Wenn ein Kind ursprünglich nicht gewollt war

Was bedeutet es für einen Menschen, wenn seine Mutter die Schwangerschaft ursprünglich nicht wollte? Und welche Spuren können solche Ausgangsbedingungen über Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben hinweg hinterlassen?

Eine außergewöhnliche Langzeitstudie aus Prag ging dieser Frage über mehr als drei Jahrzehnte nach. Die Forscher begleiteten Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft zweimal einen Schwangerschaftsabbruch beantragt hatten und beide Male abgewiesen worden waren. Sie verglichen deren Entwicklung mit der von Kindern aus ursprünglich akzeptierten Schwangerschaften.

Das Ergebnis ist differenziert. Die ungewollt geborenen Kinder waren keineswegs grundsätzlich kränker, weniger intelligent oder zwangsläufig auffällig. Dennoch zeigten sich im Verlauf ihres Lebens immer wieder Unterschiede in ihrer sozialen und psychischen Entwicklung. Teilweise wurden diese Unterschiede über die Jahre sogar größer.

Damit berührt die Studie eine grundlegende Frage der Persönlichkeitsentwicklung: Wie stark prägen frühe Beziehungserfahrungen unser späteres Verhältnis zu uns selbst und zu anderen Menschen?

Die Prager Langzeitstudie

Die sogenannte Prague Study begann Ende der 1960er-Jahre. Grundlage waren Unterlagen der Prager Abtreibungskommission aus den Jahren 1961 bis 1963.

Damals war ein Schwangerschaftsabbruch in der damaligen Tschechoslowakei unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Frauen mussten einen entsprechenden Antrag stellen. Wurde dieser abgelehnt, konnten sie Einspruch einlegen.

Die Forscher konnten dadurch eine ungewöhnlich klar definierte Gruppe identifizieren: Frauen, die für dieselbe Schwangerschaft zweimal einen Abbruch beantragt hatten – zunächst regulär und anschließend noch einmal im Berufungsverfahren – und beide Male abgewiesen worden waren.

Von ursprünglich 24.889 Anträgen auf Schwangerschaftsabbruch wurden 638 sowohl beim ersten Antrag als auch im Berufungsverfahren abgelehnt. Nach weiteren Ausschlüssen konnten 501 Frauen nachverfolgt werden.

Dabei zeigte sich bereits etwas Bemerkenswertes: 185 dieser Frauen brachten das betreffende Kind nicht zur Welt. Manche erhielten später doch noch einen legalen Schwangerschaftsabbruch, andere hatten nach den Unterlagen eine Fehlgeburt, bei weiteren ließ sich keine Geburt feststellen.

Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass dadurch möglicherweise gerade besonders ausgeprägte Fälle einer unerwünschten Schwangerschaft bereits vor Beginn der eigentlichen Studie aus der Untersuchungsgruppe herausfielen.

316 Frauen brachten ihre Schwangerschaft schließlich in Prag zu Ende. Nach Todesfällen, Adoptionen, Umzügen und weiteren Ausschlüssen konnten 220 Kinder in die eigentliche Langzeituntersuchung aufgenommen werden. Die Gruppe bestand aus 110 Jungen und 110 Mädchen.

Diese Kinder waren damit in einem sehr konkreten Sinne ursprünglich ungewollt: Ihre Mütter hatten aktiv versucht, die betreffende Schwangerschaft zu beenden.

Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass diese Kinder nach ihrer Geburt dauerhaft ungeliebt oder abgelehnt wurden. Genau diese Unterscheidung ist für die Interpretation der Studie wichtig.

Wie die Forscher vorgingen

Für jedes der 220 Kinder suchten die Forscher im Alter von etwa neun Jahren ein möglichst vergleichbares Kind aus einer akzeptierten Schwangerschaft.

Die Vergleichspaare wurden unter anderem hinsichtlich Alter, Geschlecht, Geburtenreihenfolge, Geschwisterzahl und besuchter Schule aufeinander abgestimmt. Auch das Alter der Mütter, der soziale Status der Familien und die Frage, ob ein Partner im Haushalt lebte, wurden berücksichtigt.

Damit wollten die Forscher erreichen, dass Unterschiede zwischen den Gruppen möglichst wenig durch offensichtliche soziale oder demografische Faktoren erklärt werden konnten.

Die Teilnehmer wurden über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren mehrfach untersucht:

im Alter von etwa 9 Jahren, mit 14 bis 16 Jahren, mit 21 bis 23 Jahren, mit 28 bis 31 Jahren und schließlich noch einmal mit 32 bis 35 Jahren.

Zusätzlich gab es im Alter zwischen 26 und 28 Jahren eine Untersuchung der Partnerschaften verheirateter Teilnehmer. In den späteren Untersuchungsphasen wurden außerdem die Geschwister der Teilnehmer einbezogen. Dadurch wollten die Forscher besser unterscheiden, welche Auffälligkeiten möglicherweise mit dem allgemeinen Familienumfeld zusammenhingen und welche stärker mit der ursprünglich ungewollten Schwangerschaft verbunden waren.

Die Teilnehmer selbst wurden dabei bewusst nicht darüber informiert, dass ihre ursprüngliche Erwünschtheit Gegenstand der Untersuchung war. Offiziell lief das Projekt unter der Bezeichnung „Prague Study of Child Development“.

Bemerkenswert ist auch eine weitere Beobachtung: Als die Mütter neun Jahre nach der Geburt noch einmal auf den damaligen Abbruchwunsch angesprochen wurden, bestritten 83 der 220 Frauen – also 38 Prozent –, jemals einen Schwangerschaftsabbruch für dieses Kind beantragt zu haben. Die ursprünglichen Anträge waren jedoch dokumentiert.

Schon daran wird sichtbar, wie schwierig das Thema „gewollt oder ungewollt“ psychologisch und biografisch sein kann.

Was sich in der Kindheit und Jugend zeigte

Zu Beginn ihres Lebens unterschieden sich beide Gruppen überraschend wenig.

Es gab keine statistisch bedeutsamen Unterschiede beim Geburtsgewicht, bei der Körpergröße oder bei angeborenen Fehlbildungen. Auch hinsichtlich der Intelligenz zeigte sich im Alter von neun Jahren praktisch kein Unterschied.

Auf der tschechischen Version des Wechsler-Intelligenztests erreichten die Kinder aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt einen Wert von 102, die Vergleichsgruppe einen Wert von 103.

Die entscheidenden Unterschiede lagen also nicht in den grundlegenden geistigen Fähigkeiten.

Sie zeigten sich vielmehr im sozialen und schulischen Bereich.

Die Kinder aus den ursprünglich ungewollten Schwangerschaften erhielten im Durchschnitt schlechtere Schulnoten im Fach Tschechisch. Lehrer und Mütter bewerteten ihre schulischen Leistungen, ihren Fleiß und ihr Verhalten ungünstiger.

Noch interessanter erscheint ein Befund aus dem sozialen Bereich: Die Kinder wurden von ihren Mitschülern häufiger als mögliche Freunde abgelehnt. Auch überließen ihre Mütter die Erziehung häufiger anderen Personen.

Die Forscher fassten verschiedene Hinweise auf soziale und psychische Anpassungsprobleme zusätzlich zu einem sogenannten „Maladaptation Score“ zusammen. Dieser sollte erfassen, wie gut ein Kind mit den Anforderungen seines sozialen Umfeldes zurechtkam.

Auch hier schnitt die Gruppe der ursprünglich ungewollten Kinder im Durchschnitt ungünstiger ab. Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei Jungen und bei Einzelkindern.

Mit 14 bis 16 Jahren wurden einige Unterschiede deutlicher.

Dabei zeigte sich ein interessantes Muster: Die ungewollt geborenen Jugendlichen waren nicht hauptsächlich dadurch auffällig, dass sie besonders häufig versagten. Vielmehr waren sie unter den besonders erfolgreichen Schülern deutlich seltener vertreten.

Sie fanden sich erheblich seltener unter den überdurchschnittlich bewerteten Schülern und setzten ihre Ausbildung seltener an weiterführenden Schulen fort. Stattdessen begannen sie häufiger eine Berufsausbildung oder nahmen eine Tätigkeit ohne vorherige berufliche Qualifikation auf.

Dieser Befund ist bemerkenswert: Die Unterschiede bestanden weniger darin, dass die Betroffenen ständig besonders schlecht abschnitten. Sie waren vielmehr seltener dort zu finden, wo sich eine besonders positive Entwicklung zeigte.

Die Unterschiede wurden im Erwachsenenalter deutlicher

Im Alter von 21 bis 23 Jahren zeigte sich das Muster zunehmend auch außerhalb von Schule und Ausbildung.

Die jungen Erwachsenen aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften berichteten häufiger von Problemen in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Sie waren im Durchschnitt weniger zufrieden mit ihrer beruflichen Situation, berichteten häufiger über Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten und beschrieben ihre Freundschaften als weniger zahlreich und weniger befriedigend. Auch Enttäuschungen in Liebesbeziehungen traten häufiger auf.

Besonders auffällig war die rückblickende Bewertung des eigenen Lebens.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe erklärte weniger als ein Drittel so vieler Betroffener, das eigene Leben habe sich so entwickelt, wie sie es erwartet hatten. Gleichzeitig berichteten mehr als doppelt so viele, wesentlich mehr Schwierigkeiten erlebt zu haben, als sie ursprünglich angenommen hatten.

Auch die Mütter bewerteten die Entwicklung ihrer Kinder rückblickend ungünstiger. Sie äußerten häufiger Unzufriedenheit mit deren Bildungsweg und sozialer Situation.

Im Alter um 30 Jahre wurden die Unterschiede zwischen den Gruppen wieder etwas kleiner. Sie verschwanden jedoch nicht vollständig. Die Untersuchung zeigte außerdem, dass ein Teil der Auffälligkeiten offenbar mit dem familiären Umfeld insgesamt zusammenhing. Genau deshalb bezogen die Forscher nun auch die Geschwister in ihre Analysen ein.

Ein Ergebnis blieb dabei besonders auffällig: Teilnehmer aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften waren im Laufe ihres Lebens häufiger psychiatrisch behandelt worden als sowohl die Vergleichspersonen als auch ihre eigenen Geschwister. Besonders deutlich war der Unterschied bei stationären psychiatrischen Behandlungen.

Andere mögliche Problembereiche zeigten dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang. In der späteren Analyse fanden die Forscher beispielsweise keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer ursprünglich ungewollten Schwangerschaft und Kriminalität, alkoholbezogenen Störungen oder starkem Rauchen.

Auch das gehört zu einer nüchternen Betrachtung der Ergebnisse.

Was die Studie zeigt – und was sie nicht zeigt

Die Prager Studie liefert Hinweise darauf, dass Menschen aus stark ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt ein erhöhtes Risiko für ungünstigere psychosoziale Entwicklungen und psychische Probleme im Erwachsenenalter aufweisen können.

Sie zeigt jedoch keinen einfachen Automatismus.

Aus einem ungewollten Kind wird nicht zwangsläufig ein psychisch belasteter Erwachsener. Ebenso wenig bedeutet eine ungeplante Schwangerschaft automatisch, dass ein Kind später Ablehnung erfährt.

Schon die untersuchte Gruppe unterscheidet sich deutlich von vielen Situationen, in denen Eltern heute von einer „ungeplanten“ Schwangerschaft sprechen. Bei den Prager Frauen handelte es sich um Schwangerschaften, für die zweimal ausdrücklich ein Abbruch beantragt worden war. Die Untersuchung beschreibt damit eine besonders deutlich dokumentierte Form ursprünglicher Unerwünschtheit.

Gleichzeitig sagt ein Abbruchwunsch während der Schwangerschaft wenig darüber aus, wie sich die Beziehung zum Kind nach der Geburt entwickelt.

Eine Frau kann eine Schwangerschaft zunächst ablehnen und ihr Kind später liebevoll annehmen. Umgekehrt kann ein ursprünglich ausdrücklich gewünschtes Kind in einem familiären Umfeld aufwachsen, in dem es häufig Kritik, emotionale Distanz oder Ablehnung erlebt.

Die Begriffe „ungewollt geboren“ und „abgelehnt aufgewachsen“ bezeichnen deshalb zwei unterschiedliche Dinge.

Gerade dieser Unterschied ist entscheidend.

Die Prager Studie zeigt außerdem nicht eindeutig, welcher psychologische Mechanismus die gefundenen Unterschiede verursacht hat. Die Forscher beobachteten Entwicklungen und Zusammenhänge über Jahrzehnte. Sie konnten jedoch nicht für jeden einzelnen Teilnehmer feststellen, welche konkreten Erfahrungen innerhalb der Familie für die spätere Entwicklung verantwortlich waren.

Auch die Familien insgesamt unterschieden sich. Bereits in den ersten drei Untersuchungsphasen zeigte sich, dass die Familien aus der Gruppe der ungewollten Schwangerschaften im Durchschnitt instabiler und stärker belastet waren. Die Einbeziehung der Geschwister in späteren Untersuchungsphasen sollte deshalb gerade helfen, solche familiären Einflüsse besser zu berücksichtigen.

Die zentrale Aussage der Studie lautet daher eher:

Eine stark ungewollte Schwangerschaft kann ein Risikomerkmal für die spätere psychosoziale und psychische Entwicklung sein. Sie legt den weiteren Lebensweg jedoch nicht fest.

Genau an dieser Stelle entsteht eine weiterführende Frage, die die Studie selbst nur teilweise beantworten kann:

Was geschieht, wenn ein Kind innerhalb seiner Familie tatsächlich wiederholt Ablehnung erlebt – unabhängig davon, ob es ursprünglich gewollt war – und Jahre später erfährt, dass seine Mutter oder seine Eltern es ursprünglich gar nicht haben wollten?

Eine solche Erkenntnis trifft möglicherweise auf ein Selbstbild, das sich längst entwickelt hat.

Und sie kann alten Erfahrungen plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung geben.

Eigene Einordnung: Wenn die Erkenntnis, ungewollt gewesen zu sein, das Selbstbild verändert

Die Prager Studie beschreibt statistische Unterschiede zwischen Menschen aus ursprünglich ungewollten und akzeptierten Schwangerschaften. Sie beantwortet jedoch eine andere, psychologisch ebenso interessante Frage nur indirekt: Was kann es für einen Menschen bedeuten, irgendwann zu erfahren, dass er ursprünglich gar nicht gewollt war?

Dabei sollte man zwei Dinge klar voneinander unterscheiden.

Ein Kind kann gewollt sein und sich dennoch abgelehnt fühlen. Eltern können sich ein Kind ausdrücklich gewünscht haben und ihm später trotzdem wenig Zuwendung geben, es häufig kritisieren, seine Bedürfnisse als störend erleben oder emotional kaum erreichbar sein.

Umgekehrt kann eine Schwangerschaft zunächst ungewollt sein und das Kind nach seiner Geburt mit großer Zuneigung angenommen werden.

Entscheidend für die Entwicklung des Kindes dürfte daher weniger die ursprüngliche Absicht der Eltern allein sein. Entscheidend ist vor allem, was das Kind im alltäglichen Zusammenleben erlebt und wie es diese Erfahrungen deutet.

Kinder erleben Verhalten – und suchen dafür eine Erklärung

Ein kleines Kind kennt die Lebensgeschichte seiner Eltern kaum. Es versteht weder deren Beziehungskonflikte noch finanzielle Sorgen, berufliche Belastungen, eigene Kindheitserfahrungen oder psychische Probleme.

Es erlebt zunächst Verhalten.

Die Mutter reagiert gereizt.

Der Vater zieht sich zurück.

Ein Geschwisterkind bekommt scheinbar mehr Aufmerksamkeit.

Eigene Bedürfnisse lösen Unmut aus.

Fehler werden stark kritisiert.

Zuneigung wirkt wechselhaft oder muss scheinbar verdient werden.

Ein Erwachsener könnte für jedes dieser Verhaltensweisen zahlreiche Erklärungen finden. Ein Kind besitzt diese Möglichkeiten noch kaum. Seine soziale Welt besteht aus wenigen wichtigen Menschen, von denen es abhängig ist.

Deshalb liegt eine andere Erklärung sehr viel näher:

„Es hat etwas mit mir zu tun.“

Aus „Meine Mutter ist überfordert“ kann innerlich „Ich störe meine Mutter“ werden.

Aus „Mein Vater kann Gefühle kaum zeigen“ kann „Ich bin seine Zuneigung nicht wert“ werden.

Aus „Meine Eltern haben ständig Konflikte“ kann „Wegen mir gibt es Probleme“ entstehen.

Solche Schlussfolgerungen brauchen niemals ausdrücklich ausgesprochen zu werden. Sie können sich aus vielen kleinen Erfahrungen zusammensetzen.

Forschung zur wahrgenommenen elterlichen Ablehnung passt zu diesem Gedanken. Eine kulturübergreifende Meta-Analyse fand Zusammenhänge zwischen wahrgenommener elterlicher Zurückweisung und verschiedenen ungünstigen Persönlichkeitsmerkmalen bei Kindern. Dazu gehörten unter anderem ein negativer Selbstwert, ein geringeres Gefühl eigener Kompetenz, emotionale Instabilität und eine negativere Sicht auf die soziale Umwelt.

Damit wird etwas Grundsätzliches sichtbar: Kinder entwickeln ihr Bild von sich selbst nicht im luftleeren Raum. Sie lernen auch aus den Reaktionen der Menschen, von denen sie abhängig sind, welchen Wert sie sich selbst zuschreiben.

Aus Erfahrungen entsteht ein Bild der eigenen Person

Eine einzelne Zurückweisung formt noch keine Persönlichkeit. Menschen erleben schließlich immer wieder Konflikte, Kritik und Enttäuschungen. Bedeutsamer wird es, wenn ähnliche Erfahrungen wiederholt auftreten und sich miteinander verbinden.

Dann kann aus

„Mama ist heute genervt von mir“

allmählich

„Ich nerve andere“

werden.

Aus

„Papa interessiert sich heute nicht für das, was ich erzähle“

kann

„Was ich denke und fühle, interessiert niemanden“

werden.

Und aus vielen ähnlichen Situationen kann schließlich eine grundlegende Überzeugung entstehen:

„Ich bin weniger wichtig als andere.“

An dieser Stelle berühren sich Selbstbild und Selbstwert.

Das Selbstbild beantwortet die Frage: Wer glaube ich zu sein?

Der Selbstwert ergänzt die Bewertung: Wie viel bin ich in meinen eigenen Augen wert?

Ein Kind, das sich wiederholt als störend, unerwünscht oder unbedeutend erlebt, kann deshalb eine Vorstellung von sich entwickeln, in der der eigene Wert zunehmend von der Reaktion anderer Menschen abhängig wird.

Und dann kommt vielleicht Jahre später ein Satz

Nun stellen wir uns vor, ein solcher Mensch erfährt irgendwann:

„Eigentlich warst du gar nicht geplant.“

Oder deutlicher:

„Wir wollten damals kein Kind.“

Oder sogar:

„Deine Mutter wollte dich abtreiben.“

Für jemanden, der seine Kindheit überwiegend als liebevoll und sicher erlebt hat, kann diese Information überraschend oder verletzend sein. Sie kann dennoch mit der späteren Erfahrung vereinbar sein:

„Meine Eltern wollten die Schwangerschaft damals nicht, aber sie wollten später mich.“

Ganz anders kann dieselbe Information auf einen Menschen wirken, der bereits ein schwaches Selbstbild entwickelt hat. Dann trifft die Nachricht nicht auf eine leere Fläche.

Sie trifft auf Erinnerungen.

Auf erlebte Zurückweisung.

Auf Kritik.

Auf emotionale Distanz.

Auf das Gefühl, lästig gewesen zu sein.

Auf Momente, in denen Geschwister scheinbar wichtiger waren.

Vielleicht auch auf jahrelanges Grübeln darüber, warum die Beziehung zu Mutter oder Vater so schwierig war. Und plötzlich scheint alles zusammenzupassen.

„Jetzt verstehe ich es.“

Das kann psychologisch enorm wirksam sein.

Wenn eine neue Information die Vergangenheit neu ordnet

Unsere Lebensgeschichte besteht nicht nur aus dem, was geschehen ist. Sie besteht auch daraus, welche Bedeutung wir dem Geschehen geben. Eine neue biografische Information kann deshalb ältere Erfahrungen in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Aus der Erinnerung

„Meine Mutter war häufig genervt von mir“

wird möglicherweise:

„Sie war genervt, weil sie mich nie wollte.“

Aus

„Mein Vater hat sich wenig mit mir beschäftigt“

kann werden:

„Ich war eben das Kind, das eigentlich gar nicht hätte da sein sollen.“

Und aus

„Ich hatte schon immer das Gefühl, weniger wert zu sein“

wird schließlich:

„Jetzt weiß ich, warum ich weniger wert bin.“

Gerade dieser letzte Schritt ist problematisch. Denn die Information über eine damalige Schwangerschaftssituation beantwortet eigentlich nur eine historische Frage:

War diese Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt gewollt?

Innerlich kann daraus jedoch eine völlig andere Aussage entstehen:

„War ich als Mensch gewollt?“

Das sind zwei verschiedene Fragen.

Eine Schwangerschaft kann aufgrund des Alters, der Beziehungssituation, wirtschaftlicher Unsicherheit, gesundheitlicher Sorgen oder zahlloser anderer Umstände abgelehnt worden sein. Daraus folgt keinerlei Aussage über den Wert des später geborenen Menschen. Psychologisch kann diese Unterscheidung trotzdem verloren gehen.

Aus:

„Meine Mutter wollte damals keine Schwangerschaft“

wird:

„Meine Mutter wollte mich nicht.“

Und daraus möglicherweise:

„Ich war nicht liebenswert.“

Damit erhält ein bereits vorhandenes negatives Selbstbild scheinbar eine biografische Bestätigung.

Vom schwachen Selbstwert zur Angst vor Ablehnung

An diesem Punkt kann sich ein weiterer Mechanismus entwickeln.

Wer sich selbst als weniger wertvoll erlebt, besitzt möglicherweise weniger innere Sicherheit, dass Beziehungen Bestand haben. Die Zustimmung anderer Menschen gewinnt dadurch größere Bedeutung.

Ein kritischer Blick kann stärker verunsichern.

Ein Streit kann schneller als Gefahr für die Beziehung erlebt werden.

Eine verzögerte Nachricht kann Zweifel auslösen.

Eine Meinungsverschiedenheit kann wie persönliche Ablehnung wirken.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Zurückweisungs- oder Ablehnungssensibilität. Gemeint ist die Tendenz, mögliche Ablehnung besonders schnell zu erwarten, entsprechende Signale stärker wahrzunehmen und emotional intensiver darauf zu reagieren.

Eine Längsschnittstudie mit 866 Jugendlichen zeigte, dass ein niedriger Selbstwert spätere Zurückweisungssensibilität vorhersagte. Diese wiederum war mit zunehmender Einsamkeit und späteren depressiven Symptomen verbunden.

Auch Erfahrungen im Elternhaus können dabei eine Rolle spielen. In einer Längsschnittstudie mit 601 Kindern und frühen Jugendlichen waren wahrgenommene elterliche Zurückweisung, Zwang und psychologische Kontrolle mit zunehmender Zurückweisungssensibilität und emotionalen Problemen verbunden.

Das bedeutet keine zwangsläufige Entwicklung. Es beschreibt einen möglichen psychologischen Weg:

Erlebte Ablehnung kann das Selbstbild beeinflussen. Ein schwacher Selbstwert kann die Erwartung weiterer Ablehnung begünstigen. Und diese Erwartung beeinflusst wiederum, wie soziale Situationen wahrgenommen werden.

Irgendwann reagiert der Mensch nicht mehr nur auf das, was geschieht

Hier beginnt ein sich selbst verstärkender Prozess. Wer Ablehnung erwartet, richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Hinweise darauf.

Ein neutraler Gesichtsausdruck kann kühl wirken.

Eine andere Meinung kann wie Distanz erscheinen.

Kritik kann als persönliche Abwertung erlebt werden.

Die Entscheidung eines anderen Menschen kann plötzlich etwas über den eigenen Wert auszusagen scheinen.

Das Entscheidende daran: Der Betroffene erlebt seine Reaktion häufig keineswegs als übertrieben. Für ihn ist die Gefahr real. Seine bisherige Lebensgeschichte liefert schließlich scheinbar genügend Belege dafür.

Dadurch kann aus einer ursprünglichen Unsicherheit eine immer stärkere Erwartung entstehen:

„Ich muss verhindern, dass andere mich ablehnen.“

Und genau diese Erwartung beginnt nun, Verhalten zu steuern.

Dieselbe Angst kann sehr unterschiedliche Gesichter haben

Ein Mensch versucht vielleicht, es jedem recht zu machen. Er passt sich an, sagt selten Nein und stellt eigene Bedürfnisse zurück.

Ein anderer vermeidet enge Beziehungen. Wer niemanden wirklich an sich heranlässt, kann schließlich auch weniger verletzt werden.

Ein Dritter reagiert auf Kritik sofort aggressiv.

Ein Vierter versucht, besonders erfolgreich zu sein, weil Anerkennung seinen Selbstwert stabilisiert.

Ein Fünfter kontrolliert Menschen in seinem Umfeld.

Auf den ersten Blick haben diese Verhaltensweisen wenig miteinander gemeinsam.

Doch hinter ihnen kann eine ähnliche innere Frage stehen:

„Wie kann ich verhindern, abgelehnt zu werden?“

Forschung zur Zurückweisung zeigt, dass Reaktionen darauf keineswegs immer in Rückzug oder Traurigkeit bestehen. Experimentelle Studien und Meta-Analysen zeigen auch aggressive oder kontrollorientierte Reaktionen. Eine mögliche Erklärung lautet, dass Menschen nach Zurückweisung versuchen, Zugehörigkeit oder Kontrolle wiederherzustellen.

Damit wird verständlich, warum Angst vor Ablehnung mit zunehmendem Alter Verhaltensweisen hervorbringen kann, deren Zusammenhang mit dieser ursprünglichen Angst für Außenstehende kaum noch erkennbar ist.

Wenn aus eigener Unsicherheit die Kontrolle anderer wird

Besonders interessant wird diese Entwicklung, wenn der Mensch versucht, seine eigene soziale Sicherheit durch das Verhalten anderer Menschen zu gewährleisten. Dann genügt es irgendwann nicht mehr, das eigene Verhalten anzupassen.

Auch nahe Angehörige sollen sich so verhalten, dass keine Situation entsteht, die als beschämend, bedrohlich oder sozial riskant erlebt wird.

Welche Partner die eigenen Kinder wählen.

Wie sie leben.

Welchen Beruf sie ergreifen.

Wie sie sich kleiden.

Welche Entscheidungen sie treffen.

Ob sie sich trennen.

Mit wem sie eine Familie gründen.

Solche Entscheidungen gehören eigentlich zum Leben des anderen Menschen. Für jemanden mit ausgeprägter Ablehnungsangst können sie jedoch eine persönliche Bedeutung bekommen:

„Was werden die anderen denken?“

„Was sagt das über unsere Familie aus?“

„Wie stehe ich dann da?“

„Was passiert, wenn die anderen sich von uns abwenden?“

Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes.

Der Mensch versucht nun, seine eigene Angst durch die Kontrolle anderer zu regulieren.

Von außen kann das Verhalten bevormundend, aggressiv, verletzend oder vollkommen unverständlich erscheinen. Innerhalb der eigenen psychischen Logik dient es jedoch möglicherweise einem klaren Zweck:

Eine befürchtete Ablehnung soll um jeden Preis verhindert werden.

Angst vor Ablehnung kann dadurch immer größer werden

Hier zeigt sich eine weitere problematische Dynamik. Vermeidung und Kontrolle können kurzfristig beruhigen. Wer beispielsweise eine Situation verhindert, die er als sozial gefährlich erlebt, erfährt zunächst Erleichterung. Gerade diese Erleichterung kann jedoch die zugrunde liegende Angst stabilisieren.

Denn der Mensch erfährt nicht:

„Die Situation wäre wahrscheinlich gar nicht so gefährlich gewesen.“

Er erlebt stattdessen:

„Zum Glück habe ich verhindert, dass es passiert.“

Die Angst erhält damit scheinbar recht. Bei der nächsten vergleichbaren Situation erscheint Kontrolle erneut notwendig. So kann sich aus einer zunächst nachvollziehbaren Unsicherheit über Jahre ein immer engeres System entwickeln, in dem zunehmend mehr Situationen als mögliche Ablehnung erlebt werden.

Was für Außenstehende irgendwann vollkommen unverhältnismäßig erscheint, kann innerhalb dieser inneren Logik konsequent sein.

Die Erklärung ist nicht die Entschuldigung

An diesem Punkt ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.

Die eigene Lebensgeschichte kann erklären, warum jemand bestimmte Ängste oder Verhaltensmuster entwickelt hat.

Sie hebt jedoch die Verantwortung für das spätere Verhalten gegenüber anderen Menschen nicht auf.

Wer selbst Ablehnung erlebt hat, erhält daraus kein Recht, andere abzuwerten, zu kontrollieren oder zu verletzen.

Gerade darin liegt eine wichtige Bedeutung von Selbstbestimmtheit.

Selbstbestimmtheit bedeutet nicht nur, sich gegen die Erwartungen anderer zu behaupten. Sie bedeutet auch, die eigenen inneren Automatismen besser zu verstehen.

Welche Angst steuert mich?

Welche Situation löst sie aus?

Welche Bedeutung gebe ich dem Verhalten anderer?

Und versuche ich möglicherweise, das Leben anderer Menschen zu verändern, damit ich meine eigene Unsicherheit weniger spüre?

Diese Fragen können unangenehm sein. Sie eröffnen zugleich einen Ausweg.

Denn was als unveränderlicher Charakterzug erscheint, kann sich als erlernte innere Logik erweisen.

„Ich war ungewollt“ beschreibt einen Anfang – keinen Wert

Vielleicht liegt hierin die wichtigste Unterscheidung. Ein Mensch kann tatsächlich ungeplant oder ungewollt gezeugt worden sein. Seine Mutter kann über eine Abtreibung nachgedacht haben. Seine Eltern können mit der Schwangerschaft überfordert gewesen sein. Und vielleicht hat er später tatsächlich Zurückweisung erlebt.

All diese Erfahrungen gehören zu seiner Biografie.

Doch aus keiner davon folgt:

„Ich bin weniger wert.“

Dieser Schluss entsteht erst durch die Bedeutung, die der Mensch seinen Erfahrungen gibt.

Gerade wenn jemand bereits früh ein schwaches Selbstbild entwickelt hat, kann die spätere Erkenntnis, ursprünglich ungewollt gewesen zu sein, wie das fehlende Puzzleteil erscheinen:

„Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich immer so gefühlt habe.“

Aber vielleicht erklärt diese Erkenntnis lediglich einen Teil der eigenen Geschichte.

Sie beweist nicht die negative Schlussfolgerung, die daraus gezogen wurde.

Genau darin liegt zugleich die Möglichkeit zur Veränderung.

Denn zwischen

„Ich wurde damals nicht gewollt“

und

„Ich bin nicht liebenswert“

liegt kein Naturgesetz.

Dazwischen liegt eine Deutung.

Und Deutungen können verstanden, überprüft und verändert werden.

Bedeutung der Ergebnisse

Die Prager Langzeitstudie ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, dass sich die möglichen Folgen einer ursprünglich ungewollten Schwangerschaft nicht auf die ersten Lebensjahre beschränken.

Die Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen zeigten sich teilweise erst später deutlicher. Sie betrafen weniger die grundlegende Intelligenz oder körperliche Entwicklung, sondern vor allem soziale Beziehungen, schulische und berufliche Entwicklungen sowie die psychische Anpassung.

Damit lenkt die Studie den Blick auf einen wichtigen Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung: Frühe Erfahrungen wirken nicht zwangsläufig sofort sichtbar. Ihre Bedeutung kann sich erst über Jahre entfalten.

Dabei sollte die Studie weder überinterpretiert noch verharmlost werden.

Sie zeigt nicht, dass aus einer ungewollten Schwangerschaft zwangsläufig psychische Probleme entstehen. Sie zeigt ebenso wenig, dass jede spätere Schwierigkeit auf die ursprüngliche Haltung der Eltern zur Schwangerschaft zurückgeführt werden kann.

Sie zeigt jedoch, dass eine stark ungewollte Schwangerschaft Teil einer familiären Ausgangssituation sein kann, in der sich das Risiko für spätere psychosoziale Belastungen erhöht.

Besonders interessant wird dieser Befund, wenn man ihn mit der Forschung zu elterlicher Ablehnung, Selbstwert und Ablehnungssensibilität verbindet.

Dann entsteht ein umfassenderes Bild:

Ein Kind erlebt nicht nur objektive Ereignisse. Es entwickelt aus diesen Erfahrungen Vorstellungen darüber, wer es ist und welchen Wert es besitzt.

Erlebt es wiederholt Distanz, Kritik oder Zurückweisung, kann daraus ein negatives Selbstbild entstehen.

Erfährt dieser Mensch später zusätzlich, dass er ursprünglich gar nicht gewollt war, kann diese Information rückwirkend wie eine Erklärung für viele frühere Erfahrungen wirken.

Damit verändert sich die Bedeutung der eigenen Biografie.

Eine einzelne Information kann plötzlich zahlreiche Erinnerungen miteinander verbinden.

Aus:

„Meine Kindheit war schwierig.“

kann werden:

„Meine Kindheit war schwierig, weil ich nie gewollt war.“

Und aus dieser Erklärung kann wiederum eine grundlegende Schlussfolgerung über die eigene Person entstehen:

„Dann war ich offenbar von Anfang an weniger wert.“

Gerade hier liegt eine mögliche Gefahr.

Denn die Tatsache, dass eine Schwangerschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ungewollt war, sagt nichts über den Wert des später geborenen Menschen aus.

Psychologisch können beide Ebenen jedoch miteinander verschmelzen.

Dann wird aus einem historischen Umstand eine Aussage über die eigene Identität.

Die besondere Bedeutung der Prager Studie liegt deshalb vielleicht weniger darin, dass sie eine einfache Ursache für spätere psychische Probleme gefunden hat.

Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie zeigt, wie stark sich frühe familiäre Ausgangsbedingungen mit späteren sozialen und psychischen Entwicklungen verbinden können.

Persönlichkeit entsteht nicht aus einem einzigen Ereignis.

Sie entwickelt sich aus Erfahrungen, deren Deutung und den daraus entstehenden Erwartungen.

Gerade deshalb kann auch eine spätere Erkenntnis über die eigene Herkunft oder frühe Familiengeschichte noch erheblichen Einfluss darauf haben, wie ein Mensch sich selbst versteht.

Studieninformationen

Infobox zur Studie.

Forschungsfeld: Entwicklungspsychologie, Familienpsychologie, psychische Gesundheit

Studie: Langzeituntersuchung zu Kindern aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften in Prag

Journal: Reproductive Health Matters

Veröffentlichung: 2006 als zusammenfassende Auswertung der Prager Langzeitstudie; die zugrunde liegenden Untersuchungen begannen bereits in den 1960er-Jahren.

Studientyp: Prospektive Langzeitstudie mit Vergleichsgruppe und mehreren Nachuntersuchungen über mehr als 30 Jahre

Teilnehmerzahl: 220 Kinder aus ursprünglich ungewollten Schwangerschaften sowie 220 vergleichbare Kinder aus akzeptierten Schwangerschaften. In späteren Untersuchungsphasen wurden zusätzlich Geschwister einbezogen.

Untersuchungszeitraum: Vom Kindesalter bis etwa zum 35. Lebensjahr

Originalstudie: David, H. P. et al.: Born Unwanted: Observations from the Prague Study

Link zur Studie:
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1016/S0968-8080%2806%2927219-7