– Wenn eine Gesellschaft auf die anderen wartet
Eine Gesellschaft voller Problemdiagnosen
Wir leben in einer Gesellschaft, die erstaunlich viel über ihre Probleme weiß. Kaum ein Missstand bleibt unbeschrieben. Wissenschaftler untersuchen seine Ursachen, Journalisten berichten darüber, Politiker versprechen Lösungen, Bürger diskutieren, kommentieren und kritisieren. Informationen stehen in einer Fülle zur Verfügung, wie sie frühere Generationen kaum für möglich gehalten hätten.
Und dennoch entsteht bisweilen ein merkwürdiger Eindruck: Je mehr über gesellschaftliche Probleme gesprochen wird, desto deutlicher scheint die Erwartung zu werden, dass andere sie endlich lösen sollen.
Die Politik soll verantwortlicher handeln, die Medien sollen ausgewogener berichten, Unternehmen sollen ihre Interessen zurückstellen, Bürger sollen vernünftiger werden und gesellschaftliche Gruppen sollen mehr Verständnis füreinander entwickeln. Fast jeder kann überzeugend erklären, wo Veränderungen notwendig wären. Auffällig ist lediglich, dass der Ort dieser Veränderungen häufig außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt.
Eine Gesellschaft kann ihre Probleme immer genauer beschreiben und zugleich erstaunlich unbeweglich bleiben.
Was zunächst widersprüchlich erscheint, lässt sich durch einen psychologischen Mechanismus erklären, der bereits im Beitrag „Selbstexkulpierende Problemwahrnehmung – Warum wir Probleme zuerst bei anderen sehen“ näher betrachtet wurde.
Selbstexkulpation bezeichnet die Entlastung der eigenen Person von Schuld oder Verantwortung. Bei der selbstexkulpierenden Problemwahrnehmung richtet sich die Aufmerksamkeit bevorzugt auf äußere Ursachen und die Verantwortlichkeit anderer. Der eigene Anteil tritt dabei in den Hintergrund.
Was im persönlichen Alltag beginnt, kann sich über Gruppen, Institutionen und öffentliche Debatten zu einem gesellschaftlichen Muster entwickeln. Aus der individuellen Überzeugung, dass die anderen das Problem verursachen, wird eine gemeinsame Erwartung: Die anderen sollen sich ändern.
Doch was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn diese Haltung immer weitere Bereiche ihres Zusammenlebens prägt?
Wenn Verantwortung weitergereicht wird
Moderne Gesellschaften sind komplex. Gesellschaftliche Probleme entstehen selten aus einer einzigen Ursache. Politische Entscheidungen, wirtschaftliche Interessen, kulturelle Gewohnheiten, soziale Verhältnisse und individuelles Verhalten wirken aufeinander ein. Wer diese Zusammenhänge berücksichtigt, erkennt schnell, dass einfache Schuldzuweisungen der Wirklichkeit häufig kaum gerecht werden.
Allerdings besitzt diese Komplexität auch eine entlastende Seite. Wenn ein Problem von zahlreichen Faktoren abhängt, erscheint der eigene Beitrag unbedeutend. Was könnte ein Einzelner schon verändern, wenn wirtschaftliche Strukturen, politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Entwicklungen die entscheidende Rolle spielen?
So entsteht eine eigentümliche Kreisbewegung.
Der Bürger verweist auf die Politik, die Politik auf fehlende Mehrheiten, Unternehmen auf die Nachfrage und Konsumenten auf das vorhandene Angebot. Die Medien erklären, dass sie auf das Interesse ihres Publikums reagieren, während das Publikum beklagt, von den Medien beeinflusst zu werden. Digitale Plattformen verweisen auf das Verhalten ihrer Nutzer, die wiederum erklären, dass ihnen bestimmte Inhalte durch Algorithmen angezeigt werden.
Jede dieser Erklärungen kann einen zutreffenden Kern enthalten. Darin liegt die besondere Wirksamkeit dieses Mechanismus. Die Beteiligten müssen ihre Argumente keineswegs erfinden. Sie können auf tatsächliche Bedingungen und Abhängigkeiten verweisen.
Doch während jeder seinen Standpunkt begründet, verliert sich die Frage nach der eigenen Beteiligung.
Verantwortung verschwindet dadurch keineswegs. Sie wird lediglich so weit verteilt, dass der einzelne Anteil kaum noch wahrgenommen wird. Je mehr Beteiligte aufeinander verweisen können, desto leichter fällt es jedem Einzelnen, sich selbst als weitgehend unbeteiligt zu betrachten.
Eine Gesellschaft der ausgelagerten Zuständigkeit entsteht.
Hinzu kommt, dass gesellschaftliche Probleme häufig über die Suche nach Schuldigen wahrgenommen werden. Das ist zunächst verständlich. Wer Ursachen erkennen möchte, muss auch nach den Entscheidungen und Handlungen fragen, die zu einer Entwicklung beigetragen haben.
Schwierig wird es, wenn die Benennung eines Schuldigen bereits als ausreichende Erklärung empfunden wird. Aus einem komplexen Zusammenhang entsteht dann eine überschaubare Geschichte mit eindeutig verteilten Rollen.
Es gibt Verantwortliche, Betroffene und diejenigen, die das Problem durchschaut haben.
Diese Einteilung erleichtert die Orientierung. Zugleich kann sie verdecken, dass sich gesellschaftliche Fehlentwicklungen häufig durch viele kleine Beiträge stabilisieren. Eine problematische Entscheidung kann von wenigen Menschen getroffen worden sein und dennoch durch Gewohnheiten, Anpassung, Zustimmung, Schweigen oder alltägliche Vorteile über lange Zeit wirksam bleiben.
Dabei sind Verantwortlichkeit und Beteiligung voneinander zu unterscheiden. Menschen mit politischer oder wirtschaftlicher Macht tragen eine andere Verantwortung als Menschen, deren Einfluss auf den unmittelbaren Alltag begrenzt ist. Aus der unterschiedlichen Verantwortung folgt allerdings noch keine vollständige Bedeutungslosigkeit der kleineren Beiträge.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob es Hauptverantwortliche gibt, sondern ob ihre Benennung den Blick auf die eigene Beteiligung beendet.
Empörung, moralische Lager und die Rolle der Medien
Gesellschaftliche Missstände lösen Empörung aus. Sie kann Aufmerksamkeit schaffen, Menschen verbinden und Entwicklungen sichtbar machen, die andernfalls unbeachtet blieben. Ohne die Fähigkeit, sich über Unrecht zu empören, würde einer Gesellschaft ein wesentlicher Antrieb zur Veränderung fehlen.
Doch Empörung kann auch eine andere Funktion übernehmen: Sie kann das eigene Selbstbild bestätigen.
Wer sich über das Verhalten anderer empört, erlebt sich häufig auf der richtigen Seite. Er erkennt einen Missstand, benennt Verantwortliche und bringt seine Ablehnung zum Ausdruck. Dadurch entsteht das Gefühl, gesellschaftlich bereits etwas beigetragen zu haben.
Die eigene Beteiligung an vergleichbaren Verhaltensweisen kann dabei unbeachtet bleiben.
Man beklagt einen zunehmend respektlosen Umgang miteinander und spricht selbst verächtlich über Andersdenkende. Man kritisiert moralische Überheblichkeit und betrachtet die eigene Überzeugung als nahezu unangreifbar. Man fordert Verantwortungsbewusstsein, während der eigene Handlungsspielraum als zu gering eingeschätzt wird, um Bedeutung zu besitzen.
Empörung richtet die Aufmerksamkeit nach außen. Sie macht die Fehler anderer sichtbar und kann gleichzeitig den Blick auf die eigenen Widersprüche abschwächen.
Besonders wirksam wird dieser Mechanismus innerhalb gesellschaftlicher Gruppen.
Menschen finden sich aufgrund gemeinsamer Überzeugungen, Interessen und Wertvorstellungen zusammen. Dadurch entstehen Zugehörigkeit, Orientierung und gegenseitige Unterstützung. Mit der Zugehörigkeit wächst allerdings häufig auch die Bereitschaft, die eigene Gruppe wohlwollender zu beurteilen als andere.
Die Gegenseite verfügt dann über Ideologien, während die eigene Gruppe Erkenntnisse besitzt. Die anderen verbreiten Narrative, man selbst orientiert sich an Fakten. Die anderen lassen sich von Emotionen leiten, während die eigenen Reaktionen als berechtigte Sorge gelten.
So entstehen moralische Lager, deren Selbstbeschreibungen einander erstaunlich ähneln, obwohl sie sich gegenseitig entschieden ablehnen.
Die besondere Schwierigkeit besteht darin, dass Kritik zunehmend nach ihrer Herkunft bewertet wird. Eine berechtigte Einwendung aus dem gegnerischen Lager erscheint als Angriff. Kommt die Kritik aus den eigenen Reihen, kann sie als Illoyalität empfunden werden.
Auf diese Weise schützt die Gruppe ihre gemeinsame Überzeugung. Gleichzeitig schränkt sie ihre Fähigkeit ein, aus Widersprüchen und Rückmeldungen zu lernen.
Medien und digitale Plattformen können diesen Vorgang verstärken. Öffentliche Aufmerksamkeit entsteht häufig dort, wo Konflikte zugespitzt, Verantwortliche benannt und deutliche Gegensätze sichtbar gemacht werden. Eine Darstellung, die zeigt, wie falsch die anderen liegen, lässt sich leichter emotional einordnen als eine Betrachtung, die auch die eigene Beteiligung thematisiert.
Digitale Rückmeldungen verstärken diesen Effekt. Zustimmung, Kommentare und Reichweite zeigen unmittelbar, welche Botschaften Resonanz erzeugen. Wer die Überzeugungen seines Publikums bestätigt, kann mit Zustimmung rechnen. Wer Widersprüche innerhalb der eigenen Gruppe anspricht, riskiert Irritation und Ablehnung.
Das bedeutet keineswegs, dass Kritik an anderen grundsätzlich verfehlt wäre. Machtmissbrauch, Fehlentscheidungen und gesellschaftliche Missstände verdienen öffentliche Aufmerksamkeit. Problematisch wird die Entwicklung dort, wo Kritik überwiegend der Bestätigung des eigenen Lagers dient und kaum noch Raum für Selbstprüfung lässt.
Dann entsteht eine Öffentlichkeit, die hervorragend darin ist, die blinden Flecken der anderen zu erkennen, während sie die eigenen immer wirkungsvoller schützt.
Warum eine Gesellschaft trotz Veränderungswillen unbeweglich bleiben kann
Eine besonders auffällige gesellschaftliche Folge zeigt sich im Verhältnis zwischen Bürgern und politischen Institutionen.
Bürger erwarten politische Lösungen. Politiker benötigen Mehrheiten, Zustimmung und gesellschaftliche Akzeptanz. Werden Veränderungen angekündigt, entstehen Erwartungen. Bleiben die erhofften Ergebnisse aus, beginnt die Suche nach den Verantwortlichen.
Die Politik verweist auf wirtschaftliche Bedingungen, rechtliche Grenzen oder fehlende gesellschaftliche Unterstützung. Bürger verweisen auf politische Versäumnisse und unzureichende Entscheidungen. Beide Seiten können berechtigte Argumente anführen. Dennoch kann sich daraus ein Kreislauf entwickeln, in dem die Forderung nach Veränderung bestehen bleibt, während die gegenseitige Verantwortungszuweisung jede weitere Betrachtung überlagert.
Politik und Medien handeln dabei selbst unter Bedingungen, die ihre Möglichkeiten begrenzen. Parteienlogik, Mehrheitsverhältnisse, wirtschaftliche Abhängigkeiten, öffentliche Erwartungen und institutionelle Routinen beeinflussen Entscheidungen. Diese Einflüsse sind real und gehören zur Erklärung gesellschaftlicher Entwicklungen.
Sie können allerdings zugleich zu einer Sprache der Entlastung werden.
Besonders deutlich wird das bei Institutionen, die auf Fehler oder Fehlentwicklungen reagieren. Häufig wird erklärt, dass Verfahren eingehalten, Entscheidungen unter damaligen Bedingungen getroffen oder Zuständigkeiten auf mehrere Stellen verteilt gewesen seien. Solche Aussagen können sachlich zutreffen. Sie beantworten jedoch noch nicht die Frage, weshalb eine Entwicklung überhaupt möglich wurde.
Welche Gewohnheiten, Loyalitäten, Anreize oder unausgesprochenen Erwartungen haben sie begünstigt? Welche Entscheidungen wurden vermieden? Wo wurde Verantwortung zwar formal verteilt, aber praktisch kaum wahrgenommen?
Institutionelle Selbstexkulpation entsteht, wenn die Anerkennung eines Problems mit der weitgehenden Entlastung der eigenen Institution verbunden wird.
Auch gesellschaftliche Gruppen können eine ähnliche Haltung entwickeln, insbesondere wenn ihr gemeinsames Selbstverständnis stark von Erfahrungen der Benachteiligung oder Ungerechtigkeit geprägt ist.
Solche Erfahrungen können real und schwerwiegend sein. Ihre Anerkennung ist eine Voraussetzung für einen verantwortlichen Umgang miteinander. Doch selbst berechtigtes erlittenes Unrecht schließt eigenes problematisches Verhalten keineswegs aus.
Menschen können verletzt worden sein und andere verletzen. Gruppen können Ausgrenzung erfahren und selbst ausgrenzen. Bewegungen können aus berechtigtem Protest entstehen und später eigene Machtpositionen entwickeln, die sie kaum noch kritisch betrachten.
Wenn eine gemeinsame Opfererzählung jede Frage nach der eigenen Beteiligung als Angriff erscheinen lässt, verliert die Gruppe einen Teil ihrer Fähigkeit zur Selbstkorrektur.
Ein weiterer Mechanismus zeigt sich in der Sprache.
„Fehler wurden gemacht.“ „Es kam zu Fehlentwicklungen.“ „Die Situation ist eskaliert.“ „Es besteht Handlungsbedarf.“
Solche Formulierungen begegnen uns häufig. Sie können helfen, vorschnelle Schuldzuweisungen zu vermeiden. Zugleich lassen sie offen, wer gehandelt hat, wer Verantwortung trägt und wer etwas verändern könnte.
Besonders deutlich wird diese Unbestimmtheit in der vertrauten Aussage: „Man müsste mal etwas tun.“
Die Absicht klingt vernünftig. Die Zuständigkeit bleibt offen.
Auf diese Weise kann eine Gesellschaft über Veränderungen sprechen, ohne dass sich aus ihren Aussagen ein erkennbarer Anfang ergibt. Die Sprache vermittelt Handlungsbereitschaft, während die Frage nach dem Handelnden unbeantwortet bleibt.
Was dabei verloren geht
Wenn Verantwortung überwiegend als Forderung an andere verstanden wird, verändert sich ihre gesellschaftliche Bedeutung.
Sie bleibt als moralischer Maßstab erhalten. Jeder kann erklären, weshalb andere mehr Verantwortung übernehmen sollten. Was geschwächt wird, ist die Fähigkeit, Verantwortung im eigenen Einflussbereich wahrzunehmen.
Dabei geht Verantwortlichkeit weit über die Frage nach Schuld hinaus. Sie bedeutet auch, die eigene Wirkung innerhalb eines Zusammenhangs erkennen zu können. Welche Überzeugungen tragen wir weiter? Welche Entwicklungen verstärken wir durch Zustimmung oder Gewohnheit? Wo profitieren wir von Verhältnissen, die wir gleichzeitig kritisieren? Welche Erwartungen richten wir an andere, während wir unseren eigenen Beitrag für unbedeutend halten?
Diese Fragen berühren einen Bereich, der in gesellschaftlichen Debatten häufig weniger Aufmerksamkeit erhält als die Suche nach Verursachern.
Aus der ausgelagerten Verantwortung entsteht schließlich eine Kultur des Wartens.
Man wartet auf mutigere Politiker, verantwortungsvollere Unternehmen, ehrlichere Medien, verständnisvollere Mitmenschen und eine Gesellschaft, die endlich umdenkt. Dabei kann das Warten durchaus begründet sein. Viele gesellschaftliche Probleme lassen sich durch individuelles Verhalten allein kaum verändern. Politische Entscheidungen erfordern politische Verantwortung, institutionelle Fehlentwicklungen benötigen institutionelle Veränderungen.
Der Einzelne kann gesellschaftliche Strukturen weder ersetzen noch nach Belieben verändern.
Doch auch dort, wo diese Grenzen bestehen, bleibt ein eigener Handlungsspielraum. Er mag klein sein, unvollständig und von äußeren Bedingungen abhängig. Seine Bedeutung verschwindet jedoch, sobald sämtliche Erwartungen auf andere gerichtet werden.
So kann eine eigentümliche Form der Passivität entstehen, die sich durchaus aktiv anfühlt. Menschen verfolgen Entwicklungen aufmerksam, sammeln Informationen, diskutieren, kritisieren und begründen, weshalb Veränderungen erforderlich sind.
Sie wissen sehr viel darüber, was geschehen sollte.
Nur beginnt es stets an anderer Stelle.
Die gesellschaftliche Folge reicht damit über ausbleibende Veränderungen hinaus. Geschwächt wird auch die Fähigkeit, aus Erkenntnissen zu lernen. Wissen vermehrt sich, ohne zwangsläufig zu einer veränderten Haltung zu führen. Informationen werden zu Argumenten gegen andere, statt gelegentlich auch die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen.
Eine Gesellschaft kann dadurch immer besser informiert sein und zugleich immer weniger Bereitschaft entwickeln, sich von ihren Erkenntnissen selbst berühren zu lassen.
Selbstbestimmtheit beginnt mit Selbstbeteiligung
Selbstbestimmtheit wird überwiegend als persönliche Fähigkeit verstanden. Sie beschreibt die Möglichkeit, eigene Entscheidungen bewusst zu treffen, äußere Einflüsse zu erkennen und das eigene Denken und Handeln zunehmend selbst zu verantworten.
Doch Selbstbestimmtheit besitzt auch eine gesellschaftliche Dimension.
Eine Gesellschaft, in der Menschen ihre eigenen Anteile erkennen können, verfügt über andere Voraussetzungen zur Veränderung als eine Gesellschaft, in der sich jeder vor allem durch die Fehler anderer bestätigt sieht.
Das gilt für Einzelne ebenso wie für Gruppen und Institutionen. Wer eigene Widersprüche wahrnehmen kann, erhält die Möglichkeit zur Korrektur. Eine Gruppe, die Kritik aus den eigenen Reihen zulässt, kann ihre gemeinsamen Überzeugungen weiterentwickeln. Eine Institution, die über die Einhaltung ihrer Verfahren hinaus nach den Ursachen eigener Fehlentwicklungen fragt, kann aus Erfahrungen lernen.
Dafür braucht es weder eine allgemeine Schuldzuweisung noch die Erwartung, jeder Mensch könne sämtliche gesellschaftlichen Probleme durch persönliche Veränderungen lösen.
Vielmehr geht es um eine Kultur der Selbstbeteiligung.
Sie erkennt unterschiedliche Machtverhältnisse und Verantwortlichkeiten an. Sie berücksichtigt strukturelle Grenzen und reale Abhängigkeiten. Gleichzeitig bleibt sie offen für die Frage, an welchen Stellen Menschen selbst an dem beteiligt sind, was sie kritisieren.
Eine solche Haltung verändert zunächst den Blick auf gesellschaftliche Probleme.
Die Frage „Wer ist dafür verantwortlich?“ behält ihre Berechtigung. Neben ihr entsteht jedoch eine weitere: „Welche Anteile tragen wir selbst zu dieser Entwicklung bei?“
Die Frage „Was sollten die anderen endlich verstehen?“ wird ergänzt durch die Überlegung: „Welche Erkenntnis könnte auch für uns unbequem werden?“
Damit verschiebt sich der Ort möglicher Veränderung. Er liegt weiterhin dort, wo Entscheidungen getroffen und Macht ausgeübt wird. Zugleich wird er dort sichtbar, wo Menschen durch ihr eigenes Verhalten bestehende Verhältnisse mittragen, verstärken oder infrage stellen können.
Diese Betrachtung ist weniger geeignet, schnelle Zustimmung zu erzeugen. Sie bietet kaum die moralische Eindeutigkeit eines klar benannten Gegners. Sie verlangt, Widersprüche auszuhalten und den eigenen Anteil anzuerkennen, ohne daraus eine pauschale Selbstanklage entstehen zu lassen.
Darin könnte jedoch eine wichtige Voraussetzung gesellschaftlicher Lernfähigkeit liegen.
Denn eine Gesellschaft verändert sich kaum allein dadurch, dass ihre Mitglieder immer überzeugender erklären, was andere ändern sollten. Veränderung wird auch dort möglich, wo Menschen beginnen, den eigenen Anteil an den Verhältnissen zu erkennen, unter denen sie leben.
Vielleicht besteht eine der größten Herausforderungen unserer Zeit deshalb weniger darin, noch mehr über gesellschaftliche Probleme zu erfahren. Vielleicht liegt sie darin, das bereits vorhandene Wissen gelegentlich auch auf uns selbst anzuwenden.
Das Beitragsbild zeigt drei Gruppen, die mit unterschiedlichen Forderungen für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Jede vertritt ein Anliegen, das aus ihrer Sicht begründet und wichtig ist. Was zwischen ihnen fehlt, ist der gemeinsame Austausch. Statt die Perspektiven der anderen kennenzulernen und nach Lösungen zu suchen, die unterschiedliche Interessen berücksichtigen, bleibt jede Gruppe in ihrer eigenen Überzeugung. Das Bild steht damit beispielhaft für eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Engagement und Veränderungswille vorhanden sind, gegenseitige Verständigung und gemeinsame Verantwortung jedoch in den Hintergrund geraten.
Wo endet unsere berechtigte Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen – und wo beginnt die Erwartung, dass ausschließlich andere etwas daran verändern sollen?
Zum Weiterlesen: Die ausführliche Betrachtung als kostenloses PDF
Dieser Beitrag fasst die gesellschaftlichen Folgen der selbstexkulpierenden Problemwahrnehmung zusammen. Die ausführliche Darstellung findet sich im Kapitel „Gesellschaftliche Folgen“ des kostenlosen PDFs „Die anderen sollen sich ändern – Selbstexkulpierende Problemwahrnehmung“.
Dort werden die einzelnen Mechanismen vertieft und in den größeren Zusammenhang ihrer psychologischen Ursachen, ihrer Wirkung auf Gruppen und ihrer Bedeutung für die Selbstbestimmtheit eingeordnet.