Eine Studie zeigt, wie Selbstzweifel und Selbstüberhöhung aus ähnlichen Erfahrungen entstehen können

Ein Mensch erzielt sichtbare Erfolge und hält sich trotzdem für weniger kompetent, als andere glauben. Ein anderer ist von seiner besonderen Bedeutung überzeugt und erlebt fehlende Anerkennung als Kränkung. Auf den ersten Blick könnten beide kaum unterschiedlicher erscheinen.

Eine neue Studie zeigt jedoch, dass das sogenannte Impostor-Selbstkonzept und bestimmte Formen des Narzissmus einige überraschende Gemeinsamkeiten besitzen. Besonders deutlich werden diese beim vulnerablen Narzissmus. Hinter Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung könnte eine ähnliche Unsicherheit stehen: Der eigene Wert hängt stark davon ab, wie andere einen sehen.

Das Gefühl, die eigenen Erfolge nur vorzutäuschen

Menschen mit einem ausgeprägten Impostor-Selbstkonzept zweifeln an ihren Fähigkeiten, obwohl ihre Leistungen häufig für sie sprechen. Erfolge führen bei ihnen kaum zu einem stabilen Gefühl eigener Kompetenz.

Sie erklären gute Ergebnisse mit Glück, günstigen Umständen, besonderer Anstrengung oder der Unterstützung anderer. Die eigene Fähigkeit erscheint ihnen dagegen als wenig glaubwürdige Erklärung.

Lob kann diese Unsicherheit nur begrenzt beruhigen. Statt Anerkennung anzunehmen, entsteht häufig ein neuer Zweifel:

Wenn die anderen wüssten, wie wenig kompetent ich wirklich bin, würden sie anders über mich denken.

Daraus entwickelt sich die Angst, irgendwann als Hochstapler entlarvt zu werden. Dabei täuschen diese Menschen ihre Umgebung keineswegs bewusst. Sie erleben vielmehr ihr eigenes positives Ansehen als Täuschung.

Die Forscher sprechen deshalb vom Impostor-Selbstkonzept. Der Begriff macht deutlich, dass es sich um eine subjektive Vorstellung von der eigenen Person handelt. Der Mensch betrachtet seine Leistungen durch ein Selbstbild, das seine tatsächlichen Fähigkeiten kaum angemessen berücksichtigt.

Narzissmus besitzt verschiedene Gesichter

Der Begriff Narzissmus wird im Alltag häufig mit Selbstverliebtheit, Rücksichtslosigkeit oder einem überhöhten Selbstbild verbunden. Die psychologische Forschung betrachtet Narzissmus jedoch differenzierter.

Die Studie unterscheidet zwischen grandiosem und vulnerablem Narzissmus.

Menschen mit ausgeprägtem grandiosem Narzissmus erleben sich häufig als überlegen, besonders kompetent oder außergewöhnlich. Sie treten eher selbstbewusst und dominant auf, suchen Status und erwarten eine besondere Behandlung.

Vulnerabler Narzissmus zeigt sich anders. Die betroffenen Menschen sind häufig unsicher, empfindlich gegenüber Kritik und stark auf Anerkennung angewiesen. Sie können sich innerlich als besonders erleben und zugleich daran leiden, dass ihre Umgebung diese Besonderheit aus ihrer Sicht zu wenig wahrnimmt.

Während grandioser Narzissmus eher sagt:

Ich bin besser als die anderen.

lautet die innere Botschaft des vulnerablen Narzissmus eher:

Ich könnte etwas Besonderes sein, doch die anderen erkennen meinen Wert zu wenig.

Beide Formen teilen ein Gefühl besonderer Ansprüche. Der vulnerable Narzissmus verbindet dieses jedoch stärker mit Selbstzweifeln, Ängstlichkeit, Kränkbarkeit und emotionaler Unsicherheit.

Warum die Forscher beide Selbstbilder miteinander verglichen

Das Impostor-Selbstkonzept und Narzissmus wirken zunächst wie Gegensätze.

Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept unterschätzt seine Fähigkeiten. Der grandiose Narzisst überschätzt sie eher. Der eine hält Anerkennung für unverdient, der andere erwartet mehr davon.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch eine mögliche Gemeinsamkeit: Beide Selbstbilder sind eng mit der Regulierung des eigenen Wertes verbunden.

In modernen Leistungswelten sollen Menschen kompetent, erfolgreich und selbstsicher auftreten. Gleichzeitig werden sie ständig bewertet. Dies gilt im Beruf, im Studium und zunehmend auch in sozialen Medien.

Unter diesem Druck können unterschiedliche Strategien entstehen. Manche Menschen verkleinern sich innerlich und rechnen jederzeit mit ihrer Entlarvung. Andere erhöhen ihr Selbstbild und verlangen von ihrer Umgebung, dieses zu bestätigen.

Die Forscher wollten deshalb wissen, wie eng das Impostor-Selbstkonzept tatsächlich mit grandiosem und vulnerablem Narzissmus zusammenhängt. Zusätzlich untersuchten sie, ob ähnliche elterliche Erziehungsweisen mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind und wie sich die Merkmale in erwachsenen Beziehungen zeigen.

Die Studie

An der Untersuchung nahmen 339 deutschsprachige Personen im Alter von 16 bis 80 Jahren teil. Das Durchschnittsalter lag bei rund 33 Jahren.

Etwa 71 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Knapp 62 Prozent verfügten über einen Hochschulabschluss. Die Stichprobe bestand vorwiegend aus Angestellten und Studenten.

Die Daten wurden zwischen Februar und April 2023 über eine Onlinebefragung erhoben. Die Teilnehmer beantworteten mehrere psychologische Fragebögen.

Erfasst wurden:

    • das Impostor-Selbstkonzept,
    • grandiose narzisstische Merkmale,
    • vulnerable narzisstische Merkmale,
    • erinnerte elterliche Erziehungsweisen,
    • sowie Vertrauen, Nähe und Bindungsangst in heutigen Beziehungen.

Beim Erziehungsverhalten unterschieden die Forscher drei Bereiche:

    • Ablehnung und Bestrafung,
    • emotionale Wärme,
    • Kontrolle und Überbehütung.

Die Studie untersuchte keine klinischen Diagnosen. Narzissmus wurde als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, das bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.

Das Impostor-Selbstkonzept ähnelt vor allem dem vulnerablen Narzissmus

Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verbindung zwischen dem Impostor-Selbstkonzept und vulnerablem Narzissmus.

Menschen, die stark an ihren eigenen Fähigkeiten zweifelten und eine Entlarvung fürchteten, wiesen häufiger auch vulnerable narzisstische Merkmale auf. Dazu gehören eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Bewertungen, das Bedürfnis nach Bestätigung und die Sorge, von anderen zu wenig wertgeschätzt zu werden.

Diese Verbindung bedeutet jedoch keineswegs, dass beide Phänomene dasselbe sind.

Die statistischen Analysen bestätigten, dass sich das Impostor-Selbstkonzept als eigenständiges psychologisches Konstrukt vom vulnerablen Narzissmus unterscheiden lässt.

Ein wichtiger Unterschied liegt in der Haltung gegenüber anderen.

Beim vulnerablen Narzissmus bleibt ein zwischenmenschlich konfrontativer Kern erhalten. Er zeigt sich etwa in Anspruchsdenken, Neid, Misstrauen, Feindseligkeit und der Abwertung anderer bei wahrgenommener Kränkung.

Menschen mit einem Impostor-Selbstkonzept richten ihre Zweifel dagegen stärker gegen sich selbst. Sie wollen vor allem vermeiden, negativ aufzufallen oder Erwartungen zu enttäuschen.

Vereinfacht lässt sich der Unterschied so ausdrücken:

Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept glaubt, andere überschätzten ihn.

Der vulnerable Narzisst glaubt, andere unterschätzten ihn.

Der eine zweifelt an der Anerkennung, die er erhält. Der andere leidet unter der Anerkennung, die aus seiner Sicht ausbleibt.

Kontrolle und Überbehütung als gemeinsame Erfahrung

Besonders interessant sind die Ergebnisse zum erinnerten Erziehungsverhalten.

Elterliche Kontrolle und Überbehütung waren sowohl mit dem Impostor-Selbstkonzept als auch mit vulnerablem und grandiosem Narzissmus verbunden. Sie erwiesen sich damit als der Erziehungsbereich, der am beständigsten mit allen drei untersuchten Selbstbildern zusammenhing.

Überbehütung erscheint zunächst als Ausdruck intensiver Fürsorge. Eltern wollen ihr Kind schützen, Schwierigkeiten vermeiden und möglichst viele Risiken von ihm fernhalten.

Für die Entwicklung des Selbstbildes kann diese Fürsorge jedoch eine widersprüchliche Botschaft enthalten:

Du bist wichtig und schützenswert.

Zugleich kann das Kind daraus ableiten:

Du kannst viele Situationen allein kaum bewältigen.

Ein Kind entwickelt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten vor allem durch eigene Erfahrungen. Es entscheidet, probiert aus, scheitert, korrigiert sich und erlebt schließlich, dass sein Handeln etwas bewirken kann.

Werden ihm viele dieser Erfahrungen abgenommen, entsteht weniger Gelegenheit, ein stabiles Gefühl eigener Wirksamkeit aufzubauen.

Die vorliegende Studie beweist keinen solchen Entwicklungsweg. Sie zeigt lediglich, dass Menschen mit ausgeprägtem Impostor-Selbstkonzept oder narzisstischen Merkmalen häufiger von kontrollierender und überbehütender Erziehung berichteten.

Dennoch eröffnet der Befund eine wichtige Frage:

Was geschieht mit dem Selbstbild eines Kindes, wenn Fürsorge seine Selbstständigkeit dauerhaft begrenzt?

Emotionale Wärme zeigte ein anderes Muster

Emotionale Wärme war in der Studie mit grandiosem Narzissmus verbunden. Für das Impostor-Selbstkonzept und dem vulnerablen Narzissmus zeigte sich dieser Zusammenhang in dieser Form nicht.

Dieser Befund sollte vorsichtig interpretiert werden. Emotionale Wärme allein erzeugt selbstverständlich keinen Narzissmus. Liebe, Zuwendung und verlässliche Unterstützung gehören zu einer gesunden Entwicklung.

Entscheidend könnte vielmehr sein, wie Wärme vermittelt wird und welche weiteren Botschaften sie begleiten. Zuwendung kann einem Kind vermitteln:

Du bist wertvoll, auch wenn Du Fehler machst.

Sie kann jedoch mit Idealisierung verbunden sein:

Du bist außergewöhnlicher als andere.

Die Studie erfasste emotionale Wärme, erlaubte jedoch keine genaue Rekonstruktion solcher familiären Dynamiken. Deshalb lässt sich aus dem Ergebnis weder ableiten, dass elterliche Wärme problematisch sei, noch dass sie grandiosen Narzissmus verursache.

Ähnliche Schwierigkeiten in erwachsenen Beziehungen

Das Impostor-Selbstkonzept und der vulnerable Narzissmus zeigten auch bei erwachsenen Bindungen ein ähnliches Muster.

Beide waren mit höherer Bindungsangst und geringerem Vertrauen verbunden. Menschen mit einer starken Ausprägung dieser Merkmale erlebten Beziehungen demnach häufiger als unsicher.

Beim Impostor-Selbstkonzept könnte diese Unsicherheit aus dem Zweifel entstehen, ob die Zuneigung des anderen wirklich der eigenen Person gilt:

Der andere schätzt nur das Bild, das er von mir hat.

Beim vulnerablen Narzissmus könnte eine andere Befürchtung im Vordergrund stehen:

Der andere erkennt meinen Wert zu wenig und könnte mich deshalb zurückweisen.

Beide Selbstbilder erschweren es, Anerkennung und Zuneigung dauerhaft als verlässlich zu erleben.

Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept kann positives Feedback kaum in sein Selbstbild aufnehmen. Der vulnerable Narzisst erlebt das erhaltene Maß an Anerkennung möglicherweise als unzureichend. So bleibt der Selbstwert in beiden Fällen auf Rückmeldungen angewiesen, ohne durch sie dauerhaft stabil zu werden.

Für grandiosen Narzissmus fanden die Forscher keine vergleichbaren bedeutsamen Auswirkungen auf die untersuchten Bindungsmerkmale.

Der gemeinsame Kern liegt im instabilen Selbstwert

Die Studie zeigt, dass Selbstverkleinerung und Selbstüberhöhung weniger weit voneinander entfernt sein können, als ihr äußeres Erscheinungsbild vermuten lässt.

Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept macht sich kleiner, als seine Leistungen nahelegen. Der vulnerable Narzisst hält an der Vorstellung seiner besonderen Bedeutung fest und erlebt fehlende Bestätigung als Bedrohung.

In beiden Fällen bleibt das Selbstbild stark auf das soziale Umfeld ausgerichtet.

Der eine fragt:

Wann merken die anderen, dass ich weniger kann, als sie glauben?

Der andere fragt:

Wann erkennen die anderen endlich, wie viel ich wert bin?

Beide suchen im Urteil anderer nach Sicherheit. Diese Sicherheit bleibt jedoch brüchig, solange das innere Selbstbild Lob und Anerkennung kaum dauerhaft aufnehmen kann.

Hier liegt die psychologische Bedeutung der Studie. Sie zeigt, dass ähnliche innere Unsicherheiten unterschiedliche Formen annehmen können. Ein Mensch begegnet ihnen durch Selbstzweifel, ein anderer durch Selbstüberhöhung.

Was die Studie zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt

Die Ergebnisse lenken den Blick auf eine grundlegende Aufgabe der Persönlichkeitsbildung: Ein Mensch braucht ein Selbstbild, das Erfolge ebenso aufnehmen kann wie Fehler.

Ein stabiles Selbstkonzept erlaubt ihm, Anerkennung anzunehmen, ohne von ihr abhängig zu werden. Es ermöglicht ihm, Kritik zu prüfen, ohne sich vollständig zu entwerten oder den Kritiker abzuwerten.

Die Studie deutet darauf hin, dass frühe Erfahrungen von Kontrolle und eingeschränkter Selbstständigkeit hierbei eine Rolle spielen könnten. Wer sich selbst nur begrenzt als Urheber seines Handelns erlebt, sucht später möglicherweise stärker im Urteil anderer nach einer Antwort auf die Frage, wer er ist.

Diese Überlegung reicht über die unmittelbaren Befunde der Studie hinaus. Sie eröffnet jedoch eine weiterführende Perspektive:

Weshalb reagiert ein Mensch auf einen unsicheren Selbstwert mit Selbstverkleinerung, während ein anderer sich durch Selbstüberhöhung schützt?

Diese Frage verdient eine eigene Betrachtung. Denn sie betrifft weit mehr als Narzissmus und Hochstaplergefühle. Sie führt zum Verhältnis zwischen Selbstwert, Fremdbestätigung, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmtheit.

Grenzen der Studie

Die Untersuchung liefert interessante Zusammenhänge. Sie kann jedoch keine eindeutigen Ursachen belegen.

Die Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Dadurch bleibt offen, ob bestimmte Erziehungsweisen tatsächlich zur Entwicklung der untersuchten Persönlichkeitsmerkmale beigetragen haben.

Ebenso denkbar ist, dass die heutige Persönlichkeit beeinflusst, wie Menschen ihre Kindheit rückblickend bewerten.

Hinzu kommen weitere Einschränkungen:

Die Angaben beruhten vollständig auf Selbstauskünften. Die Eltern selbst wurden nicht befragt. Die Stichprobe bestand überwiegend aus Frauen und Menschen mit akademischer Bildung. Dadurch lassen sich die Ergebnisse nur eingeschränkt auf die Gesamtbevölkerung übertragen.

Auch die beschriebenen Bindungsmuster erlauben keine eindeutige zeitliche Reihenfolge. Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Beziehungserleben. Sie kann jedoch kaum klären, welche Erfahrungen zuerst entstanden sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Für verlässlichere Aussagen wären Langzeitstudien erforderlich, die Menschen über mehrere Jahre begleiten und zusätzlich Einschätzungen von Eltern oder Partnern einbeziehen.

Bedeutung der Ergebnisse

Die Studie räumt mit einer allzu einfachen Gegenüberstellung auf.

Auf der einen Seite steht keineswegs nur der bescheidene Selbstzweifler. Auf der anderen Seite steht keineswegs nur der selbstverliebte Narzisst.

Zwischen beiden liegen unterschiedliche Formen eines Selbstbildes, das seinen eigenen Wert nur schwer aus sich heraus stabilisieren kann.

Das Impostor-Selbstkonzept und vulnerabler Narzissmus bleiben eigenständige psychologische Muster. Dennoch teilen sie wichtige Erfahrungen und Folgen: erinnerte Kontrolle und Überbehütung, ein starkes Bedürfnis nach äußerer Bestätigung, geringe Sicherheit in Beziehungen und die Schwierigkeit, ein stabiles Bild der eigenen Person aufrechtzuerhalten.

Damit eröffnet die Studie eine neue Perspektive auf zwei scheinbare Gegensätze:

Der eine fürchtet, als Hochstapler entlarvt zu werden. Der andere fürchtet, in seiner Besonderheit übersehen zu werden. Beide erleben ihren Wert als abhängig vom Blick der anderen.

Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit

Die Studie zeigt, wie stark sich ein unsicherer Selbstwert auf unterschiedliche Weise ausdrücken kann. Der eine Mensch zweifelt an seinen Fähigkeiten, obwohl seine Leistungen für ihn sprechen. Der andere hält an der Vorstellung seiner besonderen Bedeutung fest und erlebt fehlende Anerkennung als Kränkung. Beide richten den Blick stark auf das Urteil ihrer Umgebung.

Damit berührt die Untersuchung eine zentrale Frage der Persönlichkeitsentwicklung:

Woraus bezieht ein Mensch die Gewissheit, etwas wert zu sein?

Ein tragfähiges Selbstbild entsteht weder allein durch Lob noch durch Erfolg. Beides kann stärken, solange der Mensch diese Erfahrungen innerlich aufnehmen und mit dem eigenen Handeln verbinden kann. Entscheidend ist das Erleben eigener Urheberschaft:

Ich habe entschieden.
Ich habe gehandelt.
Ich habe eine Wirkung erzielt.
Ich kann aus Fehlern lernen.
Ich darf Erfolge als meine Erfolge anerkennen.

Gerade diese Erfahrungen fördern Selbstwirksamkeit. Der Mensch erlebt sich als jemand, der sein Leben mitgestalten kann. Daraus wächst eine Form von Selbstvertrauen, die auf erlebter Kompetenz beruht und daher weniger von ständiger Bestätigung abhängt.

Kontrolle und Überbehütung können diesen Prozess erschweren. Wer häufig erlebt, dass andere Entscheidungen übernehmen, Risiken beseitigen und Schwierigkeiten vorsorglich aus dem Weg räumen, erhält weniger Gelegenheit, die eigenen Fähigkeiten unter realen Bedingungen zu erproben.

Dabei kann eine widersprüchliche Botschaft entstehen:

Du bist besonders wichtig – und zugleich kaum in der Lage, allein zurechtzukommen.

Aus dieser Spannung können verschiedene Selbstbilder hervorgehen. Ein Mensch könnte seine Fähigkeiten dauerhaft unterschätzen. Ein anderer könnte versuchen, seine Unsicherheit durch die Vorstellung eigener Besonderheit auszugleichen.

Selbstbestimmtheit bedeutet in diesem Zusammenhang weit mehr als Entscheidungsfreiheit. Sie beschreibt die Fähigkeit, das eigene Handeln als Ausdruck der eigenen Person zu erleben und Verantwortung für dessen Folgen zu übernehmen.

Ein selbstbestimmter Mensch braucht keineswegs auf Anerkennung zu verzichten. Rückmeldungen anderer bleiben wichtig. Sie können Orientierung geben, blinde Flecken sichtbar machen und persönliche Entwicklung fördern. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch:

Das Urteil anderer wird zu einer Information über die eigene Person. Es entscheidet weniger darüber, ob diese Person einen Wert besitzt.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied.

Der Mensch mit Impostor-Selbstkonzept zweifelt an positiven Rückmeldungen, weil sie kaum zu seinem inneren Selbstbild passen. Der vulnerable Narzisst erlebt Rückmeldungen als unzureichend, sobald sie seine gewünschte Besonderheit zu wenig bestätigen.

Beide bleiben dadurch eng an ihre soziale Umgebung gebunden. Die eine Person wartet auf die Entlarvung. Die andere wartet auf die angemessene Würdigung.

Selbstbestimmtheit beginnt dort, wo diese Abhängigkeit an Einfluss verliert. Ein Mensch kann dann Erfolge anerkennen, ohne sich über andere zu stellen. Er kann Schwächen betrachten, ohne daraus eine umfassende Abwertung seiner Person abzuleiten. Er kann Kritik prüfen, ohne sich reflexhaft zu verteidigen oder den Kritiker abzuwerten.

Ein stabiles Selbstbild entsteht aus dieser inneren Beweglichkeit. Es braucht weder dauerhafte Selbstverkleinerung noch ständige Selbstüberhöhung. Es erlaubt dem Menschen, sich in seinen Fähigkeiten und Grenzen realistisch zu sehen.

Die Studie liefert dafür einen wichtigen Hinweis: Persönlichkeit bildet sich keineswegs allein aus Eigenschaften. Sie entsteht auch aus wiederholten Erfahrungen darüber, wie viel Eigenständigkeit ein Mensch entwickeln durfte, wie sein Handeln bewertet wurde und ob er sich als Urheber seines Lebens erleben konnte.

Selbstbestimmtheit bedeutet daher auch, den eigenen Wert Schritt für Schritt aus der ausschließlichen Verfügung anderer zurückzugewinnen.

Infobox zur Studie

Studieninformationen

Forschungsfeld:
Persönlichkeitspsychologie, Selbstkonzept und Bindungsforschung

Journal:
Personality and Social Psychology Bulletin

Veröffentlichung:
23. Juli 2026

Studientyp:
Quantitative Querschnittsstudie mit Onlinebefragung

Teilnehmerzahl:
339 Personen im Alter von 16 bis 80 Jahren

Originalstudie:
Kristina Klug, Mona Leonhardt, Sophie Oprée, Sinem Rhein und Sonja Rohrmann: Me, My Self (Concept), and I – Disentangling the Link Between Narcissism and the Impostor Self-Concept

Link zur Studie:
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/01461672261467836