Eine neue Studie zeigt, wie die Einbeziehung von Kindern in elterliche Konflikte mit psychischer Belastung bis ins Erwachsenenalter zusammenhängt.
Wenn der Konflikt der Eltern zum Konflikt des Kindes wird
Trennen sich Eltern oder geraten dauerhaft miteinander in Konflikt, betrifft das fast immer auch ihre Kinder. Entscheidend ist jedoch, welche Rolle das Kind dabei bekommt. Darf es zu beiden Eltern eine eigene Beziehung behalten? Oder wird es immer stärker in den Konflikt hineingezogen?
Eine neue britische Studie zeigt, dass solche Erfahrungen weit verbreitet sein können. Vor allem aber zeigt sie einen deutlichen Zusammenhang: Je stärker junge Erwachsene in ihrer Kindheit sogenannten Parental Alienating Behaviors ausgesetzt waren, desto häufiger berichteten sie später von depressiven Symptomen, posttraumatischer Belastung und weiteren psychischen Problemen.
Damit rückt eine wichtige Frage in den Mittelpunkt: Beginnt das Problem wirklich erst dann, wenn ein Kind einen Elternteil vollständig ablehnt? Oder kann bereits die fortgesetzte Einbeziehung in den elterlichen Konflikt Spuren hinterlassen?
Die Studie
Forscher um Benjamin A. Hine von der University of West London untersuchten 1.004 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren in Großbritannien. Die Teilnehmer wurden rückblickend danach gefragt, welche Erfahrungen sie während ihrer Kindheit mit Mutter und Vater gemacht hatten.
Im Mittelpunkt standen 30 sogenannte Parental Alienating Behaviors, kurz PABs. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, durch die ein Elternteil die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil beeinflussen oder schwächen kann. Die Teilnehmer bewerteten diese Verhaltensweisen jeweils getrennt für Mutter und Vater.
Ein Beispiel lautete sinngemäß: Ein Elternteil vermittelte dem Kind Schuldgefühle, wenn es beim anderen Elternteil eine schöne Zeit verbracht hatte. Ein anderes Beispiel bezog sich darauf, das Kind dazu zu bewegen, weniger Zeit mit dem anderen Elternteil zu verbringen. Insgesamt sollte damit ein breites Spektrum möglicher Verhaltensweisen erfasst werden.
Zusätzlich untersuchten die Forscher, wie die Teilnehmer die Beziehung zu ihren Eltern wahrnahmen. Dabei ging es unter anderem um Wärme und Zuneigung, Zurückweisung, Vernachlässigung und das Gefühl, von einem Elternteil wirklich gewollt und angenommen worden zu sein.
Schließlich wurden verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit erfasst. Dazu gehörten depressive Symptome, Symptome einer posttraumatischen Belastung sowie Gedanken an Suizid.
Wichtig ist eine begriffliche Unterscheidung: Die Studie untersuchte entfremdende Verhaltensweisen, nicht automatisch eine vollständige Eltern-Kind-Entfremdung.
Von Parental Alienation sprechen die Autoren erst dann, wenn ein Kind sich stark mit einem Elternteil verbündet und den anderen ohne ausreichenden sachlichen Grund zurückweist. PABs können zu einer solchen Entwicklung beitragen. Sie führen jedoch keineswegs zwangsläufig dazu.
Zentrale Ergebnisse
Zunächst fällt auf, wie häufig die Teilnehmer von zumindest einzelnen der untersuchten Verhaltensweisen berichteten.
Wenn bereits die Antwort „manchmal“ als Auftreten gewertet wurde, berichteten 98,3 Prozent mindestens eine der abgefragten Verhaltensweisen. 58,5 Prozent nannten mindestens zehn und 25,9 Prozent mindestens zwanzig der insgesamt 30 Verhaltensweisen. Auch bei einer strengeren Auswertung, die nur „oft“ oder „meistens“ berücksichtigte, berichtete ein großer Teil der Teilnehmer von entsprechenden Erfahrungen.
Diese sehr hohen Zahlen sollten allerdings vorsichtig interpretiert werden. Nicht jedes einzelne Verhalten ist in jedem familiären Zusammenhang automatisch schädlich. Manche Handlungen können beispielsweise auch dem Schutz eines Kindes dienen. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Erwachsene rückblickend Verhaltensweisen als entfremdend wahrnehmen können, die in der konkreten Situation möglicherweise eine andere Funktion hatten.
Deutlich interessanter als die reine Häufigkeit ist deshalb der Zusammenhang mit der späteren psychischen Belastung.
Je häufiger die Teilnehmer von PABs berichteten, desto geringer war im Durchschnitt die wahrgenommene elterliche Akzeptanz. Gleichzeitig nahm das Gefühl elterlicher Zurückweisung zu. Dieses Muster zeigte sich sowohl in Bezug auf Mütter als auch auf Väter.
Auch bei der psychischen Gesundheit zeigten sich deutliche Zusammenhänge. Eine stärkere Belastung durch solche Verhaltensweisen ging mit mehr Symptomen einer posttraumatischen Belastung und mit mehr depressiven Symptomen einher. Außerdem fanden die Forscher Zusammenhänge mit verschiedenen Fragen zu Suizidgedanken.
Die Studie zeigt damit keine einfache Kausalkette. Sie kann nicht beweisen, dass bestimmte Verhaltensweisen der Eltern unmittelbar Depressionen oder posttraumatische Belastungsreaktionen verursachen. Dafür ist das Studiendesign nicht geeignet.
Die Teilnehmer wurden zu einem einzigen Zeitpunkt befragt und berichteten rückblickend über ihre Kindheit. Erinnerungen können sich verändern, Zusammenhänge können nachträglich anders interpretiert werden und andere familiäre Belastungen können ebenfalls eine Rolle spielen. Die Autoren benennen diese Einschränkungen ausdrücklich.
Trotzdem bleibt ein auffälliges Muster bestehen:
Je stärker junge Menschen davon berichteten, zwischen die Fronten ihrer Eltern geraten zu sein, desto stärker berichteten sie auch von psychischer Belastung.
Bedeutung der Ergebnisse
Bei Konflikten zwischen Eltern richtet sich die Aufmerksamkeit häufig auf den sichtbarsten Endpunkt: Ein Kind möchte einen Elternteil nicht mehr sehen, lehnt ihn massiv ab oder bricht den Kontakt vollständig ab.
Die neue Studie lenkt den Blick auf eine frühere Phase. Psychische Belastung kann offenbar schon dort entstehen, wo ein Kind wiederholt in einen Konflikt hineingezogen wird, der eigentlich zwischen Erwachsenen besteht.
Dabei braucht es keine offene Aufforderung wie:
„Du sollst deinen Vater nicht mehr mögen.“
Oft wirken wesentlich subtilere Botschaften.
Ein Kind kommt beispielsweise gut gelaunt von einem Wochenende beim Vater zurück und bemerkt, dass die Mutter darauf kühl oder verletzt reagiert.
Oder es erzählt dem Vater etwas Positives über die Mutter und spürt sofort dessen Ärger.
Vielleicht hört es immer wieder, was der andere Elternteil falsch gemacht hat. Vielleicht soll es Nachrichten überbringen, Informationen beschaffen oder bestätigen, wer in einem Streit recht hat.
Das Kind lernt dadurch etwas über Beziehungen. Es lernt möglicherweise, dass seine Zuneigung Folgen hat.
Wer den einen liebt, verletzt den anderen.
Wer sich freut, erzeugt Schuldgefühle.
Wer neutral bleiben möchte, enttäuscht beide Seiten.
Damit entsteht aus einem Konflikt zwischen zwei Erwachsenen ein innerer Konflikt im Kind.
Die Frage lautet plötzlich nicht mehr nur:
„Wen habe ich lieb?“
Sondern:
„Wen darf ich lieb haben?“
Genau darin liegt die psychologische Bedeutung der Studie.
Kinder brauchen die Möglichkeit, zu beiden Eltern eine eigene Beziehung zu entwickeln. Sie brauchen das Gefühl, dass ihre Zuneigung zu einem Elternteil keine Loyalitätsverletzung gegenüber dem anderen darstellt.
Wird diese Freiheit eingeschränkt, betrifft das mehr als die Beziehung zu Mutter oder Vater. Es kann grundlegende Vorstellungen darüber prägen, wie Beziehungen überhaupt funktionieren.
Studieninformationen
Infoboxen zu den Studien
Infobox 1 – Hauptstudie
Studieninformationen
Forschungsfeld: Eltern-Kind-Beziehungen, psychische Gesundheit
Journal: Frontiers in Public Health
Veröffentlichung: 2026
Studientyp: Querschnittsstudie mit retrospektiven Selbstauskünften
Teilnehmerzahl: 1.004 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren
Untersucht wurde: Zusammenhang zwischen Parental Alienating Behaviors, wahrgenommener elterlicher Akzeptanz bzw. Zurückweisung und psychischer Belastung
Originalstudie: Hine et al.
Link zur Studie: https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1803173/full
Infobox 2 – Ergänzende Studie
Forschungsfeld: Belastende Kindheitserfahrungen, psychische Gesundheit
Veröffentlichung: 2023
Studientyp: Querschnittsstudie mit retrospektiven Selbstauskünften
Teilnehmerzahl: 416 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren
Untersucht wurde: Ob der Zusammenhang zwischen Parental Alienating Behaviors und psychischer Belastung auch unter Berücksichtigung weiterer belastender Kindheitserfahrungen bestehen bleibt
Zentraler Zusatzbefund: Der Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem unter anderem körperliche Misshandlung und Vernachlässigung statistisch berücksichtigt wurden.
Originalstudie: Portilla-Saavedra, Pinto-Cortez und Moya-Vergara
Link zur Studie: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10528598/
Eigene Einordnung: Wenn aus Loyalität ein inneres Programm wird
Besonders interessant wird die Studie, wenn man sie aus der Perspektive der Persönlichkeitsentwicklung betrachtet.
Kinder können den Konflikt ihrer Eltern kaum aus einer distanzierten Erwachsenenperspektive betrachten. Sie analysieren keine Beziehungssysteme. Sie versuchen vielmehr zu verstehen, welches Verhalten Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung gewährleistet.
Daraus können einfache innere Regeln entstehen:
Wenn ich Mama glücklich machen will, darf ich Papa nicht zu gern haben.
Wenn ich Papa widerspreche, verliere ich vielleicht seine Zuneigung.
Wenn es meiner Mutter schlecht geht, bin ich dafür mitverantwortlich.
Wenn zwei Menschen Streit haben, muss ich mich für eine Seite entscheiden.
Solche Schlussfolgerungen entstehen selten bewusst. Für das Kind können sie jedoch sinnvoll erscheinen, weil sie dabei helfen, sich innerhalb eines belastenden Umfeldes zu orientieren. Später kann die ursprüngliche Situation längst vorbei sein. Die innere Logik kann trotzdem erhalten bleiben.
Ein Erwachsener kann dann beispielsweise große Schwierigkeiten damit haben, unterschiedliche Menschen unabhängig voneinander wertzuschätzen. Er fühlt sich schnell illoyal, sobald er Verständnis für die andere Seite eines Konflikts entwickelt.
Ein anderer übernimmt reflexartig Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen.
Wieder ein anderer vermeidet Konflikte, weil jede Auseinandersetzung unbewusst mit der Gefahr verbunden ist, Zugehörigkeit zu verlieren.
Und manche Menschen erleben Beziehungen vor allem in Kategorien von Bündnissen: Wer nicht für mich ist, steht gegen mich.
Die Studie selbst untersucht solche späteren Persönlichkeitsmuster nicht. Diese Überlegungen sind deshalb eine psychologische Einordnung, keine direkte Aussage der Forscher.
Sie machen jedoch verständlich, weshalb wiederholte Loyalitätskonflikte während der Kindheit langfristige Bedeutung entwickeln können.
Liegt die Belastung vielleicht einfach an einer insgesamt schwierigen Kindheit?
An dieser Stelle stellt sich eine wichtige Gegenfrage.
Familien, in denen Kinder stark in elterliche Konflikte hineingezogen werden, können gleichzeitig durch weitere Probleme belastet sein. Vielleicht erleben die Kinder zusätzlich Vernachlässigung, Gewalt, starke familiäre Spannungen oder andere belastende Erfahrungen.
Dann könnte man vermuten:
Nicht die entfremdenden Verhaltensweisen selbst hängen mit der späteren psychischen Belastung zusammen. Sie treten lediglich häufiger in ohnehin problematischen Familien auf.
Genau diese Frage untersuchte bereits 2023 eine Studie mit 416 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren in Chile.
Die Forscher verglichen Personen, die während ihrer Kindheit oder Jugend mindestens eine entfremdende Verhaltensweise erlebt hatten, mit Personen, die keine solchen Erfahrungen berichteten. Die belastete Gruppe zeigte höhere Werte bei Depression, Angst, körperlichen Beschwerden und allgemeiner psychischer Belastung.
Entscheidend war jedoch der nächste Schritt.
Die Forscher berücksichtigten zusätzlich andere belastende Kindheitserfahrungen. Dazu gehörten insbesondere körperliche Misshandlung und Vernachlässigung.
Der Zusammenhang zwischen entfremdenden Verhaltensweisen und psychischer Belastung blieb dennoch bestehen.
Auch diese Studie beweist keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie basiert ebenfalls auf rückblickenden Angaben und einer nicht repräsentativen Stichprobe.
Sie schwächt jedoch eine einfache Erklärung:
Die späteren Belastungen lassen sich offenbar nicht vollständig darauf reduzieren, dass diese Menschen generell eine schwierigere Kindheit erlebt haben.
Noch bemerkenswerter ist eine weitere Aussage der Autoren dieser Studie: Eine vollständige Entfremdung muss gar nicht eingetreten sein. Bereits das Erleben einzelner oder wiederholter entfremdender Verhaltensweisen kann mit einer schlechteren psychischen Gesundheit im späteren Leben verbunden sein.
Damit ergänzen sich beide Untersuchungen.
Und daraus ergibt sich eine zentrale Botschaft:
Das Problem beginnt nicht erst dann, wenn ein Kind den anderen Elternteil vollständig ablehnt. Bereits die wiederholte Einbeziehung eines Kindes in den Konflikt seiner Eltern kann mit langfristiger psychischer Belastung verbunden sein.
Für die Persönlichkeitsentwicklung ergibt sich daraus noch ein weiterführender Gedanke.
Selbstbestimmtheit entsteht dort, wo ein Mensch eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Beziehungen entwickeln darf.
Ein Kind, das selbst entscheiden darf, wie es Mutter und Vater erlebt, sammelt genau diese Erfahrung: Meine Gefühle gehören mir. Ich darf Menschen unterschiedlich wahrnehmen. Ich darf jemanden lieben, auch wenn ein anderer Mensch Schwierigkeiten mit ihm hat.
Gerät das Kind dagegen dauerhaft zwischen die Fronten, wird diese Selbstbestimmtheit eingeschränkt.
Dann bestimmen möglicherweise die Konflikte der Erwachsenen darüber, was das Kind fühlen, denken und äußern darf.
Und genau darin könnte eine der langfristig bedeutsamsten Folgen liegen: Nicht nur die Beziehung zu einem Elternteil wird beeinflusst. Auch die Fähigkeit, den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen unabhängig von den Erwartungen anderer zu vertrauen, kann darunter leiden.