der sich trotz seiner Angst einer Aufgabe stellt.

Stärke zeigt sich dann in vielen Formen:

Ein junger Mensch widerspricht seiner Gruppe, obwohl er dazugehören möchte.

Ein Vater entschuldigt sich bei seinem Kind.

Ein Freund bleibt, wenn die anderen gehen.

Ein Mensch verzichtet auf einen Vorteil, weil er dafür einen anderen verraten müsste.

Jemand übernimmt die Folgen einer Entscheidung, anstatt die Schuld weiterzureichen.

Solche Handlungen wirken selten spektakulär. Sie verlangen dennoch Mut.

Die antiken Helden sind wertvoll, weil sie diese Spannungen sichtbar machen. Sie sind weder makellose Vorbilder noch bloße Sieger. Sie irren, scheitern und verletzen andere. Manche erkennen ihre Fehler. Andere gehen an ihnen zugrunde.

Gerade dadurch entsteht ein realistischerer Heldenbegriff.

Persönlichkeit zeigt sich selten in vollkommener moralischer Reinheit. Sie zeigt sich in der Art, wie ein Mensch mit seinen Widersprüchen umgeht.

Brauchen vor allem Jungen solche Geschichten?

Henning Baum richtet seine Aufforderung besonders an Eltern von Jungen. Seine Sorge gilt der Frage, wie aus ihnen starke, verantwortungsvolle und liebevolle Männer werden können.

Dieser Fokus besitzt seine Berechtigung. Jungen brauchen Vorstellungen von Männlichkeit, die über körperliche Stärke, Dominanz und äußeren Erfolg hinausreichen.

Ein reifer Mann kann sich behaupten und zugleich Fürsorge zeigen. Er kann Grenzen setzen und Verantwortung tragen. Er kann seine Gefühle wahrnehmen, ohne sich vollständig von ihnen bestimmen zu lassen. Er schützt andere, ohne daraus Herrschaft abzuleiten.

Doch die Grundthemen der antiken Sagen betreffen auch Mädchen.

Mut, Treue, Widerstand, Macht, Verlust und Selbstbestimmung besitzen kein Geschlecht. Figuren wie Antigone, Penelope, Kassandra oder Ariadne eröffnen eigene Perspektiven auf Loyalität, gesellschaftliche Erwartungen und innere Unabhängigkeit.

Junge Menschen brauchen daher keine einheitlichen Heldenbilder. Sie brauchen Geschichten, die verschiedene Möglichkeiten des Menschseins sichtbar machen.

Das Smartphone als Konkurrent der inneren Bilder

Henning Baum stellt das Buch dem Smartphone gegenüber. Diese Gegenüberstellung wirkt zunächst vereinfachend. Schließlich kann ein Smartphone auch Zugang zu Wissen, Literatur und wertvollen Gesprächen eröffnen. Und ausgerechnet ein Shortvideo hat dazu geführt, dass ein fast zweihundert Jahre altes Buch erneut Aufmerksamkeit bekommt.

Darin liegt eine bemerkenswerte Ironie: Das digitale Medium ruft zur Rückkehr zum Lesen auf.

Das eigentliche Problem liegt deshalb weniger im Smartphone als in einer Form der Nutzung, die den Menschen an kurze Reize gewöhnt.

Ein Buch verlangt, dass der Leser bei einer Sache bleibt. Er muss Zusammenhänge erinnern, Figuren über längere Zeit begleiten und innere Bilder entstehen lassen. Er erlebt Phasen, in denen wenig geschieht. Er hält Spannung aus, ohne sofort belohnt zu werden.

Kurze digitale Inhalte funktionieren häufig anders. Sie wechseln rasch, setzen starke Reize und versuchen, die Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Der Nutzer bleibt aktiv beschäftigt und zugleich erstaunlich passiv. Er wischt, schaut, reagiert und empfängt.

Das Buch fordert eine andere innere Beteiligung.

Das Smartphone zeigt Bilder. Das Buch fordert den Leser auf, eigene Bilder hervorzubringen.

Diese Fähigkeit zur inneren Vorstellung besitzt große Bedeutung. Wer liest, erschafft Räume, Stimmen, Gesichter und Stimmungen im eigenen Bewusstsein. Die Geschichte wird dadurch ein Stück weit zu seiner eigenen.

Das stärkt keine Persönlichkeit automatisch. Es schafft jedoch einen Raum, in dem sie sich entfalten kann.

Die Jugend trägt diese Verantwortung nicht allein

Die Klage über „die Jugend von heute“ ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Jede Generation entdeckt irgendwann, dass die nächste Generation anders spricht, andere Gewohnheiten entwickelt und scheinbar weniger belastbar ist.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, wer die Bedingungen geschaffen hat, unter denen junge Menschen aufwachsen.

Kinder haben weder soziale Netzwerke erfunden noch Geschäftsmodelle entwickelt, die ihre Aufmerksamkeit möglichst lange binden sollen. Sie haben auch den Alltag vieler Familien nicht so organisiert, dass gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche und Vorlesen immer seltener werden.

Erwachsene stellen die Geräte bereit. Erwachsene nutzen sie selbst. Erwachsene zeigen durch ihr Verhalten, welchen Stellenwert Konzentration, Lesen und persönliche Begegnung besitzen.

Wer Kindern ständig digitale Unterhaltung anbietet und später ihre geringe Lesebereitschaft beklagt, betrachtet deshalb nur eine Seite des Zusammenhangs.

Dabei geht es weniger um Schuld als um Vorbildwirkung.

Ein Großvater, der seinem Enkel von Odysseus erzählt, vermittelt mehr als den Inhalt einer Sage. Er zeigt, dass diese Geschichte für ihn selbst Bedeutung besitzt.

Eine Mutter, die mit ihrer Tochter über Antigone spricht, eröffnet einen Raum für die Frage, wann persönliches Gewissen wichtiger wird als gesellschaftliche Anpassung.

Ein Lehrer, der Ikaros mit moderner Selbstüberschätzung verbindet, macht aus einem alten Mythos eine gegenwärtige Erfahrung.

Geschichten wirken besonders stark, wenn Menschen sie miteinander teilen.

Henning Baum erzählt, dass sein Großvater ihm Gustav Schwabs Sagen vorgelesen hat. Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Grund, weshalb ihm die Odyssee bis heute so wichtig ist.

Er erinnert sich kaum nur an ein Buch. Er erinnert sich an eine Beziehung.

Alte Geschichten für eine technologische Zukunft

Die Forderung, junge Menschen sollten wieder antike Sagen lesen, kann nostalgisch klingen. Als läge die Lösung unserer Gegenwartsprobleme in einer Rückkehr zu einer vermeintlich besseren Vergangenheit.

Darum geht es jedoch kaum.

Junge Menschen werden in einer Welt leben, die stärker von künstlicher Intelligenz, digitaler Steuerung und technologischen Möglichkeiten geprägt ist als jede Generation zuvor. Gerade deshalb brauchen sie ein Verständnis jener menschlichen Kräfte, die sich durch technischen Fortschritt kaum verändern: Geltungsbedürfnis, Angst, Verführbarkeit, Machtstreben, Gruppendruck, Liebe, Loyalität und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Technik verändert die Umgebung des Menschen. Die grundlegenden Konflikte seiner Innenwelt bleiben erstaunlich beständig.

Die antiken Sagen sind deshalb keine Flucht aus der Moderne. Sie können eine Vorbereitung auf sie sein.

Sie erinnern daran, dass jede Macht eine Versuchung enthält. Dass Wissen Klugheit verlangt. Dass Freiheit ohne Selbstbegrenzung in Selbstzerstörung kippen kann. Und dass ein Mensch auf jedem Weg ein inneres Ithaka braucht.

Selbstbestimmtheit braucht ein inneres Ithaka

Odysseus wird auf seiner Reise von äußeren Mächten bedrängt. Stürme werfen ihn zurück, Götter greifen ein, Gegner bedrohen ihn und Verlockungen versuchen, ihn von seinem Weg abzubringen. Dennoch besitzt er etwas, das ihm immer wieder Richtung gibt: die Vorstellung von Ithaka.

Selbstbestimmtheit bedeutet ebenfalls, inmitten äußerer Einflüsse eine eigene Richtung zu bewahren. Sie zeigt sich weniger darin, frei von jeder Beeinflussung zu sein. Ein solcher Zustand wäre kaum erreichbar. Sie zeigt sich vielmehr darin, Einflüsse wahrzunehmen, sie einzuordnen und bewusst zu entscheiden, welchen von ihnen man folgt.

Gerade junge Menschen wachsen heute in einer Umgebung auf, die unablässig um ihre Aufmerksamkeit wirbt. Plattformen, Werbung, Gruppenmeinungen und digitale Reize bieten fortwährend neue Ziele an. Vieles davon wirkt attraktiv, manches nützlich, anderes lenkt vom eigenen Weg ab. Wer seine inneren Maßstäbe kaum kennt, übernimmt leicht die Richtung, die ihm gerade angeboten wird.

Geschichten wie die Odyssee können dabei keine fertige Orientierung liefern. Sie können jedoch die Fähigkeit stärken, über Orientierung nachzudenken. Der Leser erlebt, wie Verlockung wirkt, wie Übermut Entscheidungen verändert und wie wichtig ein Ziel werden kann, das über den gegenwärtigen Augenblick hinausweist.

Persönlichkeit bildet sich dort, wo ein Mensch beginnt, seine eigenen Beweggründe zu erkennen. Selbstbestimmtheit beginnt dort, wo er aus dieser Erkenntnis heraus wählt.

Vielleicht liegt darin die zeitlose Bedeutung Ithakas: Es steht für einen inneren Bezugspunkt, an dem ein Mensch prüfen kann, ob er seinem eigenen Weg folgt oder lediglich dem stärksten Reiz des Augenblicks.

Gustav Schwabs Sagen machen aus jungen Menschen weder automatisch starke Persönlichkeiten noch moralisch gefestigte Erwachsene. Ein Buch besitzt keine solche Zauberkraft.

Es kann jedoch Fragen wecken, bevor das Leben sie mit voller Wucht stellt.

Was ist mir wichtig?

Wofür stehe ich ein?

Welcher Verlockung folge ich?

Welche Folgen hat mein Handeln?

Wohin möchte ich zurückkehren, wenn ich mich verirrt habe?

Junge Menschen brauchen dazu weder makellose Helden noch nostalgische Belehrungen. Sie brauchen Geschichten, in denen Mut, Versuchung, Treue, Verlust und Verantwortung sichtbar werden.

Geschichten, die ihnen zeigen, dass Stärke mehr bedeutet als Härte.

Geschichten, in denen Klugheit vor Übermut schützt und Bindung eine Richtung gibt.

Geschichten, die ihnen erlauben, sich selbst in fremden Figuren zu erkennen.

Vielleicht beginnt Persönlichkeitsbildung manchmal mit einem sehr einfachen Moment: Ein junger Mensch legt das Smartphone zur Seite, öffnet ein Buch und betritt eine Welt, die seit Jahrtausenden von ihm erzählt.

Die Frage lautet daher weniger, ob junge Menschen wieder Helden brauchen.

Die entscheidende Frage lautet:

Welche Geschichten geben wir ihnen mit auf den Weg – und welche Vorstellung vom Menschsein wächst daraus in ihnen?

Der Impuls zu diesem Beitrag

Den Anstoß zu diesem Beitrag gab ein kurzes Video von Henning Baum. Darin stellt er Gustav Schwabs Buch „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ vor und richtet den Blick besonders auf die Odyssee. Seine Sprache ist bewusst zugespitzt. Die dahinterliegende Frage reicht jedoch weit über eine Klage über „die Jugend von heute“ hinaus: Welche Geschichten, Werte und inneren Bilder geben wir jungen Menschen mit, damit sie sich in einer reizvollen und zugleich unübersichtlichen Welt orientieren können?

Henning Baum erinnert dabei auch an seinen Großvater, der ihm das Buch vorgelesen hat. Vielleicht liegt gerade darin ein wesentlicher Gedanke: Geschichten entfalten ihre tiefste Wirkung häufig dort, wo sie zwischen Menschen weitergegeben werden.

Hier kannst Du das Video ansehen:

https://www.youtube.com/shorts/oDOA5YC_2GQ