Eine Studie zur Wahlblindheit zeigt, wie Menschen veränderte politische Antworten als ihre eigenen akzeptieren – und weshalb dadurch sogar ihre Wahlabsicht beweglicher werden kann.

 Politische Überzeugungen wirken oft fester, als sie sind

 Politische Einstellungen gehören für viele Menschen zu den Überzeugungen, über die sie besonders sicher zu sein glauben. Wer sich einem politischen Lager zuordnet, kann gewöhnlich erklären, weshalb er dessen Positionen unterstützt. Doch wie zuverlässig ist dieses Wissen über die eigene Haltung? Eine Studie aus Schweden zeigt: Werden Menschen einige ihrer politischen Antworten unbemerkt ins Gegenteil verkehrt, erkennen viele den Austausch nicht. Manche begründen anschließend sogar jene Position, die sie ursprünglich abgelehnt hatten.

Was bedeutet Wahlblindheit?

Wahlblindheit – im Englischen „choice blindness“ – bezeichnet ein Phänomen, bei dem Menschen eine Abweichung zwischen ihrer ursprünglichen Entscheidung und dem anschließend präsentierten Ergebnis übersehen. Das Besondere daran: Sie nehmen das veränderte Ergebnis häufig als ihre eigene Wahl an und können Gründe dafür nennen.

Das bedeutet nicht, dass die Betroffenen bewusst täuschen. Ihre Erklärungen können subjektiv vollkommen aufrichtig sein. Das Bewusstsein versucht offenbar, das vorliegende Ergebnis sinnvoll zu deuten. Die Begründung beschreibt dann weniger den tatsächlichen Weg zur ursprünglichen Entscheidung als eine nachträglich entstandene, plausible Erklärung.

Frühere Experimente hatten Wahlblindheit bereits bei der Beurteilung von Gesichtern sowie bei Geschmacks- und Geruchsentscheidungen gezeigt. Lars Hall und seine Kollegen wollten herausfinden, ob sich das Phänomen auch auf politische Einstellungen übertragen lässt – also auf einen Bereich, der eng mit Wertvorstellungen, Gruppenzugehörigkeit und dem eigenen Selbstbild verbunden sein kann. 

Die Studie

Die Untersuchung fand in der Schlussphase der schwedischen Parlamentswahl 2010 in Malmö und Lund statt. Insgesamt nahmen 162 Personen zwischen 18 und 88 Jahren teil. Zwei Datensätze wurden wegen technischer Probleme ausgeschlossen. 113 Teilnehmer gehörten zur manipulierten Versuchsgruppe, 47 zur Kontrollgruppe.

Zu Beginn gaben die Teilnehmer an, wie politisch engagiert sie sich einschätzten, wie sicher sie sich ihrer politischen Ansichten waren und welches der beiden damals konkurrierenden politischen Bündnisse sie wählen wollten. Danach bearbeiteten sie einen sogenannten Wahlkompass mit zwölf politischen Aussagen. Darunter befanden sich Fragen zur Benzinsteuer, zur Kernenergie, zur Vermögensbesteuerung sowie zu Leistungen der Kranken- und Arbeitslosenversicherung.

Ihre Zustimmung trugen die Teilnehmer auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent ein. Aus den Antworten ließ sich anschließend errechnen, ob ihre Sachpositionen eher dem sozialdemokratisch-grünen oder dem konservativen Bündnis entsprachen.

Ein präparierter Fragebogen veränderte die Antworten

Während ein Teilnehmer den Fragebogen ausfüllte, stellte der Versuchsleiter heimlich ein zweites Antwortprofil zusammen. Dieses unterstützte das jeweils entgegengesetzte politische Lager. Mithilfe eines aufgeklebten Papierbogens wurde das ursprüngliche Antwortfeld anschließend verdeckt. Vor den Teilnehmern lag nun ein Fragebogen, der wie ihr eigener aussah, auf dem jedoch mehrere Antworten verändert worden waren.

Wer beispielsweise einer Erhöhung der Benzinsteuer zugestimmt hatte, konnte nun mit einer ablehnenden Antwort konfrontiert werden. Der Versuchsleiter bat die Person anschließend, ihre vermeintliche Position zu erläutern. Danach wurden die Antworten zu einem politischen Gesamtwert zusammengefasst. Auch dieser konnte den Teilnehmer nun in die Nähe des entgegengesetzten politischen Bündnisses rücken.

Zum Abschluss gaben die Teilnehmer erneut an, welches Bündnis sie wählen wollten. Dadurch konnten die Forscher untersuchen, ob die manipulierten Antworten lediglich unbemerkt blieben oder ob sie auch die spätere Wahlabsicht beeinflussten.

Abbildung 1 der Originalstudie

Bildhinweis: „Versuchsaufbau des manipulierten Wahlkompasses. Quelle: Hall et al. (2013), PLOS ONE, CC BY 4.0, DOI: 10.1371/journal.pone.0060554.g001.“

Die zentralen Ergebnisse

Nur ein kleiner Teil der Veränderungen wurde korrigiert

In der manipulierten Gruppe wurden pro Teilnehmer durchschnittlich 6,8 Antworten verändert. Zu durchschnittlich vier dieser veränderten Antworten sollten die Teilnehmer ausdrücklich Gründe nennen. Lediglich 22 Prozent dieser Antworten wurden korrigiert. Fast die Hälfte der Teilnehmer – 47 Prozent – korrigierte keine einzige Veränderung.

Bemerkenswert ist außerdem, wie die erkannten Abweichungen erklärt wurden. Die Teilnehmer vermuteten gewöhnlich, sie hätten die Frage falsch gelesen oder versehentlich das falsche Ende der Skala markiert. Nur eine einzige Person äußerte den Verdacht, der Fragebogen könne manipuliert worden sein.

Politisches Engagement schützte nicht vor Wahlblindheit

Die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen dem Erkennen der Veränderungen und Alter, Geschlecht oder ursprünglicher politischer Zugehörigkeit. Auch Teilnehmer, die sich als politisch engagiert und ihrer Überzeugungen sicher beschrieben, bemerkten die Manipulation nicht häufiger. Das subjektive Gefühl politischer Sicherheit sagte demnach kaum voraus, wie zuverlässig jemand seine ursprünglichen Antworten wiedererkannte.

92 Prozent akzeptierten das veränderte politische Profil

Da nur wenige Antworten korrigiert wurden, konnten die Forscher bei 92 Prozent der manipulierten Gruppe einen Gesamtwert erzeugen, der nicht zur zuvor genannten Wahlabsicht passte. Sämtliche davon betroffenen Teilnehmer erkannten diesen errechneten Wert als Ergebnis ihres Fragebogens an. Einzelne vertauschte Antworten hatten sich zu einem Profil summiert, das sie dem entgegengesetzten politischen Lager zuordnete.

Bei einigen Teilnehmern verschob sich die Wahlabsicht

Die Manipulation blieb nicht auf die Erklärung einzelner Sachfragen begrenzt. In der Versuchsgruppe bewegte sich die anschließend angegebene Wahlabsicht deutlich stärker in Richtung des untergeschobenen politischen Profils als in der Kontrollgruppe.

Zehn Prozent wechselten auf der verwendeten Skala vollständig vom einen politischen Lager zum anderen. Weitere 19 Prozent wurden von einer zuvor sicheren Bündnispräferenz unentschieden. Unter Einbeziehung der bereits unentschiedenen Teilnehmer kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass 48 Prozent bereit waren, einen Wechsel zwischen den Bündnissen zumindest in Betracht zu ziehen. Weitere zehn Prozent bewegten sich deutlich in Richtung des manipulierten Profils, ohne die Grenze zum anderen Lager zu überschreiten.

Diese Angaben bedeuten nicht, dass 48 Prozent tatsächlich anders gewählt haben. Gemessen wurde eine unmittelbar nach dem Experiment geäußerte Wahlabsicht. Ob die Veränderung bis zur Stimmabgabe anhielt, wurde in dieser Untersuchung nicht geprüft.

Warum die Ergebnisse interessant sind

Meinungsumfragen können kurz vor einer Wahl recht zuverlässig anzeigen, welche Partei oder welches Bündnis Menschen wahrscheinlich wählen werden. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass ihre politischen Einstellungen unveränderlich sind. Die schwedische Studie macht einen wichtigen Unterschied sichtbar: Eine Wahlabsicht kann stabil erscheinen, während die dahinterliegenden Sachpositionen eine überraschende Beweglichkeit besitzen.

Offenbar spielte auch die Art der Auseinandersetzung eine Rolle. Die Forscher lieferten den Teilnehmern keine Gegenargumente und versuchten nicht, sie in einer Diskussion zu überzeugen. Die Teilnehmer entwickelten selbst Begründungen für die manipulierten Positionen. Dadurch beschäftigten sie sich aus einer Perspektive mit den politischen Fragen, die ihnen zuvor fremd gewesen war.

Das Experiment deutet deshalb auf zwei mögliche Prozesse hin. Einerseits können Menschen begrenzten Zugang dazu haben, wie ihre eigenen politischen Urteile entstanden sind. Andererseits kann das Formulieren von Gründen eine Position nachträglich stärken oder verändern. Die Begründung wäre dann nicht nur ein Bericht über eine bereits vorhandene Überzeugung. Sie könnte selbst an der Entstehung dieser Überzeugung mitwirken.

Was die Studie zeigt – und was sie offenlässt

Die Untersuchung belegt eindrucksvoll, dass Menschen unter den gewählten Versuchsbedingungen manipulierte politische Antworten häufig übersehen und begründen können. Sie zeigt außerdem, dass eine solche Rückmeldung die unmittelbar geäußerte Wahlabsicht beeinflussen kann.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, politische Einstellungen seien grundsätzlich beliebig. Der Versuch erfasste eine begrenzte Zahl ausgewählter Sachfragen und ordnete sie einer zweigeteilten politischen Landschaft zu. Eine reale Wahlentscheidung kann zusätzlich von Vertrauen in Kandidaten, langfristiger Parteibindung, einzelnen Schwerpunktthemen und persönlichen Erfahrungen abhängen.

Auch die Stichprobe war keine repräsentative Abbildung der schwedischen Bevölkerung. Die Teilnehmer wurden in zwei Städten angesprochen, waren im Durchschnitt knapp 30 Jahre alt und nahmen freiwillig teil. Zudem untersuchte die Studie vor allem die unmittelbare Veränderung der angegebenen Wahlabsicht. Über deren Dauer sagt sie wenig aus.

Die Ergebnisse eignen sich daher nicht, um das Verhalten bestimmter Parteien oder Wählergruppen zu erklären. Wahlblindheit besitzt keine politische Richtung. Sie beschreibt eine Möglichkeit menschlicher Informationsverarbeitung, die prinzipiell Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern betreffen kann.

Warum die Ergebnisse interessant sind

Meinungsumfragen können kurz vor einer Wahl recht zuverlässig anzeigen, welche Partei oder welches Bündnis Menschen wahrscheinlich wählen werden. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass ihre politischen Einstellungen unveränderlich sind. Die schwedische Studie macht einen wichtigen Unterschied sichtbar: Eine Wahlabsicht kann stabil erscheinen, während die dahinterliegenden Sachpositionen eine überraschende Beweglichkeit besitzen.

Offenbar spielte auch die Art der Auseinandersetzung eine Rolle. Die Forscher lieferten den Teilnehmern keine Gegenargumente und versuchten nicht, sie in einer Diskussion zu überzeugen. Die Teilnehmer entwickelten selbst Begründungen für die manipulierten Positionen. Dadurch beschäftigten sie sich aus einer Perspektive mit den politischen Fragen, die ihnen zuvor fremd gewesen war.

Das Experiment deutet deshalb auf zwei mögliche Prozesse hin. Einerseits können Menschen begrenzten Zugang dazu haben, wie ihre eigenen politischen Urteile entstanden sind. Andererseits kann das Formulieren von Gründen eine Position nachträglich stärken oder verändern. Die Begründung wäre dann nicht nur ein Bericht über eine bereits vorhandene Überzeugung. Sie könnte selbst an der Entstehung dieser Überzeugung mitwirken.

Was die Studie zeigt – und was sie offenlässt

Die Untersuchung belegt eindrucksvoll, dass Menschen unter den gewählten Versuchsbedingungen manipulierte politische Antworten häufig übersehen und begründen können. Sie zeigt außerdem, dass eine solche Rückmeldung die unmittelbar geäußerte Wahlabsicht beeinflussen kann.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, politische Einstellungen seien grundsätzlich beliebig. Der Versuch erfasste eine begrenzte Zahl ausgewählter Sachfragen und ordnete sie einer zweigeteilten politischen Landschaft zu. Eine reale Wahlentscheidung kann zusätzlich von Vertrauen in Kandidaten, langfristiger Parteibindung, einzelnen Schwerpunktthemen und persönlichen Erfahrungen abhängen.

Auch die Stichprobe war keine repräsentative Abbildung der schwedischen Bevölkerung. Die Teilnehmer wurden in zwei Städten angesprochen, waren im Durchschnitt knapp 30 Jahre alt und nahmen freiwillig teil. Zudem untersuchte die Studie vor allem die unmittelbare Veränderung der angegebenen Wahlabsicht. Über deren Dauer sagt sie wenig aus.

Die Ergebnisse eignen sich daher nicht, um das Verhalten bestimmter Parteien oder Wählergruppen zu erklären. Wahlblindheit besitzt keine politische Richtung. Sie beschreibt eine Möglichkeit menschlicher Informationsverarbeitung, die prinzipiell Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern betreffen kann.

Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit

Politische Überzeugungen erscheinen uns häufig als Ergebnis bewusster Abwägung. Die Studie legt nahe, diese Gewissheit mit etwas mehr Vorsicht zu betrachten. Eine überzeugend formulierte Begründung beweist noch nicht, dass wir die tatsächliche Entstehung unserer Haltung vollständig überblicken.

Für Selbstbestimmtheit ergibt sich daraus keine Aufforderung, an jeder Entscheidung zu zweifeln. Wertvoller ist die Bereitschaft, die eigenen Gründe zu prüfen: Welche Erfahrungen haben meine Haltung geprägt? Welche Position übernehme ich, weil sie zu meinem politischen Lager passt? Und könnte ich ein Argument auch dann anerkennen, wenn es von der anderen Seite kommt?

Eine politische Überzeugung gewinnt an persönlicher Substanz, wenn sie Prüfung aushält. Selbstbestimmtes Denken zeigt sich daher nicht allein darin, eine feste Meinung zu besitzen. Es zeigt sich ebenso in der Fähigkeit, die eigene Meinung zum Gegenstand ehrlicher Betrachtung zu machen.

Studieninformationen

Infobox zur Studie

Forschungsfeld: Entscheidungspsychologie, politische Psychologie

Journal: PLOS ONE, Band 8, Ausgabe 4

Veröffentlichung: 10. April 2013

Studientyp: Experimentelle Feldstudie mit Kontrollgruppe

Teilnehmerzahl: 162; davon 160 ausgewertet (113 Manipulation, 47 Kontrolle)

Autoren: Lars Hall, Thomas Strandberg, Philip Pärnamets, Andreas Lind, Betty Tärning und Petter Johansson

Originalstudie: How the Polls Can Be Both Spot On and Dead Wrong: Using Choice Blindness to Shift Political Attitudes and Voter Intentions

DOI / Link: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0060554