Eine Langzeitstudie zeigt, warum unsere Vorstellungen von alten Menschen Jahrzehnte später für die eigene Gesundheit bedeutsam werden können.

Was wir über alte Menschen denken, scheint zunächst wenig mit uns selbst zu tun zu haben. Das Alter liegt für einen jungen Menschen in weiter Ferne. Seine Vorstellungen davon können jedoch zu einem inneren Zukunftsbild werden. Eine Langzeitstudie zeigt: Menschen, die in jüngeren Jahren negativere Altersstereotype vertraten, erlebten in den folgenden Jahrzehnten häufiger ein schwerwiegendes Herz-Kreislauf-Ereignis.

Die Studie

Die Psychologin Becca Levy und ihre Kollegen wollten herausfinden, ob Vorstellungen vom Alter bereits lange vor dem eigenen Altsein gesundheitliche Bedeutung besitzen. Dazu werteten sie Daten der Baltimore Longitudinal Study of Aging aus. Diese seit 1958 laufende Langzeituntersuchung begleitet Menschen über viele Jahre und erfasst, wie sich ihre Gesundheit während des Alterns entwickelt.

Für die vorliegende Studie berücksichtigten die Forscher 386 Menschen, die zu Beginn zwischen 18 und 49 Jahre alt waren. Das Durchschnittsalter lag bei 36,5 Jahren. Keiner der Teilnehmer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Herz-Kreislauf-Ereignis erlebt. Die ausgewertete Gruppe bestand aus 305 Männern und 81 Frauen.

Ab 1968 wurden die Einstellungen der Teilnehmer gegenüber älteren Menschen mit einer Skala aus 16 Aussagen erfasst. Darin kamen negative Altersstereotype zum Ausdruck, beispielsweise die Vorstellung, alte Menschen seien hilflos. Je stärker die Teilnehmer solchen Aussagen zustimmten, desto negativer wurde ihr Altersbild eingestuft.

Anschließend verfolgten die Forscher ihre gesundheitliche Entwicklung bis zum Jahr 2007. Der mögliche Beobachtungszeitraum umfasste damit bis zu 38 Jahre. Als Herz-Kreislauf-Ereignisse zählten Angina-pectoris-Anfälle, Herzinsuffizienz, Herzinfarkte, Schlaganfälle und vorübergehende Durchblutungsstörungen des Gehirns. Insgesamt wurden 89 erste kardiovaskuläre Ereignisse registriert.

Negative Altersbilder gingen mit einem höheren gesundheitlichen Risiko einher

Die Teilnehmer mit negativeren Altersstereotypen erlebten im weiteren Lebensverlauf häufiger ein kardiovaskuläres Ereignis als jene mit positiveren Vorstellungen vom Alter. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher zahlreiche bekannte Einflussgrößen statistisch berücksichtigt hatten.

Dazu gehörten unter anderem:

    • Alter und Geschlecht,
    • Bildungsstand und Familienstand,
    • Body-Mass-Index,
    • erhöhter Blutdruck und Cholesterinwert,
    • Raucherbiografie,
    • depressive Beschwerden,
    • bestehende chronische Erkrankungen,
    • familiäre Vorbelastung für kardiovaskuläre Erkrankungen,
    • ethnische Zugehörigkeit,
    • selbst eingeschätzter Gesundheitszustand.

Ein negativeres Altersbild erwies sich damit als eigenständiger statistischer Prädiktor. Der Begriff bedeutet in diesem Zusammenhang: Die Beziehung zu späteren Herz-Kreislauf-Ereignissen ließ sich nicht vollständig durch die anderen erfassten Merkmale erklären. Er bedeutet hingegen nicht, dass negative Altersstereotype zwangsläufig eine Erkrankung verursachen.

Besonders anschaulich wird das Ergebnis in Abbildung 1 der Originalstudie.

Liniendiagramm zum Anteil der Teilnehmer ohne Herz-Kreislauf-Ereignis über einen Zeitraum von bis zu 38 Jahren. Die Kurve der Gruppe mit negativeren Altersstereotypen fällt stärker ab als die Kurve der Gruppe mit positiveren Altersstereotypen.

Abbildung 1: Anteil der Teilnehmer ohne kardiovaskuläres Ereignis im Verlauf des Beobachtungszeitraums, getrennt nach positiveren und negativeren Altersstereotypen. Die Grafik zeigt einen statistischen Zusammenhang und keinen unmittelbaren Nachweis von Ursache und Wirkung. Quelle: Levy, B. R., Zonderman, A. B., Slade, M. D. & Ferrucci, L. (2009): Age Stereotypes Held Earlier in Life Predict Cardiovascular Events in Later Life. Psychological Science, 20(3), 296–298. Originalstudie

.

Die Grafik zeigt, welcher Anteil beider Gruppen im Laufe der Jahre noch kein erstes Herz-Kreislauf-Ereignis erlebt hatte. Zu Beginn liegen die Kurven zwangsläufig beieinander, da sämtliche Teilnehmer ohne ein solches Ereignis in die Untersuchung aufgenommen wurden. Im weiteren Verlauf entfernen sich die Linien zunehmend voneinander. Die Kurve der Menschen mit negativeren Altersstereotypen fällt stärker ab. In dieser Gruppe trat das erste kardiovaskuläre Ereignis somit häufiger und früher auf.
Nach 30 Jahren hatten 25 Prozent der Teilnehmer mit negativeren Altersstereotypen ein solches Ereignis erlebt. Bei den Teilnehmern mit positiveren Altersbildern waren es 13 Prozent. Der Unterschied betrug zu diesem Zeitpunkt zwölf Prozentpunkte. Anders ausgedrückt: In der Gruppe mit dem negativeren Altersbild war der Anteil der Betroffenen beinahe doppelt so hoch.
Die Abbildung macht damit sichtbar, was in einer bloßen Regressionszahl leicht abstrakt bleibt: Einstellungen, die zu Beginn wie Meinungen über eine andere Altersgruppe erscheinen, können Jahrzehnte später mit der eigenen gesundheitlichen Entwicklung zusammenhängen.

Der Blick auf die jüngeren Teilnehmer verstärkte den Befund

Die Forscher betrachteten zusätzlich eine Untergruppe von 229 Menschen, die zu Beginn zwischen 18 und 39 Jahre alt waren. Berücksichtigt wurden dabei kardiovaskuläre Ereignisse, die erst nach dem 60. Geburtstag auftraten. Zwischen der Erfassung der Altersstereotype und dem späteren gesundheitlichen Ereignis lagen somit mindestens 21 Jahre.

Auch in dieser Teilanalyse zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang. Menschen mit negativeren Altersstereotypen erlebten ihr erstes kardiovaskuläres Ereignis mit höherer Wahrscheinlichkeit früher als Menschen mit positiveren Vorstellungen vom Alter. Der statistisch bereinigte Risikowert war in dieser Untergruppe etwa doppelt so hoch.

Dieser Befund berührt die eigentliche Besonderheit der Untersuchung. Die Teilnehmer beschrieben zunächst eine Gruppe, der sie selbst noch nicht angehörten. Erst viele Jahre später wurden die früheren Vorstellungen vom Alter für ihre eigene Person relevant. Die Studie begleitet damit den Übergang vom Urteil über „die Alten“ zur möglichen Erwartung an das eigene Altern.

Wie könnten Altersstereotype die Gesundheit beeinflussen?

Die Studie zeigt den langfristigen Zusammenhang, untersucht jedoch nicht vollständig, über welche einzelnen Schritte er entstanden ist. Die Autoren verweisen auf frühere Forschung und nennen vor allem zwei mögliche Wege.

Der erste führt über das Gesundheitsverhalten. Wer körperlichen Verfall als unausweichliche Folge des Alters betrachtet, erlebt Bewegung, Vorsorge oder Rehabilitation möglicherweise als weniger wirksam. Die Erwartung beeinflusst dann, welche Möglichkeiten ein Mensch erkennt und welche Anstrengungen er für sinnvoll hält. Positivere Vorstellungen vom eigenen Altern wurden in früheren Untersuchungen dagegen mit günstigerem präventivem Gesundheitsverhalten in Verbindung gebracht.

Der zweite Weg führt über die Stressreaktion. Wenn Alter vor allem mit Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Bedrohung verbunden wird, können altersbezogene Herausforderungen stärkere körperliche Stressreaktionen auslösen. Wiederkehrende Belastungsreaktionen könnten sich langfristig auf das Herz-Kreislauf-System auswirken.

Diese Erklärungen sind plausibel. Die vorliegende Untersuchung belegt jedoch keinen vollständigen Wirkungsweg von der früheren Einstellung über ein bestimmtes Verhalten bis zur späteren Erkrankung. Ebenso wenig wurde gemessen, welchen Darstellungen alter Menschen die Teilnehmer in ihrem Alltag besondere Aufmerksamkeit schenkten. Erfasst wurden ihre bereits vorhandenen Einstellungen.

Bedeutung der Ergebnisse

Altersstereotype sind mehr als beiläufige Meinungen. Anders als viele Vorurteile richten sie sich gegen eine Gruppe, der fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens selbst angehören wird. Der junge Mensch spricht über alte Menschen – und entwirft dabei möglicherweise bereits eine Vorstellung von seiner eigenen Zukunft.

Das bedeutet keineswegs, dass ein positives Altersbild Gesundheit garantiert. Gene, Erkrankungen, Lebensbedingungen, medizinische Versorgung, soziale Ungleichheit und persönliche Lebensereignisse prägen das Altern erheblich. Ebenso lässt sich aus einer späteren Erkrankung kein früheres „falsches Denken“ ableiten.

Die Studie eröffnet vielmehr eine zusätzliche Perspektive: Neben biologischen und sozialen Bedingungen können auch langfristig verinnerlichte Erwartungen am Alterungsprozess beteiligt sein. Sie beeinflussen möglicherweise, wie Menschen Belastungen deuten, welche Handlungsmöglichkeiten sie wahrnehmen und wie lange sie sich selbst Entwicklung zutrauen.

Auch ein ausschließlich positives Leistungsbild wäre zu eng. Nicht jeder Mensch bleibt bis ins hohe Alter körperlich stark, beruflich produktiv und vollständig unabhängig. Ein solches Ideal kann neue Abwertungen erzeugen: Wer krank wird oder Unterstützung braucht, erscheint dann schnell als jemand, der sich unzureichend um sein Altern gekümmert habe.

Ein tragfähiges Altersbild verbindet deshalb Zuversicht mit Wirklichkeit. Es erkennt körperliche Veränderungen und individuelle Grenzen an. Gleichzeitig lässt es Raum für Lernen, Bewegung, Beziehungen, Einfluss, Würde und Selbstbestimmtheit.

Eigene Einordnung: Persönlichkeit und Selbstbestimmtheit

Persönlichkeit entsteht auch aus den Bildern, mit denen ein Mensch seine mögliche Zukunft beschreibt. Solange das Alter weit entfernt scheint, werden Aussagen über alte Menschen kaum als Aussagen über das eigene Selbst wahrgenommen. Dennoch können sie sich als Erwartungen einprägen.

Aus „Alte Menschen können mit Veränderungen schlecht umgehen“ kann später „In meinem Alter lerne ich das kaum noch“ werden. Aus „Im Alter baut man zwangsläufig ab“ kann die Überzeugung entstehen, Bewegung oder geistige Herausforderungen lohnten sich kaum noch. Eine allgemeine Zuschreibung verwandelt sich dann in eine persönliche Grenze.

Selbstbestimmtheit beginnt an dieser Stelle mit einer Unterscheidung: Welche Veränderungen gehören tatsächlich zur eigenen körperlichen oder gesundheitlichen Situation? Und welche Grenzen stammen aus einem übernommenen Bild davon, was ein alter Mensch angeblich noch kann, darf oder beginnen sollte?

Die Studie beantwortet diese Fragen nicht abschließend. Sie verleiht ihnen jedoch Gewicht. Wenn Altersstereotype bei jungen Menschen mit ihrer Gesundheit Jahrzehnte später zusammenhängen, betrifft der gesellschaftliche Umgang mit dem Alter jede Generation. Wie wir heute über alte Menschen sprechen, prägt möglicherweise auch, was jüngere Menschen später von sich selbst erwarten.

Damit beginnt das eigene Alter in gewisser Weise lange vor dem ersten grauen Haar. Es beginnt in den Geschichten, Bildern und Urteilen, mit denen ein Mensch lernt, sich seine spätere Zukunft vorzustellen.

Grenzen der Studie

Die Untersuchung besitzt mit ihrem Beobachtungszeitraum von bis zu 38 Jahren eine außergewöhnliche Stärke. Gleichzeitig bleiben wichtige Einschränkungen:

    • Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen zeitlich weitreichenden Zusammenhang, aber keinen eindeutigen Kausalnachweis.
    • Nicht erfasste Persönlichkeitsmerkmale oder Lebensbedingungen könnten sowohl die Altersbilder als auch die spätere Gesundheit beeinflusst haben.
    • Die Stichprobe war mit 305 Männern und 81 Frauen deutlich unausgewogen.
    • Teilnehmer einer langfristigen Altersstudie können gesundheitsbewusster oder sozial privilegierter sein als die Gesamtbevölkerung.
    • Die Skala erfasste vor allem negative pauschale Vorstellungen über alte Menschen. Verschiedene Bereiche des Alterns wurden nur begrenzt unterschieden.
    • Untersucht wurden Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf jede körperliche, geistige oder soziale Entwicklung im Alter übertragen.

Gerade deshalb sollte die Studie weder als Beweis für die Macht positiven Denkens noch als Schuldzuweisung an erkrankte Menschen gelesen werden. Ihr Wert liegt in einem anderen Gedanken:

Vorstellungen vom Alter könnten ein langfristig wirksamer Teil jener Bedingungen sein, unter denen Menschen altern.

Studieninformationen

Infobox zur Studie

Forschungsfeld: Alterspsychologie, Gesundheitspsychologie, Gerontologie
Journal: Psychological Science
Veröffentlichung: 2009
Studientyp: Prospektive Langzeit- und Beobachtungsstudie
Ausgewertete Teilnehmerzahl: 386

Beobachtungszeitraum: bis zu 38 Jahre
Originalstudie: Becca R. Levy, Alan B. Zonderman, Martin D. Slade und Luigi Ferrucci: Age Stereotypes Held Earlier in Life Predict Cardiovascular Events in Later Life
Volltext: Frei zugängliche Originalstudie bei PubMed Central
DOI: 10.1111/j.1467-9280.2009.02298.x